Per­sön­li­che Musik­ge­schich­te, Teil 1

“When the act of reflec­tion takes place in the mind, when we look at our­sel­ves in the light of thought, we dis­co­ver that our life is embo­so­med in beau­ty. Behind us, as we go, all things assu­me plea­sing forms, as clouds do far off. Not only things fami­li­ar and sta­le, but even the tra­gic and ter­ri­ble are come­ly as they take their place in the pic­tures of memo­ry”.

       [Spi­ri­tu­al Laws (Aus­zug), R.W. Emer­son]

Hier schrei­be ich in meh­re­ren Tei­len über mei­ne Musik­be­gei­ste­rung, über Bands, Kon­zer­te, Festi­vals, aber eher mit dem brei­ten Strich als dem Blick aufs Detail. Ich ver­zich­te auf Links zu den Bands – das kann man bei Bedarf schnell selbst auf­ru­fen.

Ich bin ein Kind des “Sum­mer of Love” (1967), wenn auch im kal­ten Febru­ar davor gebo­ren (in die schwar­ze Käl­te hin­ein <har­har> 😉). Musik war in mei­ner Kind­heit eher die Radio­mu­sik im Hin­ter­grund und die Blas­mu­sik bei Dorf­fe­sten, das heißt, mei­ne Eltern pfleg­ten kei­nen spe­zi­el­len Musik­stil und hör­ten nicht (mehr) bewußt Schall­plat­ten. Mei­ne Mut­ter zeig­te mir immer wie­der mal ihre schon recht umfang­rei­che Schall­plat­ten­samm­lung (Schla­ger-only), aber die ver­staub­te vor sich hin. Da war etwas ver­lo­ren­ge­gan­gen, komisch…

“Musik” beginnt als beson­ders her­vor­tre­ten­des Ele­ment für mich als Kind ca. 1978, also mit 11. Erste Lie­der, die mir von damals in Erin­ne­rung geblie­ben sind: Video kil­led the Radio Star (Bruce Wool­ley), By the Rivers of Baby­lon (Boney M.), Tra­ge­dy (Bee Gees), vie­les von Abba. (Ja, OK, auch Das Lied von Manu­el von Pony. 🙄 )

Ich wünsch­te mir zu Weih­nach­ten einen Radio­re­cor­der und begann, mei­ne Lieb­lings­lie­der aus den Radio­sen­dun­gen her­aus auf Kas­set­ten auf­zu­neh­men. Hier galt aber auch für mich bereits das, was ich durch die Jahr­zehn­te immer wie­der erlebt habe: Wer nur auf das regu­lä­re Radio­pro­gramm Zugriff hat, der wird vie­le musi­ka­li­sche Sti­le nie ent­decken, weil sie kei­ne “air time” haben. Im Radio, das ich hör­te, lief kein Punk, kein Post-Punk…
(Ich habe durch Zufall ein altes Foto gefun­den, wo man den Radio­re­cor­der samt mei­nem ersten oran­ge-schwar­zen Kopf­hö­rer sehen kann, s. rechts.)

New Roman­tic

Aber: Die “New-Roman­tic”-Wel­le war dann doch etwas Beson­de­res, denn die­se Bands wur­den gespielt – viel­leicht weil sie eben doch zum Teil “mas­sen­taug­lich” waren. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie und wann um 1979/80 es pas­sier­te, aber irgend­wann trat plötz­lich aus dem Pop-Gedu­del die­se Musik her­vor. Adam & the Ants über­rasch­ten mich mit dem Album Kings of the Wild Fron­tier und der Fol­ge-Sin­gle Stand & Deli­ver. Ich wur­de zum ersten mal “Fan” einer Grup­pe. 🙂
Die Wur­zeln der Band lagen im Punk, die Musik war gitar­ren­la­stig und wur­de zu Anfang von zwei Schlag­zeu­gern ange­trie­ben. Und natür­lich kam das exzen­tri­sche Out­fit Adams hin­zu.

John Robb schreibt in “The Art of Dark­ness” über Adam: “(he) was the bridge bet­ween the end of glam, the begin­ning of punk and the bra­ve new world of post-punk and the gate­way to the goth sce­ne that he was a key influence on. In many ways, Adam was the last glam rock star.”

Musik­jour­na­list Mick Mer­cer sieht die­se Band, wie auch Ultra­vox oder Visa­ge, mei­ne ande­ren Favo­ri­ten die­ser Zeit, eben­falls als Wur­zeln der Gothic-Musik. Mer­cer hebt her­vor, daß die­se Grup­pen sexu­el­le Unter­tö­ne in ihrer Musik und einen Sinn für ‘roman­tic mysti­cism’ hat­ten (Histo­ry of Gothic, Part I, Zil­lo 6/95). Dabei ver­weist Mer­cer spe­zi­ell auf die ‘Ant Peo­p­le’, die Fans von Adam and the Ants, die sei­ner Auf­fas­sung nach durch an ihrem “Hel­den” ori­en­tier­te Klei­dung eine ‘tri­bal cul­tu­re’ her­aus­bil­de­ten, kon­kret einen Mix zwi­schen Pira­ten- und India­ner-Look. Mer­cer schließt dar­aus, daß man auch die Gothic-Musik als ‘real tri­bal cult(ure)’ bezeich­nen kön­ne. (Ja, das war lan­ge vor Dis­kus­sio­nen um “kul­tu­rel­le Aneig­nung”.)

In einem Arti­kel für das Buch Gothic 3 von Peter Matz­ke und Tobi­as See­li­ger (Hrsg., Ber­lin 2002) prä­zi­siert Mer­cer, für ihn sei­en Glo­ria Mun­di und dann Ultra­vox (die Prä-Midge-Ure-Pha­se) die ersten Goth Bands gewe­sen, gleich dar­auf folg­te der von ihm sehr geschätz­te Adam Ant, der “Sex und Humor”, aber auch dunk­le, z.T. in den S/M‑Bereich rei­chen­de The­men auf­ge­grif­fen habe (man höre z.B. Beat my Guest oder Red Scab).

Ich blieb die­ser ‘New-Romantic’-Bewegung lan­ge treu, hör­te ein brei­tes Spek­trum aus Duran Duran, Bowo­wow, Span­dau Bal­let, A Flock of Seagulls, ABC, auch Bron­ski Beat oder die frü­hen Depe­che Mode, hier spe­zi­ell “Cons­truc­tion Time Again”. Auch blieb ich Fan von Adam Ant, bis die­ser mit “Vive le Rock” sei­ne Solo­kar­rie­re star­te­te und dabei den Musik­stil so änder­te, daß er mir nicht mehr gefiel. Neben gitar­ren­be­ton­ten Künst­lern moch­te ich auch elek­tro­ni­sche Musik. Ich kann mich an eine Art Son­der­heft ca. 1980/81 erin­nern, in dem der ver­meint­li­che “Kampf” zwi­schen Gitar­ren- und Syn­the­si­zer-Musik the­ma­ti­siert wur­de – so nach dem Mot­to: Tötet die Elek­tromucke den guten alten Rock’n’Roll? Ich hör­te bei­des, im Elek­tro­nik-Bereich z.B. Orche­stral Maneu­vres in the Dark (OMD), ganz spe­zi­ell die schon erwähn­ten Ultra­vox (die ich im Rück­blick letzt­lich viel­leicht noch mehr moch­te als Adam and the Ants, auch weil ich sie heu­te noch höre, Adam nicht mehr), auch The Human League, Visa­ge (das 1980er Album rauf und run­ter gehört) oder Soft Cell. Ich weiß noch, wie mei­ne Mut­ter deut­lich irri­tiert schau­te, als ich ihr die LP “Non-stop Ero­tic Caba­ret” unter die Nase hielt. 😂
(Schon damals war Musik Flucht in eine ande­re Welt, hier spe­zi­ell auch eine Welt, zu der mei­ne Eltern gar kei­nen Zugang hat­ten (und haben soll­ten).)

Musik­jour­na­list Ecki Stieg schrieb im erwähn­ten Buch von Matzke/Seeliger dazu:

„Es ist heu­te kaum mehr vor­stell­bar, dass avant­gar­di­sti­sche Pop­mei­ster­wer­ke wie ‚Dare‘ von The Human League oder Soft Cells ‚Non Stop Ero­tic Caba­ret‘ die Charts welt­weit anführ­ten! (Mit ‚avant­gar­di­stisch‘ mei­ne ich natür­lich nicht die Hits wie ‚Don’t you want me‘ oder ‚Tain­ted Love‘, son­dern die [damals!] eben­so gefei­er­ten Songs wie ‚Sex Dwarf‘ oder ‚I am the Law‘, die damals zum guten Ton jeder Dis­co gehör­ten.“

Mein aller­er­stes Kon­zert war im übri­gen eines aus der Spät­zeit von Ultra­vox (Düs­sel­dor­fer Phil­ips­hal­le (heu­te Mitsu­bi­shi Elec­tric Hal­le), 1986), aber den­noch ist es ein blei­ben­des Erleb­nis gewe­sen (Set­list). (Kon­zer­te – war­um so spät? Nun ja, ich leb­te mit­ten zwi­schen Groß­städ­ten mit je einer Stun­de Fahrt nach Nor­den oder Süden. Und: in mei­ner “peer group” waren Kon­zert­be­su­che damals (noch) kein The­ma.)

“This new rave, Ste­ve Stran­ge etc. is not­hing more or less than glam rock that’s ope­ned the dic­tion­a­ry by chan­ce at ‘roman­tic’ rather than ‘bi-sexu­al’” wro­te Julie Birch­ill in one of her typi­cal­ly bar­bed dis­patches in The Face maga­zi­ne. But the ‘new rave’ was so much more than that. Ste­ve Strange’s Visa­ge encap­su­la­ted the spi­rit, moti­on and tech­no­groo­ve of the moment. They were glo­rious­ly vain, atmo­sphe­ric, ambi­ent, pale, inte­re­st­ing metro­po­li­tans making indu­stri­al dance rock for misun­ders­tood out­si­ders ever­y­whe­re.”

     [S. Mills, slee­ve notes for Fade to Grey – The Best of Visa­ge]

Punk Goth Time

Für die schon erwähn­ten Robb & Mer­cer waren Bands wie Adam and the Ants (vom Punk kom­mend) Stand­bein einer neu­en Ent­wick­lung, hin­zu kamen dem Glam Rock zuge­rech­ne­te Künst­ler wie David Bowie oder T‑Rex. Aus der Mischung der Sti­le ent­stan­den Bands wie UK Decay, Bau­haus, Dan­se Socie­ty, Sou­thern Death Cult oder X‑Mal Deutsch­land, die einen neu­en, doch im Punk wur­zeln­den Musik­stil spiel­ten. Mer­cer spricht von der Punk Goth Time (spä­te 70er, frü­he 80er).
Oft liest man, “Bela Lugosi’s Dead” (Bau­haus) sei der erste “Goth release” gewe­sen, so z.B. bei Lol  Tor­hurst (Gothic – A Histo­ry, 2023).

Im o.e. Buch Gothic 3 führt Mer­cer aus, der Punk habe zu einer Art kul­tu­rel­lem Reset geführt, der einen musi­ka­li­schen Neu­an­fang mög­lich gemacht habe. Er meint die im Punk wur­zeln­den Bands, die sich aber doch von Bowie oder Roxy Music inspi­rie­ren lie­ßen und gele­gent­lich auch einen Hang zu “kit­schi­ger Dis­co­mu­sik” hat­ten.
Die­se gan­ze Ent­wick­lung sei mög­lich gewe­sen, weil es nun ein Publi­kum für die­se neue Art von Musik gege­ben habe. Die Fans hät­ten sich per Mund-zu-Mund-Pro­pa­gan­da und über Fan­zines infor­miert. Man sei eher zu Kon­zer­ten als in Clubs gegan­gen.

Wer Fran­zö­sisch spricht (oder zumin­dest lesend ver­ste­hen kann), dem sei auch “Gothic Rock. Une Antho­lo­gie en 100 Albums, 1979–2000” von Vic­tor Pro­vis emp­foh­len (Le Mot et le Reste, 2021). Er beschreibt gera­de zu Anfang sehr gut den musi­ka­li­schen baß­be­ton­ten Stil:
“Ici la bas­se accè­de au ran­ge d’in­stru­ment pri­mor­di­al. Elle est mise en avant, elle main­ti­ent la ligne mélo­di­que, elle joue des notes plus aiguës et de maniè­re plus aggres­si­ve.”
(Der Baß wird zum pri­mor­dia­len / urwüch­si­gen Instru­ment, er wird in den Vor­der­grund gestellt, gibt die Melo­die-Linie vor und spielt ‘akut’ und aggres­siv. // Dazu höre man z.B. mal in Lucre­tia my Reflec­tion in der Ver­si­on von Love Like Blood rein, wo der Baß­lauf schön powert.)

Mer­cer ver­or­tet den Start von Goth 79/80, aber als die Sisters und The Mis­si­on ca. 1986 im Main­stream ange­kom­men waren, sei die­ser Trend zu Ende gewe­sen (!). Ihm sei, so Mer­cer, früh klar gewe­sen, daß Goth nicht der “näch­ste gro­ße Trend” sei. (Ich weiß nicht, ob ich ihm da 100% zustim­men wür­de, aber tat­säch­lich kön­nen heu­ti­ge Ü50s was mit “New Roman­tic” anfan­gen und Bands aus den 80ern benen­nen, aber bei “Gothic Bands” wird es schwer für vie­le.)

Goth’ – als Begriff – des­halb, weil die­se Grup­pen ‘dark the­mes’, dunk­le Moti­ve in ihrer Musik ver­ar­bei­te­ten, aber auch die die­se auf­grei­fen­den Fan­zines einen dunk­len Stil pfleg­ten, der Moti­ve aus Hor­ror, Tod(eskult), Vam­pi­ris­mus bezog.

Tol­hurst (Goth. A Histo­ry (2023)) zitiert Dr. Tra­cy Fahey: “Gothic music beca­me its own ani­mal: anti-con­su­me­rist, nihi­list, loo­king to the rich heri­ta­ge of the Gothic visu­al and lite­ra­ry tra­di­ti­ons to express its­elf. The Dam­ned and Sioux­sie and the Bans­hees intro­du­ced a distinc­ti­ve fune­re­al aes­the­tic of dark clo­thes and ela­bo­ra­te black and white make-up.”

Die­se frü­hen Bands und v.a. die ‘Sze­ne’ drum­her­um (in Deutsch­land sprach man auch von den “Wavers” und dem New Wave) lern­te ich zu die­ser Zeit lei­der nicht ken­nen, da im Radio, wie erwähnt, nur das gespielt wur­de, was nicht zu weit vom Main­stream ent­fernt lag (was ja heu­te immer noch gilt) und mei­ne Info-Mög­lich­kei­ten, was sol­che Musik anging, begrenzt waren.

Tol­hurst (Goth. A Histo­ry, 2023): “We were labe­led new wave befo­re any­bo­dy thought of the name Goth and (…) we weren’t quite punk or any old style of rock. We were evol­ving into some­thing dif­fe­rent. Post-punk.”

(Neben­bei: ich besuch­te ein Gym­na­si­um einer west­deut­schen Klein­stadt. Die mei­ste Zeit mei­ner Puber­tät konn­te ich mich ent­schei­den, ob ich zu den (sehr zivi­len) Punks oder den Pop­pern gehö­ren woll­te. Waver – mit Röh­ren­jeans, spit­zen Schu­hen und dunk­len Män­teln – tra­ten hier erst Mit­te der 80er auf.)

Auch als ich dann die Sisters ent­deck­te und mit einer Freun­din auf Fried­hö­fen abhing, fühl­te ich mich nicht als “Waver”, son­dern ver­band das noch immer mit den New Roman­tics. Tat­säch­lich ver­wen­den eini­ge die­se Begrif­fe syn­onym, was Sinn macht.

Ein Freund frag­te damals: “War­um ‘rennt’ ihr bloß immer auf Fried­hö­fen rum?” Ich habe ihm dazu in einem Din-A4-Schul­heft eine ca. 20-sei­ti­ge Aus­ar­bei­tung über die Roman­tik (unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des Fried­hofs als roman­ti­schem Rück­zugs­ort, wo sich die Suche des “roman­ti­schen Hel­den” erfüllt) geschrie­ben. Ich glau­be, er hat es nicht ver­stan­den.

Gute Nacht für heu­te. Rush out.

[Teil 2]

5 Gedanken zu „Per­sön­li­che Musik­ge­schich­te, Teil 1“

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