Sava­ging the Dark (Roman)

Trig­ger-War­nung vor­ab: Es geht im Roman von Chri­sto­pher Con­lon um das The­ma Pädo­phi­lie (Leh­re­rin -> elf­jäh­ri­ger Schü­ler). Sofern dich das bela­sten könn­te, laß den Arti­kel bes­ser aus.

Doch wenn ich schrei­be, es geht um Pädo­phi­lie, dann ist das nur ein Teil der Geschich­te, denn die Fra­ge ist doch zen­tral, wor­aus sich die Nei­gung der Leh­re­rin Mona Straw nährt; es steht das The­ma Trau­ma­ta im Raum.

Wir erfah­ren, Mona hat­te einen Zwil­lings­bru­der, Micha­el, der mit 12 Jah­ren einen töd­li­chen Unfall hat­te. In der Fol­ge ver­ar­bei­te­te die Schwe­ster die­sen Ver­lust auch in Träu­men, in denen sie sich als in zwei Hälf­ten geschnit­ten erleb­te, also eine (ver­blei­ben­de) Kör­per­hälf­te nur, die sie z.B. aus einem Spie­gel anstarr­te. Der Autor selbst deu­tet dies in einem Epi­log (aus Sicht des Opfers), der dem Text eine histo­ri­sche Authen­ti­zi­tät ver­lei­hen soll, in die­ser Wei­se, wenn er schreibt: “Per­haps part of her – the sick, con­fu­sed part – was real­ly loving someone else, someone she lost, someone I resem­bled and who­se sud­den death had bro­ken her, bro­ken her for all time, even if she did­n’t know.”

Indem ich die­sen Ein­stieg in den Text wäh­le, könn­te ich auch sagen: ok, das war’s, alles gesagt.

Dem ist nicht so, denn die sprach­li­che Gestal­tung durch Con­lon ist so kunst­voll, so ein­dring­lich, so über dem Niveau vie­ler Hor­ror-Thril­ler, daß ich wesent­lich mehr Mar­kie­run­gen im Text gemacht habe, als bei ähn­li­chen Roma­nen – nicht so sehr wegen des kon­kre­ten The­mas, son­dern weil die von ihm gewähl­ten Wor­te auch etwas in mir anklin­gen las­sen. Bei­spie­le:

“As autumn slides into win­ter the enti­re neigh­bor­hood seems to grow dar­ker. Not the simp­le, obvious dark of sea­so­nal chan­ge. Some other kind of dark, a dark I can’t defi­ne as I wrap a robe around mys­elf in the mor­ning and push my feet into my old slip­pers and pad out the front door to get the paper.”

“Some­thing has gone wrong some­whe­re, something’s fray­ed and snap­ped, something’s bro­ken but I don’t know what.”

“Nor­mal is not an opti­on any­mo­re, hasn’t been for many months, (…). May­be my enti­re life. Nor­mal is some­thing other peo­p­le are, not me. I have no choice in what I’m about to do, not real­ly.”

Dabei geht es immer wie­der um die Fra­ge der eige­nen Iden­ti­tät. Die Prot­ago­ni­stin, Erzäh­le­rin bis zum Epi­log, sagt an ver­schie­de­nen Stel­len ähn­li­ches über sich, hier Zitat vom Anfang: “I am not Mona Straw (…) I am not the real Mona Straw.” Es gibt eine “alter­na­te Mona”, d.h. die Leh­re­rin spal­tet Tei­le von sich ab, die auch die ande­ren Tei­le kom­men­tie­ren, spä­ter kon­trol­lie­ren.

Eine Mona Straw ist eben Leh­re­rin an einer Midd­le School, Ehe­frau von Bill und Mut­ter der gemein­sa­men, vier­jäh­ri­gen Toch­ter. Sie lebt ihren All­tag mit “per­fect­ly con­ven­tio­nal thoughts and values”, der Sex mit dem deut­lich älte­ren Bill ist ein­ge­schla­fen. Mit dem Fort­schrei­ten der Geschich­te wird sie zuneh­mend zu einer Art ‘Auto­mat’, wobei mich vie­le For­mu­lie­run­gen abseits des Roman­the­mas an Depres­sio­nen erin­nern.

Die Bezie­hung zum elf­jäh­ri­gen Con­nor Blue ent­wickelt sich ganz lang­sam, was der Autor sehr gut umge­setzt hat. Aus den vie­len Jungs, die Mona unter­rich­tet, schält sich Con­nor als ein beson­de­rer her­aus. Hier mag auch die Ver­nach­läs­si­gung durch sei­nen Vater eine Rol­le spie­len, da auch Mona den hohen Alko­hol­kon­sum ihrer Eltern the­ma­ti­siert – also ein wei­te­rer Bezug in die eige­ne Bio­gra­phie.
Über Nach­hil­fe und das gemein­sa­me Inter­es­se an alten Fil­men kom­men sich Leh­re­rin und Schü­ler näher, bis es zum ersten Über­griff durch sie kommt.

Die sexu­el­len Sze­nen sind sehr expli­zit dar­ge­stellt – so als War­nung. Der Roman wird oft unter “(Extre­me) Hor­ror” ein­sor­tiert, aber es ist doch eine beson­de­re Art von Hor­ror, die in den zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen lebt (wie in The Girl Next Door, Und es schmilzt oder Let’s Go Play At the Adams’).

So ent­wickelt sich eine von Mona gesteu­er­te Lie­bes­be­zie­hung – inter­es­san­ter­wei­se noch eine wei­te­re Par­al­le­le zu ihrem eige­nen Leben: der viel jün­ge­re Con­nor mit sei­ner jugend­li­chen Potenz vs. dem deut­lich älte­ren Ehe­mann mit Pro­ble­men in genau die­sem Bereich. Oder umge­kehrt: die jun­ge Stu­den­tin Mona, die eine Bezie­hung mit ihrem älte­ren Prof (Bill) ein­geht.
Die Geschich­te ent­wickelt sich zwi­schen Selbst­vor­wür­fen Monas und ihrer unglaub­li­chen Lust auf den Sex mit dem Jun­gen: “I’m almost blind with anti­ci­pa­ti­on, with need.

Ich will hier nicht alles spoi­lern, daher sei nur ange­deu­tet: wäh­rend es zuerst Mona ist, die ganz selbst­ver­ständ­lich dar­auf hin­weist, daß Con­nor sich irgend­wann zu gleich­alt­ri­gen Mäd­chen hin­ge­zo­gen füh­len wird, ist es genau die­ser Schritt, der zum Ende des Romans führt, bei dem die Leh­re­rin stirbt. Daher der Epi­log aus Sicht Con­nors.

Sehr span­nend auch die sich wan­deln­de Beur­tei­lung der Bezie­hung. Wäh­rend Mona über die sexu­el­le Ver­ei­ni­gung mit dem Jun­gen so etwas wie die retro­gra­de Ver­ei­ni­gung mit dem ver­stor­be­nen Zwil­lings­bru­der sucht (neben ande­rem), ist es Con­nor, der zuneh­mend den Begriff ‘dir­ty’ für das ein­bringt, was die bei­den tun. Und wäh­rend Mona den Jun­gen ver­ein­nahmt, ihn nicht mehr tei­len will, sieht die­ser in sei­ner Leh­re­rin zuneh­mend eine Quel­le für unkom­pli­zier­ten Sex, wäh­rend er emo­tio­nal von ihr abrückt.

Ich habe oben schon den Begriff ‘Depres­sio­nen’ benutzt. Was sich gera­de am Ende des Romans zeigt, ist das, was pas­siert, wenn abge­spal­te­ne, pro­ble­ma­ti­sche Per­sön­lich­keits­an­tei­le die Steue­rung über­neh­men. Monas Leben wird von einem Mona-Aspekt voll­stän­dig und unwi­der­ruf­lich über­nom­men.

Kri­tik wür­de ich nur dar­an üben, daß der Autor, wie so vie­le ande­re, eine span­nen­de Sze­ne vom Ende des Romans als kra­chen­den Ein­stieg an den Beginn des Tex­tes stellt. Das wäre hier nicht nötig gewe­sen, weil sich das dunk­le Ende lang­sam, schlei­chend, sicht­bar ankün­digt. Das ist ein Roman, den man mit Beklem­mung liest.

Man mag auch fra­gen, ob Con­nor tat­säch­lich mit sei­nen 11 Jah­ren dem “Alter ent­spre­chend” dar­ge­stellt wird. Con­lon gibt sich Mühe, aber manch­mal wür­de ich das Alter des Dar­ge­stell­ten doch um 4–5 Jah­re höher anset­zen. Grund­sätz­lich ist das Alter Con­nors per­fekt gewählt; 2 oder 3 Jah­re älter – und die Leh­re­rin hät­te nicht mehr die­se Mög­lich­keit gehabt, ihn für das zu gewin­nen, was ihr vor­schweb­te.

Vie­les an die­sem kur­zen Roman ist ent­we­der offen benannt (s. Epi­log) oder für die Leser offen­lie­gend beim Fort­schrei­ten im Text. Es gibt wenig “Geheim­nis­se”; mit ein wenig All­tags­psy­cho­lo­gie kann man sich den Roman gut erklä­ren.
Was ihn her­aus­hebt, ist die schrift­stel­le­ri­sche Fähig­keit des Autors, eine dich­te, emo­tio­na­le Spra­che.

Man mag noch dar­über nach­den­ken, ob die meh­re­ren Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten für Monas Ver­hal­ten eine Art ‘Ent­la­stung’ dar­stel­len sol­len. Schaut man ans Ende des Epi­logs, dann ist da kein Haß bei Con­nor, son­dern Trau­er über die “schwar­zen Jah­re” sei­nes Lebens, die er beim ein­ma­li­gen Besuch am Grab der Leh­re­rin hin­ter sich läßt.

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