Per­sön­li­che Musik­ge­schich­te, Teil 4

2000er – Fami­ly Life

2001 wur­de unser erster Sohn gebo­ren – wir gin­gen in den fami­ly mode. Musik und “Schwar­ze Sze­ne” tra­ten in den Hin­ter­grund, auch weil wir als Fami­lie in einem reli­giö­sen Bereich sehr enga­giert waren (und ich ganz viel skan­di­na­vi­sche Musik, viel Folk hör­te).
(Die vor­her­ge­hen­den Tei­le die­ser Arti­kel-Serie: 1, 2, 3)

M’era Luna 2000

2002, 2004 und 2005 war ich den­noch wie­der auf dem M’era Luna, wobei ganz klar das 2002er Kon­zert von VNV Nati­on her­aus­ragt. Die Live-Ver­si­on von Legi­on fand sich spä­ter dann auch auf der “Honour 2003″ MCD. Her­vor­zu­he­ben aus allen drei Events auf dem Hil­des­heim-Dri­s­pen­sted­ter Flug­ha­fen sind für mich:
HIM (ja, doch, irgend­wie schon), Soft Cell, Sui­ci­de Com­man­do, The 69 Eyes, Schand­maul, L’Âme Immor­tel­le (mit dem ergrei­fen­den “Bit­ter­keit”), Fun­ker Vogt, Oomph!, Lacri­mo­sa (genia­les Kon­zert), Covenant, The Mis­si­on, Umbra et Ima­go (bes­ser aber beim WGT in der Agra-Hal­le), Rot­er­sand, The Sisters of Mer­cy, Dei­ne Lakai­en, Dia­ry of Dreams, Faun, Zera­phi­ne, Mesh, The Crüx­sha­dows – so vie­le schö­ne Erin­ne­run­gen. Tage im Zelt, Dosen­fut­ter auf dem Spi­ri­tus-Kocher, Heim­fahrt mit schlamm­be­deck­tem Auto.

M’era Luna 2002

Spä­te­stens mit unse­rem zwei­ten Sohn (2004) ging mei­ne “akti­ve Pha­se” auf ein Mini­mal-Niveau. Da ich auch auf­ge­hört hat­te, Zil­lo oder Sonic Sedu­cer regel­mä­ßig zu lesen, war ich nicht mehr so auf dem Lau­fen­den, was sich in der Schwar­zen Sze­ne tat. (Wer auf­merk­sam gele­sen hat, wird den Wider­spruch gefun­den haben: Zil­lo-Hef­te bis 2006 gesam­melt, aber schon 2004 nicht mehr gele­sen? Ja, einen gan­zen Schwung Hef­te habe ich vom Zil­lo-Stand auf dem 2005er M’era Luna kosten­los abge­grif­fen, ein paar dann nach­be­stellt.)

Schön fand ich die seit dem Jahr 2004 erschei­nen­den Jah­res­rück­blick-Son­der­hef­te des Sonic Sedu­cer (mit DVD), auch wenn die Arti­kel m.E. jour­na­li­stisch auf sehr seich­tem Niveau blie­ben.
Zu dem “seich­ten Niveau” auch fol­gen­des Zitat:

“Wäh­rend die aus­führ­li­che­ren Band- und Inter­pre­ten­por­träts im Haupt­teil der Maga­zi­ne im Grun­de nichts ande­res als Prom­o­ar­ti­kel sind, so setzt sich die­se hem­mungs­los affir­ma­ti­ve Ten­denz auch bei den Rezen­sio­nen aktu­el­ler Alben fort. Auch hier fin­den Kri­tik und Kon­tex­tua­li­sie­rung im klas­si­schen Sin­ne nicht statt.”
[Dirk Mate­jov­ski, Geschich­ten aus der Gruft. Die Maga­zi­ne der >Schwar­zen Sze­ne<]

Soll hei­ßen: guter Musik­jour­na­lis­mus geht anders – wobei ich nur über die “gro­ßen” Maga­zi­ne spre­che.
Lei­der wur­den die­se Sonic-Sedu­cer-Jah­res­hef­te mit der Aus­ga­be 2018 ein­ge­stellt.

Lebens-Ich und Fest-Ich

Doch immer noch ist die Sehn­sucht da, öfter mal wie­der ein “schwar­zes Event” besu­chen zu kön­nen. Das fiel mir z.B. auch auf, als ich das Buch mit dem son­der­ba­ren, neu­gie­rig machen­den Titel “Von Wind­beut­lern, Nuss­tort­lern und Hang­hütt­lern” (Rudolf Schä­fer, (F. Fischer, 2006)) las; der Autor beschreibt u.a. sei­ne Erfah­run­gen als recht­li­cher Betreu­er für Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen. Schä­fer for­mu­lier­te – mir aus der See­le spre­chend – über die schnö­de Pflicht­übung der Teil­nah­me an Dorf­fe­sten (bei mir heißt das erwei­tert auch der pri­va­te Umgang mit Leu­ten aus mei­nem Umfeld, die mir nicht 100% lie­gen):

“Ich habe dann begon­nen dar­über nach­zu­den­ken, was mir bei­spiels­wei­se an die­sen Dorf­fe­sten nicht gefiel. Mir ist dann irgend­wann klar­ge­wor­den, dass die Leu­te mich nur um den Preis moch­ten, dass ich nichts von jenen Din­gen erzähl­te, die mich wirk­lich beweg­ten. Ich ging dann ein paar Mal zu Dorf­fe­sten und sag­te gar nichts. Das heißt nein, ich sag­te schon etwas, aber eigent­lich auch wie­der nichts.”

Er führt dann wei­ter aus, daß er zwi­schen sei­nem ‘Fest-Ich’ und sei­nem ‘Lebens-Ich’ dif­fe­ren­zie­re. “Ich merk­te dann schließ­lich, dass sich die Leu­te mit mei­nem Fest-Ich präch­tig amü­sier­ten, wäh­rend mein ‘Lebens-Ich’ zugleich immer stil­ler wur­de.”
– Weni­ge Sät­ze, die mich aber gleich auch des­halb so berühr­ten, weil sie mei­ne eige­nen Erfah­run­gen spie­geln. Auch mein ‘Lebens-Ich’ wird von weni­gen Men­schen wahr­ge­nom­men und geschätzt, wäh­rend mein ‘Fest-Ich’ gequält lächelt.

Strea­ming

Liest man die schon erwähn­ten Jah­res­rück­blicke, dann merkt man, daß sich eine Ent­wick­lung sehr deut­lich in den Vor­der­grund schob: zurück­ge­hen­de CD-Ver­käu­fe, zuneh­men­der Inter­net­ab­satz, auch Kla­gen über Tausch­bör­sen und Pira­te­rie (man den­ke z.B. an Nap­ster). In einem lesens­wer­ten Arti­kel bei Caschy wird für das erste Halb­jahr 2022 berich­tet, der Strea­ming-Anteil lie­ge schon bei 80%.

Von Mesh kam z.B. die Beschwer­de (Quel­le habe ich nicht mehr), daß man als Künst­ler ein Album kon­zi­piert, das als Gesamt­kunst­werk gese­hen wer­den soll, wohin­ge­gen jeder nun die Mög­lich­keit habe, über Online­shops nur ein­zel­ne Titel zu kau­fen, die er gut fin­det. Ande­re Grup­pen kla­gen, daß man als Band im Mit­tel­feld der Alter­na­tiv­mu­sik so nied­ri­ge Plat­ten­ab­sät­ze habe, daß man davon im Prin­zip kaum leben kön­ne. Umge­kehrt wird dann auch ver­sucht, aus allem Mate­ri­al Kapi­tal zu schla­gen. Da muß es dann zu jeder Tour noch eine sepa­ra­te DVD geben usw. Ich sehe einen Grund für die oft beklag­te Absatz­flau­te auch in der Preis­po­li­tik der Label: wäh­rend ich in mei­ner Jugend­zeit z.T. selbst aktu­el­le LPs als Ange­bot für z.B. 15DM kau­fen konn­te, bezah­le ich die­sen Preis heu­te in Euro für ein Album. Das ist  im Taschen­buch­be­reich ähn­lich, hat natür­lich auch mit einer all­ge­mei­nen Ver­teue­rung zu tun, aber bei 15€ für eine CD über­legt man sich den Kauf schon zwei­mal. Ande­rer­seits ist es natür­lich ein gro­ßer Vor­teil, über Spo­ti­fy, LastFM, MySpace oder ähn­li­che Platt­for­men in die Musik hin­ein­hö­ren zu kön­nen. Noch genia­ler in die­ser Hin­sicht sind die Online-Radi­os, z.B. die von mir favo­ri­sier­ten Radi­os Dark Sec­tion und Schwar­ze Wel­le. End­lich ist man auf das Gedu­del der Stan­dard-Radio­sta­tio­nen nicht mehr ange­wie­sen – auch wenn es immer wie­der Bands aus dem Indie-Bereich “schaf­fen”, in die Main­stream-Pro­gram­me zu rut­schen. Man sieht, für Pro­du­zent wie Kon­su­ment ist der­zeit eine Wand­lung im Gan­ge, deren Aus­gang noch nicht abseh­bar ist. Ich befürch­te auf jeden Fall eine zuneh­men­de­re Gewich­tung auf “Main­stream-Taug­lich­keit”, um die Absatz­chan­cen zu erhö­hen.

[Die­sen Absatz hat­te ich schon vor län­ge­rer Zeit vor­ge­schrie­ben. Man den­ke aktu­ell an die hohe Chart-Plat­zie­rung des neu­en Albums von VNV Nati­on, die damit eben auch im Main­stream ange­kom­men sind, oder an Lord of the Lost, die Deutsch­land wür­dig beim ESC ver­tra­ten – nicht.]

Für mich sieht das so aus, daß ich mei­ne Musik immer noch mit iTu­nes orga­ni­sie­re und auch Alben, aber v.a. Ein­zel­ti­tel dort kau­fe. Ande­rer­seits nut­ze ich Spo­ti­fy zum Rein­hö­ren in Alben oder um mir einen Erst­ein­druck eines Künst­lers zu ver­schaf­fen. Mei­ne zum Blog gehö­ren­den Play­list ist auf Spo­ti­fy rea­li­siert. CDs kau­fe ich gar kei­ne mehr.
[Nach­trag 2025: Aus ver­schie­de­nen Grün­den habe ich sowohl iTu­nes wie auch Spo­ti­fy den Rücken gekehrt. Ich bin da ziem­lich ‘old-school’ und erfas­se mei­ne Play­lists erst­mal schrift­lich in Listen, dann rea­li­sie­re ich sie über die Audio-Funk­ti­on des Cloud-Anbie­ters pCloud.]

Unauf­fäl­li­ge Jah­re

Vie­le Jah­re habe ich nur die News­let­ter von Zil­lo (solang es das Maga­zin noch gab) und Sonic Sedu­cer gele­sen. Bil­der schrill geschmink­ter Bands, so nach dem Mot­to “Auf­fal­len um jeden Preis” – auch mit den immer glei­chen Uten­si­li­en und Ste­reo­ty­pen – lie­ßen mich spü­ren, daß ich wei­ter von “der Sze­ne” weg bin, als ich es dach­te, oder sich die Sze­ne von mir weg­be­weg­te und sich ver­än­der­te – viel­leicht eher das. Es folg­ten unauf­fäl­li­ge Jah­re – das 2005er M’era Luna war mein vor­erst letz­tes – erst 14 Jah­re spä­ter soll­te ich zurück­keh­ren.

2006 war mein letz­tes Live-Kon­zert, bevor es erst 2010 wei­ter­ging: The Crüx­sha­dows in der KuFa Kre­feld (Vor­band: Ego Liken­ess). Das Kon­zert besuch­te ich, wie etli­che ande­re zuvor, mit mei­nem dama­li­gen Freund S. Heu­te höre ich wenig Crüx­sha­dows – die Band war wie ein Tor­na­do, der mäch­tig über mei­ne Musik­land­schaft hin­weg­feg­te, sich dann aber zu einem ange­neh­men lau­en Som­mer­wind beru­hig­te. Eini­ge der für mich wich­tig­sten Lie­der (Win­ter­born, Go Away, Decep­ti­on) sind noch immer auf mei­ner Haupt-Play­list.

Nach fünf Jah­ren Pau­se besuch­ten mei­ne Frau und ich 2010, als die Kin­der mal ein, zwei Näch­te allein bei Oma und Opa blei­ben konn­ten, das Neu­werk-Festi­val und *hust* ein Kon­zert von Unhei­ligs “Gro­ße Frei­heit II”-Tour. Immer­hin: hier lern­ten wir Mono Inc. ken­nen und lie­ben. (Apo­ptyg­ma Berz­erk fand ich grot­tig an dem Abend; der Herr Groth fum­mel­te sich non-stop in den fet­ti­gen (nas­sen?) Haa­ren her­um… – opti­sche ’non-stop vio­lence’).

Das Neu­werk-Festi­val in Lan­gen (2010) hat­te VNV Nati­on als Head­li­ner, aber es gab eine ande­re wich­ti­ge Beson­der­heit: hier habe ich zum ein­zi­gen Mal Colo­ny 5 live gese­hen. Lei­der gibt es von ihnen auch kein neu­es Mate­ri­al mehr – sehr scha­de! (Wei­ter dabei: Fro­zen Plas­ma, S.I.T.D., Absurd Minds und Mensch­de­fekt). Neben-Erin­ne­rung dazu: Bei Minus­tem­pe­ra­tu­ren war uns die Hand­brem­se ein­ge­fro­ren. Das dau­er­te bei lau­fen­dem Motor eine gan­ze Wei­le, bis wir dann nach Hau­se fah­ren konn­ten.

Im Herbst 2011 sah ich VNV Nati­on erneut in der KuFa in Kre­feld; Vor­band war Straf­t­anz, aber mein freund­schaft­li­cher “Link” zur “Lein­we­ber-Stadt” am Nie­der­rhein brach in der Fol­ge lei­der weg, weil sich auch die Freund­schaft zu S. als nicht dau­er­haft zeig­te – scha­de.

Rush out.

[Teil 5]

2 Gedanken zu „Per­sön­li­che Musik­ge­schich­te, Teil 4“

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