Schlecht geschlafen, früh raus, gähnend Kaffee gekocht – na, das wird ein langer Tag… Wieder ins Auto, auf nach Köln.
Im Parkhaus einen netten Jungen Mann kennengelernt, der mit gut aufgedrehter Sound-Anlage Parkdeck 5 befuhr. Electro-Fan mit den neuesten Infos zum “heißen Scheiß” aus Portugal und Peru. Fünf Jahre älter als mein ältester Sohn, wie schön, dachte ich, wenn jemand so eintaucht in diese Szene. Er war direkt sympathisch – wir haben uns später nochmal gesehen und dieses erkennende Zulächeln ist so eine Boje im Meer der Menschen. Grüße, Amadeus!
Motel Transylvania waren schon auf der Bühne. Perfekter Opener – und evtl. mehr, wenn ich mir das mal genauer anhören würde. Gefielen mir gut, die Auszüge, die ich mitbekam.
Chrom als erstes Highlight an diesem Sonntag. Witzig: die Menge ging deutlich mehr mit als bei manchen späteren Bands. Es wurden die zu erwartenden Songs gespielt – Lob und Anerkennung. 😉
Schöne Beobachtung: vor uns standen drei Generationen: Oma, Tochter mit Mann und die Enkelin. Später zeigte die Kamera auf dem rechts der Main Stage stehenden Bildschirm vier Kinder mit ihren Mickey-Mäusen auf den Ohren ganz vorn an der Absperrung vor dem Herrn Witt auf der Bühne. Ist das nicht schön, wie sich die Szene irgendwie von sich selbst emanzipiert hat, und von der rebellischen Jugendkultur zu einer Szene “for all ages” gewandelt hat!? Oft habe ich einfach den Blick schweifen lassen und mich gefragt: was haben wir denn hier für ein Durchschnittsalter? Ich würde sagen: die 3 und die 4 vorne. Mir ist klar, die paar Kinder, die da waren, sind nicht DER Szene-Nachwuchs. Manchmal frage ich mich, ob es sein kann, daß zwar die Leute um 20 wegbleiben, dafür aber mehr Menschen so ab 30 zur Szene finden. Menschen, die im Berufsleben stehen – oder eben nicht (mehr). Menschen, die Enttäuschungen erlebt haben, die erfahren haben, wie schwer “leben” sein kann, die plötzlich diese “schwarze Melancholie” in sich finden – und die passende Szene dazu. Frage also: steigt man heute eventuell später in diese Szene ein? Das wäre spannend zu diskutieren.
Nachdem ich schon bei der Castrum-Nigra-Party über die Getränkesituation geschrieben habe, kann das hier nicht fehlen. Ich teile mal aus, aber als Vater von zwei Gen-Z-Söhnen meine ich: das darf ich. Ich habe selbst mal im Ehrenamt in der Bewirtung von bis zu 800 Personen mitgearbeitet: da war ein ganz altes Wort wichtig: Zackigkeit, auf Zack sein, Arsch huh und Zäng ussenanner- nee, das war eine andere Sache. 😉 Wenn ich den jungen Leuten beim Bedienen zuschaue, schlafen mir die Zehen ein. Oder, wie es ein EBM-Anhänger am Nachbartisch formulierte: “Aldä, mit denne is kein Kriech ze gewinne!”
Lange Schlangen – niemand schafft es, mal drei bis drölf Biere vorzuzapfen. Am Wurststand wird jede Wurst dem potentiellen Käufer unter die Nase gehalten: paßt das, ist die so gut genug?
Da hat niemand verstanden, was a) Umsatz machen und b) Kunden zufriedenstellen heißt. Und das ist, <gdr> ein Gen-Z-Problem. Aber: bei gut 6€ für 400ml Spülwasser (AKA Kölsch) mußte ich mich nicht so oft anstellen, da tat es dann auch die kostenlose Wasserstelle. <rant-mode-off>
Für Solitary Experiments wieder vor die Bühne. Eine perfekte Show, wenig redsamer Dennis, schönes Duett mit Mari Kattman, aber alles zu … glatt, zu routiniert – gut, Routine dürfen sie nach 30+ Jahren haben. Es ist kein Problem mit dieser Band, das ich habe (und die ich gern höre), sondern vielmehr die Feststellung, daß mir nur bestimmte Electro-/Synth-Pop-Bands wirklich zusagen, wo verschiedene Faktoren zusammenkommen – vor allem Stimme des Sängers und die Texte (VNV Nation, KITE, Mesh/Blackcarburning, Frozen Plasma, früher: Funker Vogt).

Dann auf zur Theater Stage für The Sweet Kill. Holy shit, haben die mich abgeholt! Sänger Pete mit druckvoller Stimme, die die Tonsprünge vieler Lieder sauber schafft. Ausdrucksvoller – wörtlich – Gesang, starke Performance. Ein Auftritt wie London after Midnight auf Viagra. Wahnsinn, wie schön, daß ich die vorab über die Amphi-Playlist bei Spotify für mich entdeckt habe! Und die Cover-Version von ‘Hurt’ war dann noch das Sahnehäubchen auf dem Kuchen.
Jetzt müßte ich wieder ranten, aber es fühlt sich nicht so gut/fair an. Sagen wir so: ich konnte mit Lebanon Hanover noch nie etwas anfangen, obwohl sie musikalisch das bieten, war mir im Prinzip gefällt. Nun saßen Corri-May und ich vor dem Eingang der Theater Stage, wo ein de facto Einlaß-Stop war: lange Schlange bis an den Schließfächern vorbei. Meine Überlegung: ist Assemblage 23 jetzt so extrem angesagt oder ist’s drüben bei Main-Stagens eher langweilig? Der geneigte Leser ahnt schon: wir gingen rüber und hörten die letzten beiden Stücke von LH. (Ich zensiere mich…) Ja, das war langweilig – und ich habe nicht verstanden, was der Herr Benecke mit seinem Ausspruch meinte: “Habt ihr das gesehen, was LH hier gemacht haben!!!!!!!? Geiäl!” oder so ähnlich.
Egal, ich will nicht nöhlen, aber es ist doch schade, wenn Fans von A23 nicht reinkommen, weil – unterstellt – Leute gelangweilt von der Main zur Theater Stage pilgern – mein Eindruck, ganz persönlich.
(Und: die Theater Stage bietet ca. 1800 bis 2000 Menschen Platz, was bei 12500 geschätzten Besuchern wenig ist…)
Corri-May und ich sind nun nach vorne bis zum ersten Pöller, äh, wie nennt man die Teile, die die modernisierten “Pilze” halten?, gegangen, um den (für mich) wichtigsten Gig des Tages zu erleben: Diary of Dreams… So dachte ich, bis Witt auf der Bühne stand. Adrian und seine Truppe lieferten ab, mal wuchtig und drängend, mal sanft und nachdenklich – so wie ich es liebe. Leider zu wenig Zeit nach hinten raus, Traumtänzer-Refrain schnell noch mit dem Publikum improvisiert.
(Und wieder note to self: endlich mal – im Winter – intensiv hören und ‘lyrics’ mitlesen…)
Es begann zu regnen, für Joachim Witt vorne unter den ‘Pilzen’ stehengeblieben. Bei Witt merkt man immer schon in den ersten Minuten, wie er drauf ist, – und ob es sich lohnt, dabeizubleiben. Heuer war viel Feuer im 77-Jährigen, der mit eingespielten Musikern auftrat. Herrlich sein kurzer Ausbruch, als jemand “Goldener Reiter” forderte, weil das “geil” sei. Witt konterte: was daran geil sei, wenn es im Text um einen ‘Absturz’ gehe? Doch natürlich kam auch versöhnlich: “Jetzt bist du dran” vor dem gewünschten Song.
Wenn ich dachte, Diary of Dreams wären heute mein Highlight, so lag ich falsch. Es war der alte Mann (der Insider weiß, uns trennen nur 17 Jahre), den ich nach seinem Album “Bayreuth 1” auf dem WGT 1999 erstmalig live erleben durfte. Einige Titel aus dem Werk wurden heute gespielt, aber nichts ist so ein mentaler Fick wie “Die Flut”. Mit Tränen in den Augen stand ich da, wieder einmal umgeben von den Menschen, die fremd sind, aber doch so ähnlich ticken, vor einem Künstler, der auch meine Gefühlslagen in Lieder verwandeln kann. Ein Blick zur Seite: ich sehe nur hochgereckte Hände, ein Meer aus Emotionen; holy shit. Direkt den Goldenen Reiter danach – und ich hatte genügend Seelenbalsam eingefahren für das Wochenende – und schreibe darüber, ohne genau die Worte zu finden, die ich fühlte – eine seltsame Mélange aus Fremdsein inmitten von Vertrautheit.
Nebenbei: nettes Duo Witt – Wesselsky.
So ist dann nichts aus Clan of Xymox geworden, die eigentlich auf meiner Liste standen – und gegen Herrn Witt verloren haben. Aber: auch bei dieser Band liest man z.B. auf Facebook vom Einlaß-Stop ins Theater…
Eine letzte Runde, ein bißchen Essen, die dunklen Wolken und überfliegenden Papageien genießen, ein paar Lieder von Eisbrecher – Heimfahrt.
Ein unrundes Wochenende, eine emotionale Achterbahnfahrt. Man stelle sich Witt neben Pete Mills von The Sweet Kill vor: “Night terror creeper, terrorizing me, All I wanted was a lullaby” vs. “Hätt’ ich nur einmal mit Verstand auf dieses, mein Leben geseh′n, Ich fühlte mich jetzt nicht so verlor’n – Dämon…”
Zuviele Eindrücke und wieder zu wenig Austausch, schmerzende Füße nach dem langen Stehen. Aber, auch so ein Eindruck: die Besuchermenge fühlte sich dieses Jahr wieder ’schwärzer’ an: wenig Buntgekleidete.
Ich hatte mich im Vorfeld sehr auf The Exploding Boy gefreut, aber es war klar, daß ich nicht zur Orbit Stage pilgern würde, weil ich das einfach nicht unterstützen möchte.
Und dann am Montag um 17 Uhr doch am Rechner, um gleich die Early-Bird-Tickets ordern zu können. Ich kann’s doch nicht lassen. Und der Rush hat dann nächstes Jahr Jubiläum – 60… OMG…
Rush out.
Hi Rush, ein paar Gedanken von mir zum diesjährigen Amphi:
Ich empfand es gar nicht mal als so viel voller wie in den letzten Jahren, auch die Orbit Stage war gut besucht (war aber nur einmal da, am Sonntag für Pardox Obscur und Rotersand: Das Schiff war voll mit Wartezeiten beim Einlass). Aber der “Transfer” vom Tanzbrunnen bis man endlich IM Schiff war, hat dann doch gute 50 Minuten gedauert mit allen Wartzeiten. Wenn der Rhein auch in Zukunft öfter Niedrigwasser hat, sollte man sich da echt etwas überlegen.
Die Wartezeiten bei den Getränken betrafen aus meiner Sicht nur die “Bargeldkasse”: Gab ja nur noch eine pro Stand, wo sich dann lange Schlangen bildeten, bei Kartenzahlung (mehr Möglichkeiten pro Stand) ging es relativ schnell. Wenn dann noch ein Wechsel des Mitarbeiters bei der Bargeldkasse stattfand, hat es ewig gedauert (einmal selbst erlebt): Statt einfach Schublade mit dem Geld raus und neue Schublade rein, haben die das Geld einzeln aus den Fächern herausgekramt und dann wieder einzeln nach Münzen sortiert eingefüllt: Wer hat sich das denn ausgedacht?
Rue Oberkampf und Diary of Dreams haben mir auch gut gefallen, Solitary Experiments haben mich auch nicht wirklich abgeholt: Viel zu glatt, die Performance. Interessant war auch Paradox Obscur auf dem Schiff (spielten vor Rotersand), mal was erfrischend Neues für mich.
Ansonsten zu deiner Frage:
“Frage also: steigt man heute eventuell später in diese Szene ein?”
Ich bin auch erst seit einigen Jahren auf den entsprechenden Festivals dabei, obwohl ich schon als Jugendlicher Depeche Mode gehört habe. Bei mir ist es definitiv “Flucht aus dem Alltag” und natürlich weil es meine Musik ist. Alle Zeichen deuten zudem darauf hin, das wir uns auf etwas Größeres zubewegen, also: Carpe diem!
Hi Michael, die Ausschilderung an den Getränkeständen war schlecht. Man steht in einer Schlange und dann heißt es: hier nur mit Karte. Aber ich meinte im Beitrag eher die generelle Abwicklung der ‘Bewirtung’, da hat es schon gehakt.
Dann glaube ich, daß die Performance bei vielen Künstlern – wie auch privat bei uns – von der Tagesform abhängig ist. Witt auf dem Amphi – genial, aber, so erzählte meine Frau, aktuell auf dem Wacken deutlich schlechterer Auftritt.
Szene und Einstieg: Das ist eine spannende Frage, v.a. weil man so Schwellen definieren könnte, ab wann man denn “dabei” ist und nicht nur weit in der Peripherie. Das hat mich auch immer beschäftigt, weil ich große Phase in meinem Leben hatte, wo die Schwarze Szene doch eher weit weg war.
Das “Größere”, ich vermute, du meinst den Konflikt mit Rußland, ist tatsächlich beängstigend, aber wenn ich den Anschlag auf den CSD sehe, dann frage ich mich, ob es nur eine “Frage der Zeit” ist, bis auch die ‘offene Gesellschaft’ der Goths zum Ziel wird. Auch ein Grund – s. meinen neuen Beitrag ‘Lahmarschiges Publikum’ – zuhause zu bleibe…
Hi Rush,
vor Anschlägen auf Festivals habe ich ehrlich gesagt keine Angst, die erscheinem mir doch immer ziemlich gut “abgeriegelt”. Ausnahme: Festivals in öffentlichen Räumen. Aber da gehe ich in der Regel auch nicht hin.
Und zur “Bewirtung” auf dem Festival: Ich habe sowieso das Gefühl, dass die generelle Kundeorientierung überall abnimmt. “Der Kunde ist König” hieß es früher, aber durch Digitalisierung und Standardisierung aller Prozesse nimmt das immer mehr ab. KI wird da wohl noch einmal einen draufsetzen, wird eben alles unpersönlicher und die Jungen wachsen mit dieser Erfahrung auf und für die ist das dann normal.