Ich habe heute mit einem Mann gesprochen, so ca. Mitte 50, mit dem ich beruflich zu tun habe. Wir kamen auf das Thema Konzerte und Festivals. Er sagte, er habe sich mit einem Freund und dessen Partnerin vor 1–2 Jahren Iron Maiden live angesehen. Das Publikum sei erwartungsgemäß “älteren Semesters” gewesen, habe da (auf der Tribüne) eher ruhig gesessen und die Show “konsumiert”, was die nicht im Hard-Rock- bzw. Metal-Bereich verortete Freundin des Freundes kommentierte mit: für so eine Band sei das aber ein “lahmarschiges Publikum”.
Darüber kamen wir zu unseren ähnlichen Eindrücken. Ich hatte hier auch schon mal geschrieben, daß das Publikum m.E. “früher” [tm] mehr Emotionen zeigte. Zuletzt war mir das bei Mesh aufgefallen, wo ich schrieb: “Zunehmend meine ich zu sehen, daß das Publikum bei Konzerten (allgemein) nicht mehr so mitgeht und aufdreht, wie es ‘früher’ war. Frenetisches Klatschen, Rufen, Mitsingen… ja, ab und an, aber ich meine, es hat sich etwas verändert.”
Ich erwähnte das; der Gesprächspartner bestätigte: Iron Maiden hätten in einer nicht so erfolgreichen Band-Phase auch in kleinen Clubs gespielt. Heute bereue er, so ein Konzert – vermutlich viel lebendiger wegen der Hardcore-Fans – nicht früher erlebt zu haben. Zuletzt habe er ein paar Video-Impressionen von den Toten Hosen gesehen; da habe das Publikum “oben” (Tribüne?) zwar gestanden, aber das Konzert eher unbewegt verfolgt. Er verglich das mit AC/DC in ihren Hochzeiten: da hätten die Fans die Hallenwände wackeln lassen… Wenn man, so der Mann, gelegentlich in Fernsehgarten und Co. rein-zappe, da sei ja mehr Stimmung als auf einem Rock-Konzert…
Frisch im Kopf bei mir – das Amphi-Wochenende. Oft genug verschwanden Sängerin/Sänger einer Band hinter den Handy-Bildschirmen, die man vor mir hochhielt.
Aber was ist es? Ich bleibe zum einen bei dem Thema “mediale Übersättigung” und unterstelle, ohne daß ich Psychologie-Experte bin, daß diese dazu führt, daß Events weniger “Erlebnis-Spitzen” (peak moments) erzeugen als früher. Man hat ja alles schon gesehen… Und: medialer Konsum hat die Tendenz, den reellen zu ersetzen. Ich habe da zuletzt drüber nachgedacht, als die Tour-Absage von Rotersand im Netz diskutiert wurde. Ich las dann, daß auch Gabriel Kelly, Sproß der Kelly Family, ebenfalls seine erste Tour als Solo-Künstler absagen mußte, weil die Vorverkäufe ausblieben. Kelly hat nun nichts mit der Schwarzen Szene zu tun, aber vielleicht, so denke ich, haben wir es mit einem allgemeinen Problem zu tun. Liegt es da am Geld der Fans oder am Überangebot?
Übersättigung meint eben auch die schiere Auswahl an Möglichkeiten. Gerade im Bereich der elektronischen Musik kann jeder mit einem Computer Musik machen. Es gibt so unzählig viele Kleinst-Projekte, die alle um Aufmerksamkeit buhlen (sprich: Musik- und Ticketkäufe).
Andererseits wird alles teurer, so auch Konzert-Tickets, so daß manche Leute sich ggf. auf Festivals fokussieren, wo es für “einen Preis” etliche Bands gibt. Beispiel: Für etwas über 100€ pro Karte habe ich beim Amphi neben vielen anderen Bands Diary of Dreams gesehen. Gebe ich noch einmal knapp 50€ aus, um nur diese Band im Herbst auf der Tour zu sehen?
Überangebot bedeutet eben auch, daß nicht alle verdienen können, daß sich die, die Geld machen wollen, abheben müssen.
Und dann ist da etwas, das ich als “Amazonisierung” der Szene bezeichnen möchte: man muß nicht mehr weggehen, weil Streams (sowohl die reine Musik, z.B. über Spotify, aber auch Twitch oder YouTube), Live Videos usw. “nach Hause kommen”, online verfügbar sind. Gerade die Twitch Streams, bei denen DJs in ihren Kellern oder ähnlichen Räumen Musik auflegen und live streamen, bieten eine Form von ‘Gemeinschaft’, die möglicherweise zunehmend mehr Menschen ausreicht. Witzig dazu: nachdem ich diesen Text vorgeschrieben hatte, kam am Abend eine Werbe-Benachrichtigung von Twitch: “IRL ausverkauft. Aber du? Du hast von überall einen Platz in der ersten Reihe…” So ist das.
Morgens bringt dann DHL die EMP-Bestellung, der Amazon-Fahrer wirft die Päckchen gegen 16 Uhr vor die Tür, der Pizza-Serivce klingelt um 18 Uhr – und um 20 Uhr ist dann ein DJ/eine DJane bei Twitch online… 😉
Man könnte sogar weitergehen: Der Unterschied zwischen Events im Stream und Live-Events verschwindet, was die Frage nach der Definition von Realität beinhaltet. Natürlich bin ich über Live-Stream reell dabei, nur halt nicht vor Ort. Muß ich ja auch nicht, denn die Leute stehen gerade im strömenden Regen oder versinken im Matsch. Ist doch gemütlicher auf dem Sofa.
Und ist das wirklich nach Corona so eine gewisse Scheu, sich in Menschenmengen zu begeben? Gastwirte sagen ja oft noch, der Bereich habe sich nach Corona nicht erholt bzw. verändert. So wird Zuhause zum “freiwilligen Lock-Down”, zum Safe Space – aus dem heraus ich (Online-)Kontakte wählen und steuern kann.
Was bei mir – nebenbei erwähnt ‑noch hinzu kommt, ist so eine Müdigkeit in bezug auf professionell organisierte Massen-Events wie Amphi oder M’era Luna. Das wäre einen eigenen Beitrag wert.