Nun drücke ich mich schon mehrere Stunden um den Beginn des Schreibens am Bericht über das vergangene Wochenende – 20 Jahre Amphi-Festival. Ich hatte tatsächlich schon Text vorab verfaßt – zur Absage von VNV Nation und zur Situation mit der Orbit Stage, der dritten Bühne auf dem Schiff (MS RheinMagie), die wieder nur mit längeren Pendelzeiten erreichbar sein würde. Alles gelöscht.
Ich hatte keine Lust auf das Wochenende, auf die Fahrerei – je eine Stunde hin und zurück bei zugegeben komfortablem Parken im RTL-Parkhaus (für 10€/d), auf die Menschenmengen, auf dieses Mitten-Drin-Sein. Ich kann das nur schwer benennen. Wir kamen an als Florian Grey schon auf der Bühne standen – guter Opener, für mich nicht mehr. Eine Runde drehen, das Wiedererkennen der Infrastruktur, Bummel entlang der Verkaufsstände, Kauf eines schönen Schlangen-Anhängers.
Dann mit Soulbound die erste Band, auf die ich mich gefreut habe. Dieser ‘Nu Metal’ ist in keiner Weise mein favorisiertes Genre, aber die Band mausert sich doch so langsam zu einer Lieblingsband. Warum? Na ja, Sänger Johnny thematisiert immer wieder seine eigenen Depressionen, auch eine aktuell schlechte Phase, sensibilisiert das Publikum für ‘mental health issues’ und ist einfach so herzlich in seiner Art: das mag ich, darin finde ich mich.
Ich bin dann zur Theater Stage für Dina Summer, von denen ich ein paar Songs vorab gehört hatte. Was
würde die als “Disco Goth” angekündigte Band auf die Bühne bringen? Nun, das war von der Umsetzung ziemlich perfekt – die Lichtanlage komplett ausgereizt, der Sound crisp, gut ausgesteuert. Überhaupt dieses Jahr: auf beiden Bühnen (im Tanzbrunnen) deutlich leiserer Sound als in den Vorjahren… Bei Dina Summer hörte ich immer wieder 80er Disco-Anleihen raus, doch auch sehr EBM-artige Passagen. Ich bin froh, den gesamten Gig gesehen zu haben; so habe ich einen Eindruck von einer Band, die ich kein zweites Mal sehen muß.
Beim Rausgehen Asch und Kate von photophor getroffen – kurzes Gespräch mit Asch, ein Highlight des Tages, der von so viel Aufnehmen und so wenig Austausch geprägt war. (Hey Amphi-Orga! Für photophor würde ich sogar zur Orbit Stage latschen.)
Mit Corri-May draußen wieder getroffen, die sich Heldmaschine angeschaut hatte. Zurück zur Theater Stage für Soror Dolorosa. Dort wurde ich dann durch guten alten Gothic Rock dieser französischen Formation “geerdet”. Das tat gut, homecoming, auch wenn die Band mir bei einem Stella-Nomine-Festival nicht so gefallen hatte. Aber immer wieder diese Gedanken: wie unpersönlich sind diese Auftritte vor hunderten oder gar tausenden Menschen. Und das Bild springt automatisch in meinen Kopf: vorne rechts vor der Bühne bei The Beauty of Gemina im Kulttempel – welch ein Erlebnis!
Den Magen füllen, vor die Hauptbühne zu Solar Fake. Werde ich nicht warm mit… Sven öfter mal deutlich unter der zu erreichenden Tonhöhe (vielleicht lag’s am Monitoring), der Sound plätschert durch – nicht meine Band (s.a. mein Kommentar zur Solitary Experiments). Und ich war weit hinten, wo die Menschen enger gedrängt als vor der Bühne standen: das war mir unangenehm.
Kurzer Exkurs zu den Besucherzahlen, denn da gibt es doch v.a. auf Facebook etliche Rückmeldungen zu “zu voll!”: Das Amphi ist in Gelsenkirchen mit unter 5000 Besuchern gestartet. Beim ersten Mal Tanzbrunnen waren es 7500 Leute (pro Tag), 2010 unter Einbindung des Staatenhauses schon 16000 pro Tag! Ab 2016 “nur” um die 12000/12500 Menschen wegen Wegfall des Staatenhauses und Ausweichen auf Theater Stage + Orbit Stage. Ab 23 fehlen die Angaben auf der offiziellen Seite. Für das vergangene Wochenende geben mehrere Quellen 12500 Gäste an, aber man munkelt, es seien “wegen Jubiläum” auch um die 14000 Karten verkauft worden. Fakt ist: Es war noch nie so voll am hinteren Ende des Publikums vor der Main Stage, also wo man am “Metbrunnen” vorbeigehen möchte. Da mußte man sich durchdrängen – habe ich bisher so nicht erlebt. Vielleicht lag es an der unattraktiv weit entfernten Orbit Stage, die im übrigen nur max. 1000 Menschen ein Live-Erlebnis bieten kann.)
Dann Entscheidungszeit: Mono Inc. oder Rue Oberkampf. Für Corri-May stand fest: Mono Inc. Ich brauchte Seelenfutter und ging ins Theater. Julia und Oliver spielten eine perfekte Show, holten mich ab, trugen mich weg aus der Menge der fremden Menschen – “allein!” Wieder einmal staunte ich über den ungewohnt gut ausgesteuerten Sound im Theater. Da gibt’s wenig zu schreiben: ich habe aufgesogen. (Und ja, ich werde Mono Inc. im Juni 27 sehen, von daher …)
Noch eine Runde übers Gelände, ein paar Lieder von Covenant, dann nach Hause. Die Absage von VNV Nation kam plötzlich, kam wiederholt, denn schon letztes Jahr hatte Ronan den Amphi-Auftritt wegen gesundheitlichen Problemen absagen müssen.
Hier flechte ich das jetzt mit der Orbit Stage ein: Diese Bühne auf dem Schiff, in den letzten Jahren öfter wegen Niedrigwasser auf der ‘falschen’ Rhein-Seite, ist m.E. für die Amphi-Orga so ein Prestigeobjekt, das nun zu einer Altlast geworden ist, so empfinde ich das. Selbst wenn das Boot auf der gleichen Seite anlegen kann, ist es ein Gedränge darin – wenn man nicht wegen Einlaß-Stop draußen warten muß. Ich erwähne es im Sonntags-Bericht: Theater Stage maximal 2000 Menschen, auf dem Schiff ca. 1700, aber nur 1000 mit Blick auf die Bühne. Der gesamte Rest bevölkert eben den Tanzbrunnen vor der Main Stage…
Ich würde mir wünschen, man ging vom Boot weg und würde für die dritte Bühne irgendeine Lösung im Bereich Tanzbrunnen finden. Ich könnte auch mit zwei Bühnen gut leben – im Wissen, daß ich jederzeit über kurze Wege zur anderen komme.
