Aoki­ga­ha­ra (4) – Aoki­ga­ha­ra, la forêt des esprits (Buch)

Trig­ger-War­nung! Der Text behan­delt das The­ma Suizid/Selbsttötung. Wenn das für Dich ein Pro­blem ist: bit­te nicht lesen!
Hier gibt es eine Vor­be­mer­kung zu die­sen Tex­ten.

Ande­rer­seits ist das bespro­che­ne Buch (La forêt des esprits) ein sol­ches der Hoff­nung.

Aoki­ga­ha­ra, la forêt des esprits

Der Roman von Sarah-Lyne Ishi­ka­wa, der auch in einer eng­li­schen Ver­si­on (“The Forest of Spi­rits”) zu kau­fen ist, ist im Prin­zip ein Buch der Hoff­nung (“ne per­dez pas espoir” sagt eine Gei­ster­stim­me dem Prot­ago­ni­sten, “geben Sie die Hoff­nung nicht auf”), das auf dem “sui­ci­de forest” auf­baut und zeigt, wie man dem Plan zur Selbst­tö­tung ent­kom­men, mit­hin sein Leben anders ori­en­tie­ren kann. Aus­schlag­ge­bend für das Schrei­ben war laut Ishi­ka­wa der Sui­zid einer Freun­din, den sie nicht vor­her­se­hen konn­te, und von dem sie nach wie vor sehr betrof­fen ist.

Mein Text spoi­lert den Inhalt des Buches. Alle Über­set­zung der Ori­gi­nal-Zita­te sind von mir.

Prot­ago­nist Job­en Suga­wa­ra hat alles ver­lo­ren: sei­ne zehn­jäh­ri­ge Toch­ter Atsue durch einen Unfall, sei­ne Frau, sei­nen Job, sei­ne Woh­nung. Er hat­te sich ver­schul­det und sieht nur einen Aus­weg: “Wie­der­her­stel­lung sei­ner Ehre” durch Sui­zid. Im Aoki­ga­ha­ra, den die Autorin kurz mit Eck­da­ten vor­stellt, ange­kom­men, ent­zün­det S. ein Feu­er, weil er erst am Mor­gen “zur Tat schrei­ten” will – gemäß Anlei­tung aus dem Sui­zid-Hand­buch Tsu­rumis (s. Ein­lei­tung).
Doch plötz­lich ist Ajna Ots­uka da mit­ten im Wald – zwei Jah­re jün­ger als sei­ne eige­ne ver­stor­be­ne  Toch­ter und mit einer haar­sträu­ben­den Geschich­te, wie sie in den Wald gekom­men sei: Der Geist ihres toten Vaters, so Ajna, habe sie zu S. gelei­tet. Das Mäd­chen ist auf­ge­weckt, erkennt S.s Situa­ti­on und bit­tet ihn, kei­ne Dumm­heit zu machen, son­dern sie (und sich) zu ret­ten.  Sie moti­viert ihn: “Tu dev­rais (…) te batt­re pour retrou­ver ta dignité !” [Du mußt für die Wie­der­erlan­gung dei­ner Wür­de kämp­fen!]
Als Leser spürt man, daß Ajna irgend­wie enger mit dem Wald ver­knüpft ist. Der Link ist der Vater und des­sen frü­he­re beruf­li­che Tätig­keit.
Bei der Ret­tung des unglei­chen Paars erscheint zum ersten Mal eine Män­ner­stim­me in S.s Kopf, die ihm für die Ret­tung Ajnas dankt.
Der Roman ver­läßt nun für lan­ge Zeit den Aoki­ga­ha­ra-Wald. Im Grun­de dreht sich der Haupt­teil des Buches dar­um, wie S. wie­der auf die Bei­ne kommt und einen Adop­ti­ons­an­trag für das Mäd­chen stellt. Es bezeich­net ihn früh als sei­nen “deu­xiè­me papa”, den zwei­ten Vater. Schön wird dar­ge­stellt, das ist wohl auch bewuß­te Absicht der Autorin, wie der zum Sui­zid ent­schlos­se­nen S. wie­der “auf die Bei­ne kommt”. Er fin­det Hil­fe bei einer sozia­len Orga­ni­sa­ti­on, wo er auch über­nach­ten kann. Er erhält Arbeit in sei­nem “Traum­job” als Man­ga-Ver­käu­fer bei einem der ange­sag­te­sten Ver­le­ger; der Arbeit­ge­ber ver­mie­tet eine luxu­riö­se Woh­nung an ihn. “Pour la pre­miè­re fois depuis des mois, il repre­nait goût à la vie.” [Zum ersten Mal seit Mona­ten hat­te er wie­der Lust aufs Leben.]
Alles gute Vor­zei­chen für die Adop­ti­on, doch S.s den Ämtern bekann­te  Sui­zid-Absicht und der Reich­tum der um Ajna, die in einem Wai­sen­haus lebt, kon­kur­rie­ren­den Fami­lie schei­nen gegen ihn zu arbei­ten. Doch da ist wei­ter die Män­ner­stim­me in S.s Kopf, die ihn lei­tet, ihm sagt, das sei alles nur der Anfang…
Bei Besu­chen im Wai­sen­haus erklärt Ajna S., sie ste­he mit dem Geist ihres toten Vaters in Kon­takt; sie bit­te den Vater, S. zu hel­fen.
Tat­säch­lich hat S. dann wie­der in einer brenz­li­gen Situa­ti­on die Stim­me mit einer war­nen­den Nach­richt im Kopf. Er wird in die­ser Begeg­nung zusam­men­ge­schla­gen, wacht aber in sei­ner Woh­nung auf, wohin ihm ein Unbe­kann­ter zurück­ge­hol­fen haben muß (= erste Andeu­tung auf einen wei­te­ren Play­er).
In der gericht­li­chen Anhö­rung zu Adop­ti­on gibt es einen Pau­ken­schlag: mit einem Mal steht ein zuvor völ­lig unbe­kann­ter “Groß­va­ter” Ajnas im Raum und macht sei­nen vor­ran­gi­gen Anspruch auf das Mäd­chen gel­tend. Die­ser Ama­zu­ki ist offen­bar hoch­an­ge­se­hen, reich; man mun­kelt auch über Mafia-Kon­tak­te. Für S. scheint Ajna nun ver­lo­ren zu sein. Aber auch die gei­ster­haf­te Stim­me in sei­nem Kopf, die zuletzt davon sprach, daß die Ent­wick­lun­gen nur ein neu­er Anfang sei­en, ist ver­stummt. S. macht sich zum Aoki­ga­ha­ra auf und ruft außer sich die Gei­ster im Wald, spe­zi­ell Ajnas Vater an: “Vous me devez des expli­ca­ti­ons !” [Ihr schul­det mir Erklä­run­gen!]
Doch statt Ant­wor­ten kommt der Die­ner Ama­zu­kis zum Wald, um S. zu einem Tref­fen mit die­sem abzu­ho­len. Und noch ein­mal wen­det sich das Blatt für S.: der rei­che “Groß­va­ter”, der selbst angibt, eine Toch­ter ver­lo­ren zu haben, will S. in sei­nem rie­si­gen Haus qua­si als Haus­leh­rer für Ajna ein­quar­tie­ren. War Ama­zu­ki im Gerichts­saal schroff und abwei­send, wan­delt sich sein Ver­hal­ten nun: er habe ein­ge­se­hen, Ajna kön­ne nicht ohne S. leben. Daher wol­le er S. “adop­tie­ren” (was in Japan zur Erb­re­ge­lung auch bei Erwach­se­nen gemacht wer­den kann), ihn fürst­lich bezah­len…
S. ver­steht, daß die Stim­me im Geist ihn gewis­ser­ma­ßen lei­tet. Erst­ma­lig bedankt er sich: “J’e­spè­re être digne de vot­re con­fi­ance.” [Ich hof­fe, ich bin Ihres Ver­trau­ens wür­dig.]
Zwar fragt S. sich ab und an, was das für eine gei­ster­haf­te Stim­me ist, aber dies wird eher mat­ter-of-fact­ly geschil­dert: da spricht halt jemand und gibt gute Rat­schlä­ge.
Die Autorin baut hier noch­mal etwas Span­nung auf, bin­det auch ein paar Crime-Ele­men­te ein. Wir erfah­ren: Ajnas Vater Ots­uka hat für die Regie­rung die Tode im Aoki­ga­ha­ra unter­sucht, aber auch das Trei­ben kri­mi­nel­ler Ban­den, die dort Lei­chen depo­nie­ren, um Mor­de als Sui­zi­de erschei­nen zu las­sen. Für eine paß­wort­ge­schütz­te Video­auf­nah­me, die die Täter zeigt, wird Ajna durch die­se ent­führt, da sie wis­sen, sie kennt das Paß­wort.
(Neben­bei: war­um Ajnas Vater die immer­hin nur Acht­jäh­ri­ge in die Geheim­nis­se um den Wald ein­führ­te und sie auch Bil­der von Lei­chen sehen ließ, ist nicht wirk­lich schlüs­sig. Wie­so soll­te sie auch das Video-Paß­wort ken­nen?)
Die Gei­ster­haf­te Stim­me “outet” sich nun als Ajnas Vater und unter­stützt S. bei der Suche nach dem Kind.
Par­al­lel hin­ter­fragt eine S. zunächst ableh­nend gegen­über­ste­hen­de Sozi­al­ar­bei­te­rin den Hin­ter­grund Ama­zu­kis, wobei ihre Kon­takt­per­son nach dem Absen­den eines Brie­fes getö­tet wird.
Die Ban­de hat Ajna über S. gefun­den – und war ver­mut­lich auch für den Über­fall auf ihn ver­ant­wort­lich.
Erneu­te Rück­kehr in den Aoki­ga­ha­ra, wohin Ajna ver­schleppt wur­de. Hier lei­tet nun der Geist von S.s ver­stor­be­ner Toch­ter Atsue ihn zu einer Fels­spal­te, in die Ajna gestürzt ist. Aus dem in Sui­zid-Absicht von jeman­dem hin­ge­häng­ten Seil an einem Baum wird nun das Ret­tungs­seil für Ajna – auch wie­der eine schö­ne Sym­bo­lik, die die Autorin ein­baut.
Die Gei­ster des Vaters und S.s ver­stor­be­ner Toch­ter sind nun zum Teil als durch­schei­nen­de Gestal­ten sicht­bar. Es kommt zum schö­nen Fina­le: Vater Ots­uka vespricht S., in der Welt der Toten auf des­sen Toch­ter Atsue auf­zu­pas­sen, wäh­rend er, S., in der Welt der Leben­den sich um sei­ne Toch­ter Ajna küm­mern sol­le. “Mais on se retrou­ve­ra un jour.” [Eines Tages wer­den wir uns wie­der­se­hen.]
Zum zwei­ten Mal wer­den S. und Ajna von Poli­zi­sten aus dem Wald geret­tet.

Am Ende wird in der Vie­rer-Grup­pe (Ama­zu­ki, Die­ner, S. und Ajna) noch ein­mal die Iden­ti­tät Ama­zu­kis ange­spro­chen: Ist er der Groß­va­ter? S. kennt den Inhalt der Brie­fes der Sozi­al­ar­bei­te­rin, zer­reißt die­sen aber: was zäh­le sei: “Wir” sei­en jetzt eine ech­te Fami­lie.

Man kann also ver­mu­ten, daß Ama­zu­ki jener Freund von Ajnas Vater ist, den die­ser über sei­ne Erkennt­nis­se und die Bedro­hung durch die Kri­mi­nel­len gewarnt hat­te – aber ver­mut­lich nicht der ech­te Groß­va­ter. Somit war wohl auch der unbe­kann­te Hel­fer S.s, als er über­fal­len wur­de, Ama­zu­kis Die­ner.

Alles in allem eine ein­fa­che Geschich­te – vom Tel­ler­wä­scher, äh, ja… Das kann ein Kri­tik­punkt sein: es ist alles zu gut, zu ein­fach, zu strah­lend dar­ge­stellt.

Gei­ster sind hier real, sicht­bar, hör­bar. Sie inter­agie­ren mit der Welt der Leben­den, aber in posi­ti­ver Wei­se. Das scheint mir nicht unbe­dingt eine typisch japa­ni­sche Vor­stel­lung von Gei­stern zu sein.

Suga­wa­ras Weg ist einer der Hoff­nung – weg vom Ent­schluß zur Selbst­tö­tung und hin zur Ret­tung Ajnas und einem – im Ver­gleich zum vor­he­ri­gen – völ­lig über­zo­ge­nen Leben(sstandard).

Somit Bot­schaft der Autorin: Laß dich von einem „guten Geist“ lei­ten – zieh dich mit Hil­fe ande­rer aus der schlech­ten Situa­ti­on her­aus. Kein Roman, für den es lite­ra­ri­sche Prei­se geben wird, aber eine gute Unter­hal­tung.

Letzt­lich ist da auch die Über­ein­stim­mung mit dem Film The Sea of Trees, in dem es heißt, im Aoki­ga­ha­ra sei­en einem die Ver­stor­be­nen der eige­nen Fami­lie nah.

[Die Fotos auf die­sen Sei­ten zum Aoki­ga­ha­ra-jukai stam­men aus einem Wald­ge­biet, das mir als sehr ähn­lich (optisch, nicht zwin­gend die Flo­ra betref­fend) erscheint: dem Ana­ga-Gebir­ge auf Tene­rif­fa.]

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