VNV Nation

VNV Nati­on (14.3.25, Köln)

Das Carls­werk Vic­to­ria im Köl­ner Nord­osten ist eine net­te Loca­ti­on, die ich nun erst­mals erle­ben durf­te. Rie­si­ges Park­haus um die Ecke, schnel­le Ein- und Aus­fahrt durch Online-Bezahl­mög­lich­keit. Kur­ze Ein­laß­kon­trol­le, Kar­ten­check – und  schon waren wir drin. Im (unbe­heiz­ten) Vor­be­reich zwei Buden, Gar­de­ro­be und Toi­let­ten, dann die eigent­li­che gro­ße Kon­zert­hal­le, die schon eine ordent­li­che Grö­ße auf­weist, aber eben auch deut­lich län­ger als breit ist, so daß sich das Publi­kum vor der Büh­ne eher staut. Cate­ring hin­ten und an der rech­ten Sei­te – schnell und pro­fes­sio­nell, soweit ich das gese­hen habe.

Straight Razor
Straight Razor

Pünkt­lich star­te­te der Sup­port Act “Straight Razor”. Was schrei­be ich? *hust* Also gut, die­ses Duo war für mich – per­sön­lich! – die fade­ste Vor­band seit ewi­gen Zei­ten. Wer “humpa-humpa”-Electro macht, muß sich m.E. auf der Sän­ger-Sei­te abhe­ben, z.B. durch eine beson­de­re Stim­me, durch eine Per­sön­lich­keit, die auf der Büh­ne sicht­bar wird. Das hat “Omar Doom” nicht – da springt bei mir kein Fun­ke über. Er wirkt steif auf der Büh­ne.  Somit reiht sich das Pro­ject für mich in die typi­sche “just ano­ther elec­t­ro act”-Reihe ein. Gut, “Mise­ry” war OK. Ich glau­be, ich war nicht der ein­zi­ge, der so dach­te, denn als Omar frag­te, ob man denn schon bereit sei für VNV Nati­on, kam der inten­siv­ste Applaus sei­nes Gigs auf.

VNV NationKur­ze War­te­zeit, dann Ronan und sei­ne Trup­pe. Die Set­list kann hier ein­ge­se­hen wer­den. Los ging es mit dem lang­sa­men Song “Save me”, ein neu­er von der kom­men­den Ver­öf­fent­li­chung “Cons­truct – Decons­truct”. Sehr schön. Aber der näch­ste neue Song, “Silence speaks”, hat mir noch bes­ser gefal­len, vor allem wegen des The­mas: die Stil­le, die uns soviel zu sagen hat, obwohl sie nicht spricht – eigent­lich. Dar­über wer­de ich nach Erschei­nen des Albums einen eige­nen Bei­trag schrei­ben.

Es folg­te dann ein Rund­um­schlag durch das älte­re wie neue­re Reper­toire. Bei “Legi­on” wur­den mei­ne Augen wie­der ein­mal feucht, weil ich mich an die legen­dä­re Auf­nah­me beim 2000er Mera Luna erin­nert habe – und jetzt ste­he ich 25 Jah­re spä­ter hier – ein Drit­tel Men­schen­le­ben spä­ter irgend­wie.

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“Honour” wie­der dabei – das Publi­kum schreit “I HATE WAR” laut mit. Dann: “Lights go out”, mein Favo­rit von ‘Noi­re’.
Aber bei Ronan ist es mit dem Mit­sin­gen oft schwie­rig, weil er die Tex­te nicht ein­fach so run­ter­singt, wie man sie aus den Auf­nah­men kennt. Er gestal­tet die Tem­pi eigen­wil­lig, ändert teil­wei­se die Melo­die­füh­rung etwas – oder kommt außer Atem, pau­siert, was an die­sem Abend kaum der Fall war, aber bei frü­he­ren Kon­zer­ten ab und an ziem­lich kraß war.

Erste Zuga­be sehr, sehr emo­tio­nal mit “The Game”, “Gra­ti­tu­de” und dem drit­ten neu­en Song: “Clo­se to Hea­ven”.
Nach erneu­ter kur­zer Pau­se folg­ten dann die bei­den Songs, ohne die ein VNV-Nati­on-Kon­zert gar nicht geht: “Illu­si­on” und “Nova” – und dann zum Abschluß wie­der “All Our Sins”.

Das Fil­men und Foto­gra­fie­ren wäh­rend des Kon­zerts war ein rie­si­ges, fast schon zu domi­nan­tes The­ma für Ronan. Man – auch Herr Har­ris – dreht die Zeit nicht zurück. Es ist ein Kampf gegen Wind­müh­len: ja, man kann stän­dig dar­auf hin­wei­sen, daß einen als Künst­ler das Fil­men und Blit­zen nervt, aber irgend­wie muß man das auch akzep­tie­ren. Und ja, ich fin­de es als ein Mensch im Publi­kum auch toll, wenn ich aus der 50sten Rei­he nicht die klei­ne Figur des Sän­gers zwi­schen Dut­zen­den Han­dys suchen muß.

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Nach der letz­ten Zuga­be stand Ronan noch län­ger allein auf der Büh­ne und inter­agier­te mit dem Publi­kum. So sag­te er, allen Glo­ba­li­sten bzw. Assi­mi­la­ti­ons­for­de­rern wohl ein Dorn im Auge, er lebe zwar so lan­ge und gut in Deutsch­land, aber er habe ja iri­sches Blut – er blei­be immer Ire. Dafür wur­de er sicht­bar gefei­ert, auch als er sei­nen Namen auf Irisch sag­te und den Men­schen in die­ser Spra­che eine gute Heim­rei­se wünsch­te. Bot­schaft: man kann auf dem glo­ba­len Par­kett agie­ren, aber man soll­te wis­sen, wo man her­kommt. (Gern mal hören, falls nicht bekannt: Peter Sar­stedt – Whe­re do you go to, my love­ly?)

Das ist für mich das Phä­no­men VNV Nati­on – um den Bogen zurück zum Anfang zu span­nen: Ronan ist eben er selbst – und dafür – für sein So-Sein – wird er von den Fans geliebt. Er agiert sou­ve­rän, z.B. wenn er jeman­den, den er wegen Blitz­licht schon “ermahnt” hat­te, dann als “Depp” bezeich­net. Aber vor allem spürt man das Herz­blut, das in die­se Live-Per­for­man­ces fließt: Ronan spricht es immer wie­der an: hört auf, die Musik zu kon­ser­vie­ren, fei­ert hier und heu­te abend mit mir. Wört­lich: “Wir sind kei­ne Swif­ties.” Die Erin­ne­run­gen mor­gen früh sind viel schö­ner als der kur­ze Video-Clip, den du auf­ge­zeich­net hast.

Noch kurz zum Publi­kum: da waren kaum jun­ge Leu­te so zwi­schen 20 und 25 anwe­send. Ist VNV Nati­on jetzt Alte-Leu­te-Musik? Schwar­zer Schla­ger für Prä-Demen­te? Wenn DU das hier liest und um die 20 bist: magst du VNV Nati­on? Was hörst du an schwar­zer Musik? Schreib mir gern einen Kom­men­tar!

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2 Gedanken zu „VNV Nati­on (14.3.25, Köln)“

  1. Es soll­ten auch noch die groß­ar­ti­gen Gesten von Ronan erwähnt wer­den. Ich sel­ber stand unmit­tel­bar vor der Büh­ne und habe die­se über­wäl­tigt wahr­ge­nom­men. Links neben der Büh­ne war ein abge­sperr­ter Bereich in dem sich die Zuschau­er mit kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen auf­ge­hal­ten haben. Ronan hat die­se recht schnell wahr­ge­nom­men und ist auch zu ihnen her­un­ter­ge­gan­gen. Zum Ende des Kon­zerts hat er sei­nem Drum­mer gesagt das er sei­ne Drum­sticks zu die­sen Zuschau­er brin­gen möch­te. Des Wei­te­ren sag­te er ja noch das für ihn die Zuschau­er mit kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen an erster Stel­le, die mit Kin­dern an zwei­ter und alle ande­ren Zuschau­er an drit­ter Stel­le ste­hen. Die­se fei­nen Gesten, Aus­sa­gen habe ich als nicht all­täg­lich und beson­ders wahr­ge­nom­men und als posi­ti­ven Gedan­ken mit nach Hau­se genom­men.

    1. Hi Oli­ver,
      stimmt, das habe ich nicht erwähnt. Aber war­um? Ich will es mal ver­su­chen zu erklä­ren:
      Ich arbei­te selbst im Sozi­al­be­reich. Vor etli­chen Jah­ren woll­te man Men­schen mit Behin­de­run­gen bes­ser inte­grie­ren, “Inte­gra­ti­on” war das Stich­wort. Das reich­te dann irgend­wie nicht mehr aus, also muß­te “Inklu­si­on” her. Wenn man das zu Ende denkt, wer­den die Unter­schie­de zwi­schen Men­schen mit Behin­de­run­gen und sol­chen ohne ver­schwin­den. Wir wür­den dann in einer Welt leben, wo alle gleich sind (in der Theo­rie).

      Aus die­sem Blick­win­kel baut Ronan wie­der Gren­zen auf, wenn er unter­schied­li­che Per­so­nen­grup­pen beson­ders her­vor­hebt. So waren m.E. weni­ge Eltern mit Kin­dern da. Neben mir stand ein ca. 11-/12-jäh­ri­ges Mäd­chen, das mega-gelang­weilt war. Natür­lich sind Kin­der “unse­re Zukunft”, auch die Zukunft der Sze­ne, aber das ist doch auch so ein All­ge­mein­platz. 99% der Anwe­sen­den waren kei­ne Kin­der, von daher müß­te man das nicht extra erwäh­nen. Dann ist mir ein wenig auf­ge­sto­ßen, wie er an drit­ter Stel­le “all you won­derful peo­p­le” erwähn­te, also die­se 99% Rest, die Mehr­heit. Damit sind – hart aus­ge­drückt – weder Behin­der­te noch Kin­der “won­derful peo­p­le”. Soll hei­ßen, mit sol­chen Aus­sa­gen bewegt man sich schnell auf Glatt­eis, auch wenn Ronan das ganz sicher so nicht gemeint hat.
      Er hat, aus irgend­ei­nem Grund, immer ein Auge auf die Men­schen mit Behin­de­run­gen, die sei­ne Kon­zer­te besu­chen. Und ja, das macht ihn sym­pa­thisch, daß er in deren Rich­tung etwas sagt, aber es läuft einer gesell­schaft­li­chen Ten­denz zuwi­der, Unter­schie­de nicht mehr zu benen­nen. Ich erle­be es gera­de bei Men­schen, die nicht im Sozi­al-/Ge­sund­heits­be­reich arbei­ten, daß sie an alten Kon­zep­ten fest­hal­ten, so à la: “Das ist ein Behin­der­ter, der braucht Hil­fe.” Ich erle­be selbst immer wie­der Situa­tio­nen, in denen ich einem Men­schen mit Behin­de­rung Hil­fe anbie­te, dies aber (z.T. brüsk) abge­lehnt wird: “Ich kom­me schon zurecht.” Das hat auch viel mit “empower­ment” zu tun, damit, daß behin­der­te Men­schen sich heu­te als stark und aut­ark erle­ben kön­nen, z.B. weil es die Selb­stän­dig­keit för­dern­de Wohn­an­ge­bo­te gibt.
      Letzt­lich ist selbst der Begriff “Behin­der­te” so einer Umfor­mung unter­wor­fen: Frü­her gin­gen Men­schen in eine “Behin­der­ten­werk­statt”, dar­aus wur­de dann eine “Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen”, und heu­te spricht man eher von Beein­träch­ti­gun­gen.

      Mich hat die­se Drei­er-Abstu­fung “Behin­der­te – Eltern/Kinder – all you won­derful peo­p­le” nicht so ‘abge­holt’, daher habe ich das im Bericht aus­ge­las­sen.

      Lie­be Grü­ße,
      Rush

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