Das Altern der Schwar­zen Sze­ne

Ich habe die Bericht­erstat­tung übers WGT 2023 kom­plett aus­ge­las­sen, auch weil das Pfingst­wo­chen­en­de für mich ander­wei­tig ver­plant und aus­ge­füllt war (neben der schon geschrie­be­nen Tat­sa­che, daß mich das Tref­fen nicht so inter­es­siert). Klar, man sieht in den Vor­schau­bil­dern diver­ser News Streams die immer glei­chen Fotos von den “kras­se­sten Kostü­men”, aber das nervt mich schon lan­ge.

Einen eher lau­ni­schen Arti­kel von Luca Glen­zer fin­det man bei “nd”, wovon ich doch den letz­ten Absatz zitie­ren möch­te:

Und irgendwie, so gewinnt man im Laufe des Wochenendes den Eindruck, hat sich das WGT auch ganz gut eingerichtet in diesem widersprüchlichen Verhältnis zwischen Jungfrauenversteigerung und subversiven Genderrollen, zwischen Mittelalterkult und Cyber-Futurismus, zwischen Vergangenheit und Retro-Zukunft. Vielleicht sind das Besänftigen solcher Konflikte und das Einfordern eines vermeintlich unpolitischen Standpunktes auch Gründe dafür, dass das Publikum von Jahr zu Jahr mit der Veranstaltung altert. Personen unter 30 Jahren sind auf dem WGT kaum mehr zu sehen. So spektakulär, unterhaltsam und schillernd das Festival mitsamt seinen Besuchern und der breiten Programmvielfalt erscheint, so erstarrt wirkt es in seinem traditionsschweren Ritualismus mitunter auch.

Stimmt das mit den Per­so­nen unter 30? Mein Bauch­ge­fühl sagt “ja”, aber ich war nicht da, um das selbst beur­tei­len zu kön­nen. Ande­rer­seits: ver­glei­che ich mei­ne Ein­drücke vom – sagen wir – Amphi 22 und Festi­vals 20 Jah­re frü­her, dann beob­ach­te ich das natür­lich auch: die Men­schen altern mit ihrer Musik. Noch etwas fiel mir wäh­rend der Schul­zeit mei­ner bei­den nun erwach­se­nen Söh­ne auf: Sub­kul­tu­ren fin­den fast nicht mehr statt. Alle tra­gen den glei­chen Ein­heits­look aus im Grun­de lege­rer, sport­li­cher Klei­dung.

Ich fra­ge mich, wohin die “schwar­zen Emo­tio­nen” heu­te kana­li­siert wer­den. Die Ant­wort kann ich mir fast schon selbst geben: eine Kli­en­tin ist gera­de in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik unter­ge­bracht. Täg­lich postet sie im Whats-App-Sta­tus schwar­ze Her­zen, gebro­che­ne Her­zen, Smi­leys mit Trä­nen – eine depres­si­ve Online-Per­so­na.

Beim Nach­den­ken fällt mir auf, daß ich mit die­sem Text ein Faß auf­ma­che, das ich nicht mehr so ein­fach schlie­ßen kann, weil – ja, weil ich die Ant­wor­ten nicht habe. Wo sind die Sub­kul­tu­ren hin? War­um über­all Main­stream? War­um hän­gen die “Alten” noch den Tra­di­tio­nen ihrer Jugend an, wäh­rend eine “gleich­för­mi­ge Mas­se” jun­ger Men­schen mit dem Zeit­geist segelt?

Viel­leicht ver­stei­ge ich mich jetzt in etwas ganz schwur­be­li­ges, aber ich versuch’s mal: Die “Alten” von heu­te sind ohne die Welt von Smart­phone und Inter­net auf­ge­wach­sen. Lan­ge Bus­fahr­ten mit Blick auf die Land­schaft waren nor­mal, nicht der Blick auf den Bild­schirm. Es wur­de mehr gele­sen, das kann ich für mei­ne Jungs und deren Freun­de so sagen, viel­leicht war die Phan­ta­sie zusätz­lich ange­reg­ter z.B. durch Pen&Paper-Rollenspiele, durch noch ein­fa­che, nicht foto­rea­li­sti­sche Com­pu­ter­spie­le. Will sagen: brach­te die Off­line-Welt Men­schen her­vor, die anders fühl­ten oder die­se Gefüh­le zumin­dest anders aus­drück­ten – gegen­ständ­li­cher?
Und umge­kehrt: formt die Online-Welt jun­ge Men­schen nach den Wün­schen gro­ßer Unter­neh­men, die ein Inter­es­se dar­an haben, eine uni­for­me Käu­fer­schicht her­aus­zu­bil­den?
Soll auch hei­ßen: fin­det Wider­stand gegen die­se Ver­ein­nah­mung in den Rei­hen jun­ger Men­schen noch statt? Wo könn­te man Zeit­geist-Kri­tik bes­ser for­mu­lie­ren als in der Schwar­zen Sze­ne? Immer ein biß­chen “detached”, auf Abstand, aus der Schwär­ze der Nacht in schwar­zen “Tarn­kla­mot­ten” auf die zu grel­le digi­ta­le Wirk­lich­keit des kom­men­den Mor­gens schau­en. 😅

Einen ande­ren Ansatz fin­det man im Vice-Arti­kel und den Ansich­ten eines Jugend­for­schers: Strea­ming-Por­ta­le machen jede Art von Musik ver­füg­bar, alles sei “eklek­ti­scher” gewor­den und die Jugend wol­le sich nicht auf einen Musik­stil und damit ver­bun­de­ne Äußer­lich­kei­ten fest­le­gen. Ein Arti­kel bei Poli­tik Oran­ge ergänzt das m.E. gut: dort die Aus­sa­ge, wer frü­her Punk sein woll­te, muß­te sich ent­spre­chend aus­staf­fie­ren, gesell­schaft­li­che Regeln bre­chen, im “real life” anecken. Heu­te rei­chen drei pun­ki­ge Fotos bei Insta­gram – und man gilt als Punk – auf der Basis einer Online-Iden­ti­tät.
(Neben­bei: auf­fäl­lig ist bei der Suche nach jugend­li­chen Sub­kul­tu­ren im Netz, daß vie­le Arti­kel schon etli­che Jah­re alt sind.)

Aber, so fragt sich der Rush, war­um die gan­ze Arbeit allein machen? Fra­gen wir doch mal ChatGPT, war­um die jugend­li­chen Sub­kul­tu­ren aus­ster­ben. Die KI hat dazu fünf The­sen (von mir gekürzt):

  1. Kul­tu­rel­le Homo­ge­ni­sie­rung / Glo­ba­li­sie­rung / Ver­wäs­se­rung der sub­kul­tu­rel­len Eigen­hei­ten
  2. Digi­ta­le Revo­lu­ti­on / mehr Online-Zeit / Ablö­sung tra­di­tio­nel­ler Sub­kul­tu­ren durch digi­ta­le
  3. Sozia­ler Druck nach Anpas­sung an den Main­stream
  4. Gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen / Rele­vanz-Ver­lust bestimm­ter Sub­kul­tu­ren
  5. Indi­vi­dua­li­sie­rung / Suche nach der ein­zig­ar­ti­gen Iden­ti­tät, nicht dem Auf­ge­hen in einer Grup­pen­iden­ti­tät.

Das klingt brauch­bar – und bestä­tigt mei­ne obi­gen Ver­mu­tun­gen, die ich vor Abruf der GPT-Info geschrie­ben habe. 1 und 3 wür­de ich zusam­men­fas­sen, denn Homo­ge­ni­sie­rung erhöht m.E. den sozia­len Druck.

Punkt 4 ist kaum zu beur­tei­len, weil gesell­schaft­li­cher Wan­del in sei­ner Brei­te schwer und erst mit deut­li­chem zeit­li­chen Abstand bes­ser zu fas­sen ist, wenn man begrün­den will, war­um gera­de eine / sei­ne Sub­kul­tur ver­schwin­det.

Punkt 5 wider­spricht dem ersten in gewis­sen Wei­se. Ist aus mei­ner Sicht der schwäch­ste Punkt der Auf­li­stung.

Zum Abschluß noch ein ganz per­sön­li­cher Ein­druck aus mei­nem Umfeld und dem, was ich von mei­nen Söh­nen mit­be­kom­me. Da ist auch ein Trend zu einer “neu­en Spie­ßig­keit”. Wenn mei­ne Söh­ne vor Jah­ren schon mit­be­kom­men haben, wie mei­ne Frau und ich uns für schwar­ze Events ange­zo­gen haben, war da schon mäch­tig Fremd­scham dabei: wie kann man so auf die Stra­ße gehen!?

Letzt­lich bin ich wenig auf das musi­ka­li­sche Ele­ment ein­ge­gan­gen, mei­ne aber, daß der o.a. Begriff “eklek­tisch” schon gut paßt, der viel­leicht mit der Cross­over-Wel­le Mitte/Ende der 90er begon­nen hat. Die Ori­en­tie­rung fällt in Bezug auf die schie­re Fül­le der Musik immer schwe­rer. (Neu­lich eine Cold-Wave-Play­list mit 10 Stun­den Musik gese­hen, wovon ich weni­ge Acts ken­ne.) Jeder One-Man-Act kann aus dem Hin­ter­zim­mer etwas ver­öf­fent­li­chen. Das mag die “Sze­ne” auch zer­fa­sern. Man den­ke an die ein­sti­ge Domi­nanz der Urge­stei­ne The Cure oder Depe­che Mode… Umge­kehrt: wenn es um die “Hero­en” bestimm­ter Musik­sti­le geht, so war das VNV-Nati­on-Kon­zert in Köln alles ande­re als eine durch­gän­gig “schwar­ze Ver­an­stal­tung”. Weil – die Band mit ihrer Chart-Plat­zie­rung eben auch im Main­stream ange­kom­men ist.

Ich möch­te zur Ver­tie­fung auf den Pod­cast Tears Run Rings ver­wei­sen, spe­zi­ell die Epi­so­de 3, in der es auch um die­se The­ma­tik geht. Als kur­zer Teaser:

  • Mit dem “Cha­os-WGT 2000” hät­ten sich die “Bes­ser-Gruf­tis” von den Main­stream-Schwar­zen getrennt
  • Um 2003 habe es den letz­ten Influx von jun­gen Leu­ten in “die Sze­ne” gege­ben
  • Die “Schwar­ze Sze­ne” sei nicht mehr exi­stent.

Schau­en wir auf die näch­sten 30 Jah­re WGT… Rush out.

3 Gedanken zu „Das Altern der Schwar­zen Sze­ne“

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