Jack Ketchum: The Girl next door (Roman)

Schaut man hier und da auf Youtube ein bißchen nach „creepiest book“ oder „most disturbing reads“, dann werden dieses Buch und der Roman „Let‘s go play at the Adams‘“ oft in einem Zug genannt.

Das letztere Werk von Mendal Johnson hat aber doch eine andere Ausrichtung, denn in ihm geht die beschriebene Gewalt tatsächlich von Kindern/Jugendlichen aus. Ich habe den Roman, der teilweise nach Veröffentlichung 1974 kaum oder nur für horrende Summen zu bekommen war, letztes Jahr gelesen: harte Kost.

Bei The Girl Next Door ist es anders – und hier muß ich den Inhalt spoilern, weil ich das sonst nicht erklären kann.

Dies ist ein Buch über Kindesmißbrauch und Folter, aber: Kinder sind Opfer und Täter. Zu Tätern werden sie, weil Erwachsene Dinge erlauben und dulden. Die Drahtzieherin, der Motor der sich steigernden Grausamkeit ist hier eine erwachsene Frau mit Namen Ruth Chandler. Erzähler der Taten 30 Jahre später ist der zur Erzählzeit zwölfjährige Nachbarsjunge David: Nachbar hier auch symbolisch für ’nebenstehend‘, aus der Distanz sehend, beobachtend.

Es ist auch ein Buch über Außenseitertum. Die Familien in der ländlichen Gegend im Jahre 1958 funktionieren nach den gleichen Regeln. Wer von außen (speziell der Großstadt) kommt, hat es schwer und ist im Extremfall nicht diesen gleichen Regeln unterworfen: ‚The inevitable punishment of the outsider.‘
(Ketchum hat den Roman vor dem Hintergrund einer wahren Geschichte aus dem Jahre 1965 geschrieben.)

Susan (11) und Meg(an) (14) sind zwei Mädchen, die ihre Eltern bei einem Autounfall verloren haben, so daß sie zu ihrer Tante Ruth und deren drei Söhnen (die Zwillinge Donny und Willie, 12, sowie Ralphie, 10) ins Haus ziehen – sie sind die Außenseiter. Der Vater hat diese Familie verlassen, d.h. Ruth ist mit ihren drei Jungs allein, verbittert – und sieht in anderen Frauen (Mädchen) Konkurrentinnen. Sie selbst trinkt, und auch ihr Mann und Vater waren wohl Alkoholiker.
Ihre Denkweise geht so entlang dieser Begriffe: ‚girls are dumb. Girls are easy. Suckers straight on down the line.‘ Wenn sie die Wünsche der Jungs erfüllen, sind sie ’sluts‘. Und – Kernsatz im ersten Drittel: ‚Anybody who’s a slut deserves a thrashing.‘

Ruth projiziert die Probleme mit ihrem Frausein, mit dem Verlassenwerden, auf die außerordentlich hübsche Meg, die den Jungs den Kopf verdreht. Für David ist sie „Traummädchen“, ‚very much like a full-grown woman‘. Aber auch er projiziert: das heimliche Beobachten Megs aus der Dunkelheit vor ihrem Zimmer heraus hat keinen Erfolg, was David mit ‚Bitch‘ kommentiert: Megans Ausstrahlung, so erklärt er sich, habe ihn erst zu dieser ‚Tat‘ gebracht.

Nun muß „The Game“ erklärt werden, ein Spiel unter den Kindern: ein Kind spielt ‚Commando‘ und wird von den anderen gejagt. Letztens Endes verliert die Commando-Person immer, wird an einen Baum gefesselt und bekommt eine Augenbinde angezogen. Die anderen Kinder dürfen mit ihr machen, was sie wollen. Aus Davids Erzählung weiß man, daß auch Nacktheit im Spiel ist, anfassen, kitzeln. „The Game“ ist ein Machtspiel unter Kindern, geformt von der erlebten Macht im Elternhaus. Es ist Grenzüberschreitung, Übergriffigkeit – „geframed“ als Spiel. The Game ist das Element zwischen Spiel und der späteren Gewalt gegen Meg.

Auf der ersten Eskalationsstufe im Hause Ruths wird die jüngere, wegen des Unfalls noch mit Gehhilfen laufende Susan von Ruth gezüchtigt, um „eigentlich“ Meg zu treffen – auch hier schon mit sexuellem Unterton: Ruth schlägt sie mit einem Ledergürtel auf den nackten Hintern, während alle Jungs daneben stehen.  Und so kommentiert David: ‚Here was Ruth, I thought, playing The Game. (…) An adult was playing The Game.‘

Was bei David zunächst noch Scham wegen des Zuschauens war, wandelt sich zu ‚excitement‘.  Das Gesehene war nicht ‚punishment‘, da Bestrafungen privat im Elternhaus abgehandelt wurden, das hier war ‚The Game‘, also öffentlich – und erlaubt.

Ruths Söhne springen auf die schlechte Behandlung der Mädchen an: die Mutter als Vorbild. Erstmalig eskaliert die Situation als Ruth erneut Meg über den „Umweg“ Susan bestrafen will: Ruth boxt der von einem Sohn festgehaltenen Meg in den Bauch ‚exactly the way a man would hit a man, and nearly as hard‘.

David wirkt seltsam abgelöst vom Geschehen: ‚I didn’t feel a thing.‘ Ruth war die „coole“ Mutter der Freunde, wo man mit 12 schon mal ein Bier bekam. Er pendelt zwischen dem Verstehen, daß Ruth gewalttätig ist, und der sexuellen Anziehungskraft Megs, seinem eigenen „Sehen-Wollen„.

Die nächste Phase nennt David ‚escalation‘: Meg vertraut sich einem Polizisten an, der – nichts macht. David: ‚What made it so incredible was that Meg had gotten the police involved.‘ Hier wird deutlich, daß auch er die vorhandene Gewalt in anderen Familien wahrnimmt (‚people were getting punished a lot‘ – also wieder der Begriff für die private Gewalt), aber da Kinder „Eigentum“ der Eltern sind, ihnen mit ‚body and soul‘ gehören, waren gewalttätige Aktionen erlaubt – oder, wenn nicht erlaubt, so doch „natürlich“. Man war den Erwachsenen ausgeliefert, man ging nicht zur Polizei – und fühlte ‚hopelessness, and humilitation and anger‘. Das Kind als Gegenstand.
Und Meg rebelliert, lehnt sich gegen Ruth auf, geht zur Polizei. David beschreibt, wie sich die Gefühle der Kinder verändern und sich gegen Meg richten: sie hat die „Ordnung“, die Autorität und Macht der Erwachsenen in Frage gestellt, daher verachten die Kinder sie nun.

Zentral ist also das Thema Macht. Eltern haben unhinterfragte Macht über ihre Kinder. Aus dem Erleben von Ruths Macht erwächst in David ein ebensolches Gefühl von ‚power (…) granted to me by Ruth, and perhaps only temporary‘. Man kann nun argumentieren, daß der Druck einer patriarchalen Gesellschaft auf den Kindern lastete, so daß diese mit einem einzigen „Knopfdruck“ ihre Wut und Angst an einer anderen Person auslassen konnten – ‚toward destruction‘. Ruth ist dabei Täterin wie Opfer, vor allem aber Täterin da, wo sie ihre Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hat (‚you get pushed that far‘) und die Jungs in ihre Bestrafungsszenarien einbezieht. Der Jüngste kommentiert daher folgerichtig bei der weiteren Entgleisung der Situation: ‚We’ve got permission!‘

Erstmalig wird Megan im dunklen Atomschutzbunker unter dem Haus eingesperrt – Arme an Fixpunkte gefesselt, Augenbinde. Davids Bericht ist nun voller sexueller Untertöne: ‚And Ruth was allowing this. (…) Her [Meg’s] breasts were bare. (…) The room reeked of sex.‘
David ist gefangen zwischen pubertärer Geilheit und dem unterdrückten Wissen darum, daß hier etwas Falsches geschieht: ‚Shame looked square in the face of desire…‘ Schnell wird ihm klar: das Kinderspiel „The Game“ wird hier zu „Ruth’s show“: ‚The Game was nonexistent.‘ Und so wird er zu einem ‚conspirator‘ und zu einem ‚addict‘ dieser Gewaltszenen, die er zuschauend konsumiert, die ihn erregen.

Wenn Ruth über Meg spricht, fühlt man, daß sie im Grunde über sich selbst redet: ‚That warm wet pussy of yours. That’s the Curse, you know? Curse of Eve. That’s the weakness. That’s where they got us.‘ An einer Stelle des Buchs wird erwähnt, daß Ruth Megs jüngeres Schwester Susan im Genitalbereich angefaßt hat. Das ist ein Detail, das ich für mich schwer in den sonstigen Handlungsstrang einsortieren kann. Ist das der Einstieg in die Gewaltspirale über die „unschuldige“, jüngere Schwester?

Die von Ruth erlaubte Mißhandlung Megs erreicht neue „Qualitäten“, als der unberechenbare Junge Eddie samt Schwester hinzukommt. David erfährt sich in dem, was er tut und geschehen läßt, als ‚evil‘: ‚She was all I knew of sex. And all I knew of cruelty. (…) Passively I watched it unfold.‘ Andererseits ist Ruth die Erwachsene mit Macht. Als David bei einer Mißhandlung einschreitet und den Bunker verlassen will, hindert Ruth ihn: “This boy tries to leave,‘ she said. ‚Cut his balls off and hand ‚em over to me.‘

Ich will es hier nicht konkreter ausführen: die Grausamkeiten werden intensiver, entstellen Megs Körper (‚Ruth had changed her. Changed her for life.‘). Meg wird in diesem Bunker zu Tode gefoltert. Die Taten steigern sich hin zu explizit sexuellen Inhalten vor dem Hintergrund von Ruths eigener Verachtung ihrer Weiblichkeit. Mit dem Einritzen der Worte ‚I fuck – fuck me‘ in Megs Bauchhaut soll sie für alle Zeit als ’slut‘ gebrandmarkt werden.

Das Ende ist schnell erzählt: Die Polizei kommt dann doch, aber beim Hochgehen aus dem Bunker stößt David Ruth die  Treppe hinab – sie stirbt durch einen Genickbruch. Obwohl der Polizist den Vorsatz erkennt, deklariert er den Tod Ruths als Unfall. Alle Kinder sind strafunmündig, Ruths Söhne kommen in eine Art Jugendstrafanstalt, David lebt weiter bei seinen Eltern und muß Kontakt zu einem Sozialarbeiter halten.

Die letzten Kapitel (‚Do you love your wife‘ / ‚Returns‘) sind für mich schleierhaft, da ich die Namen der auftauchenden Personen nicht 100% zuordnen kann (und mir die Mühe nicht gemacht habe, das nochmal bewußt zu lesen). Aus ‚Returns‘ kann man herauslesen, daß David auch als Erwachsener nicht in der Lage ist, eine gute Beziehung zu führen.

Im Nachwort erklärt Ketchum, ’sociopaths scare me and make me mad. (…) I’d wanted to write about one of these bastards for a long time. Their otherness.‘ Im Gegensatz dazu ist Meg für ihn eine Heldin.

Man kann zusammenfassen, daß diese Geschichte von um einer verbitterten, alkoholabhängigen, vom Leben enttäuschten Frau dreht, die nun plötzlich Macht erhält über ein junges, hübsches Mädchen, in dem sie sich wohl selbst sieht. Nicht zu übersehen sind die gesellschaftlichen Umstände – Macht des Mannes über die Frau, Macht der Eltern über die Kinder -, denn autoritäre Strukturen machen Undenkbares möglich.
Gerade in Davids Beschreibungen ist auch der Aspekt von Voyeurismus Teil der Geschichte, von sexuellen Machtfantasien. Und dieser Aspekt greift auf den Leser über, denn man kann Ketchums Roman in der Weise kritisieren, daß er Gewalt gegenüber Frauen dem Lesepublikum zum Konsum präsentiert. Liest man in englischsprachigen Rezensionen des Titels, findet man öfter auch die Aussage, das Buch sei schlecht geschrieben; das finde ich nicht.

Persönlich konnte ich mich gut in die Beschreibung der kleinen Siedlung hineinversetzen, da auch ich in eher dörflicher Umgebung aufgewachsen bin. Auch wir hatten (eher harmlose) Spiele wie ‚The Game‘. Auch die Beschreibung der elterlichen Macht kann ich nachempfinden. In meinem Fall war es keine physische Gewalt, aber doch psychische Dominanz und der Wunsch, das Kind zu einem ‚kleinen Erwachsenen‘ zu erziehen. Ich schreibe dazu mehr in einem zukünftigen Beitrag über „Angst“. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, daß ich gelegentlich das Thema BDSM angerissen habe. Ich glaube, daß meine Kindheitserlebnisse prägend waren für die Ausbildung einer speziellen Sexualität. In Ketchums Buch lese ich über die Erregung des Zuschauenden, empfinde die sexuelle Spannung, hinterfrage meine Emotionen als Leser, komme ins Grübeln über meine Kindheit, meine sexuellen Beziehungen der letzten 40 Jahre. Wenn der Roman eines bewirken kann, dann ist es, daß sich der Leser in der Selbstprüfung darüber klar werden kann, wann und wie eine abhängige oder ungleiche Beziehung in pure Gewalt übergeht.

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