Lindqvist: Let the Right One In – So finster die Nacht (Roman & Filme)

Mit ‚Låt den rätte komma in‚ hat der schwedische Autor John Ajvide Lindqvist im Jahr 2004 einen Bestseller veröffentlicht, der sich auch in der deutschen Übersetzung als ‚So finster die Nacht‘ (2007) lange in den entsprechenden Listen von Spiegel oder Stern hielt.

Zweimal wurde der Roman verfilmt. Ich werde in diesem längeren Beitrag zunächst auf den Roman eingehen, den ich in der englischen Fassung (Let the Right One in) gelesen habe, dann auf beide Verfilmungen.

Das Buch in einem Wort zu erklären, scheint leicht zu fallen: Vampirgeschichte. Aber es ist auch z.T. Kriminalroman, auch Gesellschaftskritik (insbesondere zum Thema Pädophilie und Mobbing) und, wenn ich den Begriff aus dem Wikipedia-Eintrag übernehmen darf, Entwicklungsroman.

Um Buch und Verfilmungen besprechen zu können, muß ich spoilern.

Roman

Wir starten in den im Jahr 1981 in einer Stockholmer Trabantenstadt angesiedelten Roman mit dem zwölfjährigen Oskar, der als Sonderling von Mitschülern gemobbt wird. Dieses Mobbing ist quasi Rahmenhandlung, die nach dem Muster abläuft: der Gemobbte wehrt sich, erkämpft sich dadurch Respekt, wohingegen die Mobber eine Gewalteskalation durchführen müssen, um wieder Oberhand zu gewinnen – für zwei oder drei Minuten. Mobbing ist ein ‚Eigentor‘, geht nach hinten los – eine der Botschaften des Buches.

Oskar lernt eine andere Außenseiterin kennen, das faszinierende Mädchen Eli, das nebenan wohnt – offenbar mit ihrem ‚Vater‘.  Bei dem Mann handelt es sich um einen pädophilen Ex-Lehrer, den Eli sich ‚rekrutiert‘ hat, um durch Morde, die er ausführt, frisches Blut zu bekommen, von dem sie sich ernährt. Hintergrund ist, daß die nicht alternde Eli es nicht mit jedem Erwachsenen aufnehmen kann. Das Opfer muß getötet werden, sonst wird es zum gleichen Wesen wie Eli verwandelt.
Der Mann, Håkan, wird bald als ‚Ritualmörder‘ gesucht, weil er die Leichen ausbluten läßt.

Elis mißratener Angriff auf eine Frau namens Virginia geht schief, sie wird infiziert und zur Vampirin. Dieser ganze Nebenstrang um Virginia und ihre Saufkumpane aus dem China-Restaurant hat m.E. nur den Zweck zu zeigen, wie die Frau sich wandelt, wie sie leidet und letztlich den einzigen Ausweg sucht, der ihr bleibt – Selbstzerstörung.

Zu Oskar hat Eli ein freundschaftliches Verhältnis; er ist kein Opfer für den Vampir. Durch lange Küsse auf den Mund, die im Rückblick einen homoerotischen Charakter haben, teilt Eli ihre Geschichte – seine Geschichte in Visionen mit Oskar: Eli war Elias, ein Junge, der von einer Art Vampir-Graf ausgewählt und zum Eunuchen (+Vampir) gemacht wurde. Der Autor beginnt bei ca. 75% des Kindle-Buchs zwischen den Pronomen ‚er‘ und ’sie‘ zu alternieren. Interessanterweise sagt Eli zu Oskar, er sei kein Vampir, obwohl die Geschichte eben doch alle Vampir-Klischees bedient: Blut trinken, das sich wandelnde Gebiß, die Sonnenlicht-Empfindlichkeit, die Notwendigkeit einer Einladung zum Betreten eines Raums, fledermausartige Flugfähigkeit usw.
Faszinierend ist, wie ich als Leser an Oskars Seite – und damit quasi durch Kinderaugen – in diese fremde Welt um Eli eintauchen kann. Das Undenkbare wird hier als androgynes Kind vorgestellt.

Die Nebenhandlung um Håkan endet ziemlich ‚messy‘. Durch Elis Biß wird er nach tödlichem Sturz zu einem Untoten, der mit ‚Dauer-Erektion‘ herumgeistert – ein gutes Bild für einen Pädophilen: Kopf ausgeschaltet, schwanzgesteuert.

Der Schreibstil im Englischen ist anstrengend – vielleicht wäre der Roman in der deutschen Übersetzung besser zu lesen gewesen, vielleicht auch als reguläres Buch, da im Kindle oft kein Anzeichen für einen Abschnitts- bzw. Themenwechsel erkennbar war. Zum Ende hin, so bei 85% hat das Buch Längen, obwohl man doch nicht weiß, wie genau das Ende aussehen wird. Nachdem Elis Wohnung von der Polizei gefunden wurde, verschwindet er – scheinbar dauerhaft – aus Oskars Leben. In einem letzten Gespräch lehnt Oskar ab, ’so zu werden wie Eli‘.
Am Schluß des Buches ist Oskar mit seinen und Elis Habseligkeiten in einer Bahn nach irgendwo unterwegs – als ’neuer Håkan‘, aber doch aus als Kind ohne die Geschichte des pädophilen Lehrers.

Für mich ist das einer der großen Horrorromane, die man in seinem kurzen Leben lesen kann. Beim Lesen fühlte ich mich gefangen in diesem schwedischen Winter, der grauen Vorstadt, unter den typischen heruntergekommenen Gestalten, die man dort antrifft, wohingegen ‚das Böse‘ mitten unter ihnen ist, aber einen kleinen, gemobbten Jungen zum Freund wählt.


Die erste Verfilmung „So finster die Nacht“ stammt aus dem Jahr 2008, ist eine schwedische Produktion; Regie führte Tomas Alfredson (Info @ Wikipedia). Ich denke, man kann sagen, diese Filmumsetzung will den Roman möglichst originalgetreu abbilden. Viele Szenen, die der Autor beschreibt, wurden 1:1 umgesetzt, so z.B. das Szenen-Timing beim Schlittschuhlaufen der Kinder mit Fund der Leiche im Eis.
Dafür wurden andere Dinge weggelassen, so die komplette Geschichte um den untoten Håkan – er stirbt schlichtweg beim Fenstersturz. Ebenso ist die Leidensgeschichte von Virginia extrem verkürzt worden. Die Rückblicke, die Eli Oskar via Kuß ermöglicht, finden keine filmische Darstellung. Es gibt einen langen Kuß, der aber einen anderen Charakter hat.
Leider wird auch das Thema Pädophilie weitgehend ausgeklammert.

Eli wird von der damals dreizehnjährigen Lina Leandersson gespielt, die mit ihrem leicht südeuropäischen Teint eine sehr gute Wahl im Kontrast zum schmächtigen, blonden Oskar ist. Die gesamte Thematik um ‚Elias‘ wird darauf verkürzt, daß Oskar kurz eine Art Vernarbung in Elis Schambereich sieht. Mehr als es im Roman der Fall ist, zeigt der Film meinem Empfinden nach eher eine heterosexuelle Beziehung der beiden Kinder.

Der Film erzählt langsam, die Szenen sind wohlüberlegt – keine hektischen Schnitte. Dazu eine oft ruhige und melancholische Musik. Durch das Weglassen der ganzen Polizei- und Pressethematik aus dem Roman, die das öffentliche Interesse und die Tätersuche reflektieren, erhält der Film eine fast schon private Note, die man vor dem Hintergrund der Winterlandschaft auch als kühle Note bezeichnen kann: der Aufschrei der Medienlandschaft und das Blaulichtgewitter der Einsatzfahrzeuge fehlen weitgehend: es passieren private Dinge in einer anonymen Vorstadt.

Wer den Roman „kennen“ möchte, in einer deutlich verkürzt wiedergegebenen Version, der sollte diese Verfilmung anschauen. Den ‚Ton‘ der winterlichen Vorstadt, des tristen Alltags trifft er vielleicht durch die audio-visuellen Mittel noch besser als der Roman. Der Regisseur hat sich erfreulich wenig Freiheiten beim Material erlaubt. Klare Empfehlung!


Die zweite Verfilmung, quasi das Remake des schwedischen Films, wurde unter „Let me in“ im Jahr 2010 veröffentlicht. Es ist eine US-Produktion unter Regie von Matt Reeves (Info @ Wikipedia).

Der Film ist sozusagen eine Übertragung des Stoffs und der früheren Verfilmung für ein amerikanisches Publikum. Die Handlung wird nach Los Alamos in New Mexico verlegt, Oskar und Eli heißen nun Owen und Abbey. Mit der Abkürzung Abbey, wohl von Abigail, fällt natürlich das Wortspiel Eli/Elias weg, also der Hinweis auf den Jungen hinter dem scheinbaren Vampirmädchen. Und wie es sich für einen US-Film ‚gehört‘, wird auch nicht – wie im schwedischen – der Schambereich Elis (ich bleibe bei den Originalnamen) gezeigt, sondern lediglich Oskars verstehender (?) Gesichtsausdruck.

Und natürlich muß es auch emotional aufwühlender sein in so einem Streifen für den US-Markt: Man startet mit Håkans dramatischem Sturz aus dem Fenster. Und – vermutlich signifikanteste Änderung – Håkan hat seinen Opfern zuvor in deren Autos aufgelauert. Statt Aktion im Schwimmbad mit Selbstverätzung des Gesichts, geschieht das hier nach einem spektakulären Unfall.
Weiterer Aspekt dieser Amerikanisierung des Stoffes sind die vielen TV-Schnipsel von Ronald Reagan, die man im Hintergrund sieht; das Beten von Oskars Mutter vor dem Abendessen, die 80er Medienwelt deutlicher sichtbar (PacMan-Automat, typische 80s Musik).

Sieht man von all dem ab, ist das Remake nah am Originalfilm – bis hin zur Übernahme der „3 Minuten“ Untertauchzeit für Oskar zum Ende des Films, wohingegen es im Roman 5 Minuten sind.
Håkan wird etwas deutlicher eingebunden, sein Wunsch, nicht mehr für Eli töten zu müssen. Später dann das Bild von Eli mit einem bebrillten Jungen, so daß für den Zuschauer der Schluß naheliegt: Håkan ist sein ganzes Leben bei ihr gewesen. Auch das ist klar eine Abweichung vom Roman. Beide Verfilmungen klammern die Pädophilie Håkans weitgehend aus.
Der Film ist schneller geschnitten als der von Alfredson; er ist greller, auch bei den Gruseleffekten; die Musik ist dramatischer / ominöser. Die Infektion Virginias ist noch kürzer als im ersten Film dargestellt, aber bei der Selbstentzündung wird gleich noch eine Krankenschwester mit abgefackelt. Und zu guter Letzt ist es hier ein Polizist mit gezogener Waffe, der in Elis Wohnung eindringt, nicht Virginias Ex-Partner.

Oskar selbst ist nicht nur optisch ‚dunkler‘ dargestellt, sondern z.B. auch mit diesem voyeuristischen Unterton, wenn er Nachbarn mit dem Fernrohr beobachtet. Trotzdem ist der Schauspieler eine gute Wahl für den Charakter. Die Besetzung Elis hingegen gefällt mir weniger als in ‚So finster die Nacht‘, vielleicht weil sie mädchenhafter rüberkommt als die androgynere Eli im ersten Film.

Mein Fazit: mich nervt die ‚Amerikanisierung‘ des Stoffes trotz weitgehender Beibehaltung der Darstellungen aus 1. Verfilmung. Die Pädophilie Håkans wird nicht nur passiv ausgeklammert (durch Weglassen), sie wird durch das Bild des bebrillten Jungen, der nur als Håkan gelesen werden kann, aktiv verbannt. Damit ist Håkan nur der alternde, des Tötens müde Begleiter, dessen Rolle Oskar dann einnimmt, was der Geschichte einen stark egoistischen Drall aus Elis Perspektive gibt. Denn wenn man den Roman versteht, gibt es eine echte freundschaftliche Anziehungskraft zwischen Oskar und Elias, während Eli sich über die pädophilen Neigungen Håkans einen ‚Lakai‘ erschafft, der sie anhimmelt und bereit ist, für sie zu töten.

Wer neu beim Thema ist, dem würde ich zur ersten Verfilmung raten.

Von Jack Thorne gibt es eine Bühnenadaption des Stoffes.
Unter dem Titel „Låt de gamla drömmarna dö“ erschient 2011 ein Kurzgeschichte des Autors als Fortsetzung des Romans.

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