Der Teu­fel in mir – Exor­zis­mus heu­te (ZDF-Doku, 2026)

Gibt es den Teu­fel, das per­so­ni­fi­zier­te Böse? Das bleibt lt. im Film zu Wort kom­men­der Exper­tin Nico­le Bau­er unge­klärt. Für den katho­li­schen Pfar­rer Jörg Mül­ler ist es ähn­lich: er sage nie, daß es das nicht gebe, aber ‘der Böse’ kom­me eben nie als Per­son, nie­mand habe ihn gese­hen.

Also 43 Minu­ten viel Lärm um nichts? Ich sage mal so: wer nur Exor­zis­mus-Fil­me als Hor­ror­fil­me schaut, der wird fest­stel­len, daß es gar nicht so ein­fach ist, das reel­le Wesen des Bösen zu bestim­men, und auch das Wir­ken des Bösen zwei­fels­frei beur­tei­len zu kön­nen. In der Doku berich­tet nie­mand davon, daß ein Beses­se­ner wie eine Spin­ne von der Decke her­ab­hängt und Obszö­ni­tä­ten schreit oder grü­nen Brei erbricht.

Ich mer­ke, daß ich mich schwer tue mit dem Gese­he­nen. Pfar­rer Mül­ler erscheint wie ein guter Geist, der zur Not Kühe seg­net und den ver­meint­li­chen Geist eines Ver­stor­be­nen ver­treibt; er wirkt abge­klärt. Er kri­ti­siert sei­ne Kir­che für nicht vor­han­de­ne Bera­tungs­an­ge­bo­te, ver­mu­tet geheim­ge­hal­te­ne Exor­zis­men, da die Kir­che nach dem Tod Anne­lie­se Michels die Öffent­lich­keit scheut. Die Fak­ten zum katho­li­schen Exor­zis­mus wer­den knapp und prä­zi­se auf­be­rei­tet; in Deutsch­land sei­en 2 Exor­zi­sten benannt, und für den Spre­cher der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz spielt das The­ma gar kei­ne Rol­le.

So gehe ich die Opfer – ich mer­ke, daß ich das Wort hier nut­zen möch­te, – durch: die jun­ge Frau, bei der Ärz­te PTBS und Schi­zo­phre­nie ver­mu­ten, die sich vom selbst­er­nann­ten YouTube-“Exorzisten” ‘Nature23’ behan­deln läßt. Die bei­den recht kon­ser­va­tiv wir­ken­den jun­gen Frau­en, die sich in die Hän­de eines frei­kirch­li­chen Gebets­teams bege­ben, das “Befrei­ungs­dien­ste” anbie­tet – man spricht eben nicht mehr von Exor­zis­men. Ich mer­ke, wie mir das stän­dig süf­fi­san­te Grin­sen der Befrei­ungs­be­ter auf den Sack geht. Ich sehe Jan, einen Mann mit Miß­brauchs­er­fah­rung, der in einem pfingst­kirch­li­chen ‘Vic­to­ry Camp’ eben­falls Befrei­ungs­ge­be­te erleb­te und als davon trau­ma­ti­siert wirkt.

Hier wird deut­lich, was Nico­le Bau­er so beschreibt: Es gibt den Teu­fel als sozia­le Wirk­lich­keit. Da steigt Sart­re in mir auf: „L’enfer, c’est les aut­res.“ Die Höl­le, das sind die Ande­ren.

Ich mer­ke, daß ich einer­seits im katho­li­schen Den­ken ver­haf­tet bin, den Fall Michel ken­ne, Exor­zis­mus-Fil­me nach katho­li­schem Ritus lie­be, ande­rer­seits das, was das frei­kirch­li­che Gebets­team und Nature23 abzie­hen, zum Kot­zen fin­de, letzt­lich in mei­ner Ein­schät­zung des The­mas ziem­lich ’schwim­me’.

Also muß ich viel­leicht eige­ne Erfah­run­gen ein­bau­en, um die Doku bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen? Mache ich das knapp oder aus­führ­lich? Lie­ber knapp. Ich habe vor 12 Jah­ren im spa­ni­schen Gali­zi­en erlebt, wie sich eine böse Prä­senz in mei­ne Nähe beweg­te, mich beein­fluß­te. In mei­nen Auf­zeich­nun­gen nann­te ich das damals eine ‘dämo­ni­sche Kraft’, nicht ohne sofort den Begriff ‘Dämon’ wie­der zu rela­ti­vie­ren, in dem ich ihn an die Erfah­run­gen der früh­christ­li­chen Wüsten­vä­ter rück­kop­pel­te, die ja stän­dig von ihren Dämo­nen­kämp­fen berich­te­ten. Es kann hilf­reich sein, so etwas mit einem Kampf­be­griff ‘Dämon’ zu umschrei­ben, um ein grif­fi­ges Feind­bild zu haben.
Hat die­se Kraft mich beein­träch­tigt? Ja, hat sie. Wür­de ich sagen, ich sei beses­sen gewe­sen? Nein, so weit ging es nicht.
Über Exor­zis­mus und Beses­sen­heit reden heißt, sich anzu­nä­hern an das Unbe­greif­ba­re. Wäh­rend ich nicht glau­be, daß ‘der Böse’ (nach Jörg Mül­lers Aus­sa­gen im Film) selbst oder in Form von Dämo­nen in Men­schen oder Tie­re fah­ren kann (auch wenn das so in der Bibel steht), glau­be ich, daß ‘das Böse’ als destruk­ti­ve Ener­gie (dem Bösen ent­sprin­gend?) extrem wirk­mäch­tig ist. Was ich in Gali­zi­en erleb­te, war gegen mich gerich­te­te nega­ti­ve Ener­gie, ein per­sön­li­cher Angriff, der eine kon­kre­te Schwä­che und ein kon­kre­tes Ein­falls­tor nutz­te.

Vor die­sem Hin­ter­grund wir­ken das Gebets­team oder auch Nature23 wie Lai­en­schau­spie­ler, die eine Pos­se auf­füh­ren und dem Stoff nicht gewach­sen sind. Dazu benut­zen sie ande­re Per­so­nen, die in ihrem Leben gera­de nicht den feste­sten Stand haben. Das ist der eigent­li­che Skan­dal. Wenn die Kun­din von Nature23 den Dämo­nen­na­men Aka­pel­los schreit, füh­le ich mich gleich an Ake­pha­los, Name für kopf­lo­se Dämo­nen, erin­nert – das Getue wirkt kopf­los, unse­ri­ös, gefähr­lich für die behan­del­te Per­son.

Dre­hen wir die Sache um: Bau­er meint, Glau­be sei Wirk­lich­keits­kon­struk­ti­on. Ja, kann ich zustim­men, wobei ich ihn eher als Mit­tel zur Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung sehe: der Tod wird für Chri­sten ver­meint­lich leich­ter, wenn sie an das ver­spro­che­ne nach­tod­li­che Wei­ter­le­ben im Him­mel den­ken. Ähn­lich wie Ver­schwö­rungs­theo­rien bie­te der Glau­be ein­fa­che Erklä­run­gen: das Böse, der Teu­fel…
Wäh­rend die christ­li­chen Kir­chen an Ein­fluß und Bedeu­tung (in Deutsch­land) ver­lie­ren, boomt der Markt der spi­ri­tu­el­len Ange­bo­te. Die FAZ meint in ihrem Arti­kel zur Doku, die Zeit der Auf­klä­rung sei vor­bei. Wenn das Gebets­team im Netz von der “kras­sen Befrei­ung” spricht, kom­men­tiert der FAZ-Autor: “Es ist schwer zu ent­schei­den, ob man es bei die­sem Zir­kus mit einer Par­odie auf die theo­lo­gi­sche Exor­zis­mus-Pra­xis zu tun hat oder mit des­sen ulti­ma­ti­ver Aus­wei­tung in die post­fak­ti­sche Gegen­wart.”

Ich den­ke, daß Ange­bot und Nach­fra­ge stim­men. Es ist kein gro­ßer Schritt vom per­sön­li­chen Arzt­be­such über Dr. Goog­le hin zu den alter­na­tiv-reli­giö­sen Wel­ten mit ihren Heil­an­ge­bo­ten. Die Alter­na­tiv­an­ge­bo­te sind nicht erst sei der New-Age-Wel­le prä­sent, aber die Brei­te, die sie erreicht haben, ist ver­blüf­fend. Ich muß nur noch über eine Grund­aus­rich­tung ent­schei­den, dann öff­nen sich die Türen: Scha­ma­nis­mus liegt mir, also suche ich mir einen Scha­ma­nen für eine “See­len­rück­ho­lung”. Moder­nes Hexen­tum ist mein Ding, dann erbit­te ich ein Ritu­al, in dem ein ‘cone of power’ für mich erschaf­fen, auf mich zur Hei­lung pro­ji­ziert wird. As easy as that.

Muß der Staat Men­schen (kran­ke, halt­lo­se) vor die­sen “Hei­lern” schüt­zen? Er tut es bereits mit den Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen für Heil­be­ru­fe, aber ich den­ke, das, was ‘Nature23’ und ‘Gebets­team’ machen, liegt in einer extrem gefähr­li­chen Grau­zo­ne.
Wenn neben dem schwa­chen Bild der katho­li­schen Kir­che dann doch ein Bewußt­sein dafür ent­steht, wo und wie nicht aut­ho­ri­sier­te “Heil­an­ge­bo­te” statt­fin­den, hat die Doku einen wich­ti­gen Bei­trag gelei­stet.

Wo steht die Schwar­ze Sze­ne? Ich glau­be, da kann man kaum sze­ne­um­fas­sen­de Aus­sa­gen machen, weil wir von (per­sön­li­chen) Glau­bens­vor­stel­lun­gen reden. Ich kann einen Dämon in mir spü­ren, Cthul­hu-Wesen unterm Bett ver­mu­ten, oder ein­fach auf das Fin­ste­re schau­en, wie Robert bei Spon­tis schreibt, “gera­de weil man ihm kei­ne Macht über sich zuge­steht”. Doch glau­be ich, daß die “Durch­läs­sig­keit” in mög­li­che Geist­wel­ten gera­de in der Schwar­zen Sze­ne hoch ist, weil ich da bei vie­len eine ent­spre­chen­de Dis­po­si­ti­on spü­re. Der Tod und was (wer?) danach kommt, ist The­ma – und wie bei allen Din­gen: wenn ich mich damit beschäf­ti­ge, gewinnt das The­ma “Macht” über mich. Es fas­zi­niert, moti­viert, ver­äng­stigt, über­wäl­tigt. Ich mei­ne: auf das Fin­ste­re schau­en heißt immer auch: eine Hand nach ihm aus­strecken und war­ten, ob sie ergrif­fen wird.

 

 

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