Nachtvolk

Was bedeutet die Nacht für mich? Faszination – seit ich ein kleiner Junge war. Beim Nachdenken fallen mir verschiedene Szenen aus meiner Kindheit ein.

Da ist der Aufbruch zur Fahrt in den Urlaub morgens um 4 Uhr. Ich stehe als kleiner Junge im dunklen Hof und schaue in den Himmel, wo eine Unzahl von Sternen leuchtet. Das hatte ich so noch nie gesehen. Ich kann meinen Blick kaum abwenden und rufe zum Opa, der uns vom Fenster verabschiedet: „Opa, schau mal, die ganzen Sterne!“ Die Szene ist wie eingraviert in meine Seelenlandschaft.

Wir hatten keine Rolläden am Haus, so daß am Abend schwere, bodenlange  und lichtdichte Vorhänge vor das Fenster im Eßzimmer gezogen wurden. Sie waren die Barriere zur Nacht da draußen. Gerne schlich ich mich hinter den Vorhang und vors Fensters, um in den tiefschwarzen Hof hinunterzublicken. Alles schwarz – nur von links sah man Licht einer Straßenlaterne herüberscheinen. Meine Mutter mochte es aus irgendeinem Grund nicht, wenn ich da ins Dunkle schauend stand. Sie machte mir Angst, indem sie sagte, es könnten die „Naachsraawe“, die Nachtraben, kommen, um mich zu holen. Ich weiß bis heute nicht, was ihr Problem war, aber wir hatten sowieso eine schwierige Beziehung; und ihr Tod vor vier Jahren ist an mir vorübergegangen, als hätten sie die Nachtraben geholt.
Mit dieser Nachtraben-Geschichte erzeugte meine Mutter aber auch eine Verknüpfung von Nacht und mysteriösen Vorkommnissen oder Geheimnissen, die man bei Tageslicht nicht sieht. (Lt. Wikipedia steckt dahinter die Vorstellung, daß Nachtvögel Kinder entführen, die noch nicht zuhause sind, wenn die Dunkelheit hereinbricht.)

Später war ich von Gewittern fasziniert und führte eine Art „Gewitter-Tagebuch“, in dem ich alle beobachteten Gewitter mit ihren meteorologischen Begleiterscheinungen festhielt. Welche Wolkenformen sah ich vorher? Wann setzte der Regen ein? Wie weit war das Gewitter entfernt (Abstand Blitz – Donner)? Welche Blitzformen konnte ich beobachten? Ja, und da stand ich auch nachts auf, setzte mich mit kleiner Leselampe ans Fenster, schaute in die von Blitzen erhellte Nacht und protokollierte. Statt Angst empfand ich nun ein „Lostgelöstsein“ vom Tages-Alltag, später schrieb ich von der „Ohnewelt„, so eine Art von Geborgensheitswelt im schützenden Dunkel.

Mein Vater hat die Naturverbundenheit in mir erweckt. Ohne Smartphone und Internet habe ich ganze Tage allein im Wald verbracht. Besonders die Vogelbeobachtung hatte es mir angetan; intensiv habe ich mich mit nachtaktiven Vögeln beschäftigt – Eulen, speziell dem Uhu. Eine verletzte, junge Waldohreule päppelte ich solange in unserer Voliere auf, bis sie im Pfälzerwald erfolgreich ausgewildert werden konnte.
Mit einem Freund „beobachtete“ ich Fledermäuse mittels „Fledermaus-Detektor“, der die Ortungsrufe hörbar macht. (Es führt hier in eine ganz andere Richtung: bei der späteren intensiven Beschäftigung mit dem Schamanismus fand ich heraus, das die Fledermaus offenbar eines meiner (beiden) Krafttiere ist. Aber das ist passé. Nein, nun gut, es ist nicht passé, aber ich lasse es nicht mehr zu.)

Der Glanz der Sterne, die mystischen Nachtraben, das Getier der Nacht, nächtliche Gewitterstimmungen – all das hatten die – v.a. romantischen – Dichter schon beschrieben. Mit 16, 17 begann ich, Gedichtsammlungen – dicke Wälzer meines Vaters – durchzuschauen und besonders schöne, mich stark ansprechende Gedichte mit der alten Schreibmaschine meines Opas abzutippen. Wenn ich das alles so schreibe: wie erfüllt war diese Offline-Kindheit!

Ich denke zurück an Eichendorff – Nachts, Mondnacht oder Sehnsucht , an Brentanos Abendständchen, Novalis‘ Hymen an die Nacht und meinen Favoriten Nikolaus Lenau, oder auch an Rilkes Worte an die Dunkelheit, die mit „Ich glaube an Nächte“ schließen:

Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,

indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Aber mein „Hauptdichter“, eine Art Seelen-Intimus, wurde Georg Trakl – nicht Romantiker, sondern auf halsbrecherische Art dunkler. Hier ein Auszug aus Gesang zur Nacht:

Du dunkle Nacht, du dunkles Herz,
Wer spiegelt eure heiligsten Gründe,
Und eurer Bosheit letzte Schlünde?
Die Maske starrt vor unserm Schmerz –

Vor unserm Schmerz, vor unsrer Lust
Der leeren Maske steinern Lachen,
Daran die irdnen Dinge brachen,
Und das uns selber nicht bewusst.

Und steht vor uns ein fremder Feind,
Der höhnt, worum wir sterbend ringen,
Dass trüber unsre Lieder klingen
Und dunkel bleibt, was in uns weint.‘

In sieben Jahren, ungefähr zwischen 1986 und 1992 schrieb ich selbst ungefähr 200 Gedichte und Prosatexte, aus denen im Rahmen des Themas dieses Beitrags „Nachtvolk“ herausragt. Es ist eine Prosa-Kollage mit Lenau-Gedichtfragmenten versetzt, geschrieben in einer schweren Zeit ohne richtige „real-life“-Perspektive:

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Wir schwitzen in dieser heißen Augustnacht – wie der „Durstige Mann“ auf den Tuborg-Bierdosen.

Leise Musik von Spandau Ballet betäubt uns, läßt uns träumend, melancholisch der Stimme zuhören, die aus einer Ecke des Raumes zu hören ist, irgendwo in diesem Chaos aus leeren Bierdosen und Resten vom Imbiß.

Im Kerzenlicht rezitiert versetzen die Lenau-Gedichte uns in eine Welt der Schwermut, des Verlorenseins in der Enge des Raums – auch des Hoffens.

Es glänzt die Regenflut,
der finstern Nacht entsunken,
manchmal im Wetterschein
wie diamantne Funken.

So kann in banger Nacht
ein Strom von heißen Zähren
im hellen Wetterschein
des Unglücks sich verklären. (Lenau, Täuschung)

Noch schreien die Mauersegler. Du sitzt in der Stille vor mir und lauschst.

Bevor der Tag dich zurückfordert, lassen wir die Nacht zu einem Meer der Zärtlichkeit werden. Noch ein Schluck Rotwein, dann ertrinke ich in deinen Küssen. Unsere Körper bewegen sich zur sanft dahintreibenden Musik.

Von draußen schallt Gelächter herein, das uns immer wieder zurückruft in jene aufgewühlte Zeit, die voranhastet.

Siehst du von jenem Baum den Raben fliegen?
Von seinem Fortschwung
wankt und bebt der Ast
ein Weilchen noch, und kehrt zur alten Rast;
und deine Klagen werden bald versiegen. (Lenau, Scheiden)

Ich erwache in deinen Armen. Draußen singt eine Amsel im Halbdunkel ihren traurigen Gruß an den Tag. Der neue Tag.

Umarmt, aneinandergeschmiegt ein Spaziergang durch die leeren Straßen. – Eigentlich eine Zeit zum Dichten.

Grauer Vogel in den Zweigen!
Einsam deine Klage singt,
und auf deine Frage bringt
Antwort nicht des Waldes Schweigen.

Wenn’s auch immer Schweigen bliebe,
klage, klage fort; es weht,
der dich höret und versteht,
stille hier der Geist der Liebe. (Lenau, Einsamkeit)

Wir treffen uns mit anderen unter den Linden vor der Klosterruine.

Noch einmal ruft die Eule. Leise liest jemand Gedichte, wie in einer anderen Welt. Dazu die Geige.
Nach und nach gehen in der Ferne die Lichter an. Ein anderer spricht resigniert, wie abwesend, hinfortgezogen, über den grauen Alltag der Woche.

Schon rufen die Spatzen schrill.

Diese schöne Sommernacht
muß vorübergehen
und mein Leben ohne sie
Einsamkeit verwehen. (Lenau, Das Posthorn)

Der Morgenschein beendet wieder eine Nacht, unsere kleine Gruppe verliert sich.
Aber das Abendrot wird mit seinem sehnsuchtsvollen Leuchten uns rufen, wieder zusammenzukommen zur Feier der Nacht.

Die einzige Freiheit, die uns bleibt.

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