Gute deutsche post-apokalyptische Literatur ist selten. Oft finde ich billige eBooks mit einem Schreibstil zwischen Viertkläßler und Groschenheft – und greife dann auf englische Titel zurück, die das “Maß der Dinge” sind – s. The Road, The Dog Stars, gerade in der Verfilmung von Ridley Scott (August im Kino): neben dem überzeugenden Setting eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe.
Dann fiel mir kurz vor dem Amphi-Wochenende in Köln der Roman von Ben Friedhof (Pseudonym des in Krefeld lebenden Autors) in die Hände; Untertitel: Flucht aus Köln.
Das ist ein klassischer Zombie-Roman, das heißt die Zombies sind so, wie wir sie aus den ganzen Filmen kennen: aggressiv, schnell.
Aktuell gibt es drei Bücher in dieser Serie, das vierte ist wohl für den Herbst angekündigt.
Ich muß hier als erstes hervorheben, daß der Autor einen wirklich guten und sehr plastischen Schreibstil hat. Für mich hebt er sich insofern aus der Masse heraus, als daß ich so einen Stil sehr, sehr gerne lese und mich freue, daß es doch noch deutsche Autoren in weniger “literarisch wertvollen” Genres gibt, die schlichtweg schreiben, erzählen können.
Mit “plastisch” meine ich, daß Friedhof Eindrücke schildert (grelles Morgenlicht, Geschmack im Mund, Schmerzen…), mit denen sich der Leser in die Szene hineinfühlen kann.
Oder so Geplänkel-Szenen mit einem gewissen Charme / Wortwitz wie: “Nur wenn du nicht wieder mit der Decke monopolistisch wirst”, sagt Elias zu Kira, worauf sie antwortet: “Ich bin Decken-Kapitalistin, sorry. Gibt keinen Sozialismus bei Wärme.”
Wir lesen die Geschichte von Elias (Protagonist), Kira und Leo, die in einer Kölner WG leben. Die Katastrophe beginnt – an Corona angelehnt – mit Nachrichten aus China, seltsamen Angriffen in den Hauptstädten der Welt – bis das Chaos immer näher kommt. Sehr gut beschreibt der Autor die Unsicherheit der Menschen, die nicht einschätzen können, was da auf sie zukommt.
Vordenker der Gruppe ist Leo, der die Situation früh richtig einschätzt und die weiteren Aktionen lenkt, so den “Hamsterkauf” vor dem großen Ausbruch. Letzterer wird reell geschildert, also als Kontrollverlust der medizinischen und Ordnungsinfrastruktur.
Den Dreien wird klar, sie müssen raus aus der Großstadt, daher ist die Flucht in die Eifel zentral in der Geschichte.
Ich will hier nicht zuviel ’spoilern’. Elias’ Schwester Anna kommt hinzu: hier hatte ich das erste Mal so einen Moment, in dem die Immersion verschwand, weil in keiner Weise thematisiert wurde, ob sie infiziert sein könnte – zumal noch nicht klar war, ob es auch eine aerogene Übertragung gibt.
Momente der Hoffnung, Momente der Angst – Friedhof liefert einen wirklich runden Roman. Da will ich bei allen fachlich überzeugenden “Prepping”-Elementen verzeihen, daß in Schlüsselszenen mehrfach gehupt wird, was dermaßen dämlich ist. Vermutlich soll das Hupen einfach die nächste Action triggern, denn die Zombies stehen auf Lärm.
Der Tod eines Protagonisten ist schlecht beschrieben – das “Wir holen dich raus!” ist völlig sinnfrei. Hier merkt man, daß m.E. ein Lektorat gefehlt hat. (Viele Sätze in der Taschenbuchausgabe sind zudem mitten in der Zeile umbrochen.)
Spoiler zum Ende – ggf. nicht weiterlesen:
Daß es gerade die Bundeswehr ist, die am Ende noch zackig-einsatzbereit ist und für Rettung sorgt, gefällt mir nicht – nicht in diesen Zeiten der “Kriegsvorbereitung” (ich verwende mal ein harmloses Wort), der sprachlichen Militarisierung des Diskurses, der (stufenweise) Wiedereinführung der Wehrpflicht. So ein Ende des Buches hätte ich absolut nicht gebraucht – und das hat mich auch von der Bestellung des zweiten Romans abgehalten, von dem ich nur ansatzweise weiß, daß Elias von den anderen getrennt wird (?).
Trotzdem: ein solider, sprachlich ansprechender Roman über eine Zombie-Apokalypse in einer mir bekannten Stadt (habe in der Südstadt studiert). Gerade diese “Ortsnähe” transportiert für mich so ein Gefühl von Betroffenheit: “Es”, was immer ‘es’ dann ist, kann hier direkt in der Nähe passieren.