Der Exorzismus der Anneliese M. (Film)

„Der Exorzismus der Anneliese M.“ wurde 2011 von J.G. Prest gedreht. Ich habe ihn auf Amazon Prime gesehen und vergebe die Schulnote 5.
(Wikipedia) – Der Text „spoilert“ den Film!

Dies ist ein Film der für Low-Budget-Produktionen bekannten Firma The Asylum, die damit auf den Zug der gerade wieder aktuellen Exorzismus-Filme aufspringen wollte. Solche, Blockbustern nachgestellten Filme werden als „Mockbuster“ bezeichnet. Anneliese: The Exorcist Tapes sei eine Mockbuster-Version von Paranormal Activity 3, was so nicht stimmen kann, da PA3 ein halbes Jahr nach dem hier besprochenen Film veröffentlicht wurde, aber man kann den Begriff ja auch auf andere, viel besser gemachte Exorzismus-Filme beziehen.

Die historische Vorlage ist der echte, tragische Fall der Anneliese Michel aus Klingenberg am Main, die u.a. in der Folge von Unterernährung (und nach Exorzismen) 1976 verstorben ist. Die Eltern und ein Priester (E. Alt) wurden später zu geringen Haftstrafen verurteilt. Der Fall wird nach wie vor kritisch und als abschreckendes Beispiel für den Exorzismus diskutiert. Mehr Infos bei der Wikipedia oder bei Ney-Hellmuth, Petra: Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse (Königshausen & Neumann, 2014).
Gefilmt wird Anneliese im Haus ihrer Eltern, mal im ‚Found-Footage-Style‘, mal mit fest installierter, schwarz-weißer Raumüberwachungskamera. Der Film stellt dies mit auf alt gemachtem Filmmaterial als „Original-Aufnahmen“ von einer „wissenschaftlichen Studie“ aus dem Jahr 1976 dar – nach Tagen strukturiert und mit jeweils einem langatmigen Kameraschwenk pro Tag über handschriftliche Notizen eines Dr. Landers.
Dieser aus den USA eingeflogene Landers stellt mit dem Hausarzt der Familie, Dr. Krüger, die wissenschaftliche Partei dar. Dem gegenüber stehen Pater Renz, der Exorzist, die ihm vertrauenden Eltern, sowie sein Adjutant, der mal als „Kaplan“, mal als Pastor Alt benannt wird. Als dritte Partei fungiert das Kamerateam.
Anneliese soll vor 6 Jahren, also 1970 die ersten epileptischen Anfälle gehabt haben, bei denen sie schrie und fauchte. Sie habe in der Folge begonnen, den Teufel anzurufen. Von 1974 bis 76 soll sie mit Medikamenten behandelt worden sein, doch Priester und Eltern sehen darin keinen Erfolg. Alle drei genannten Parteien halten sich im Haus der Michels auf.  Einzelinterviews in peinlich-naiver Weise werden mit Diskussionsszenen aller Beteiligten vermischt. Ich weiß nicht, wie die englischen Dialoge im Original klingen, aber in der deutschen Version habe ich das Gefühl, einem schlechten Schüler-Theater zuzuschauen. Die Eltern werden als tumbe, gläubige Menschen dargestellt. Alt sagt so etwas wie: „Das ist mein erstes Interview. Sie sind doch vom Fernsehen, oder?“ Und wie der Synchronsprecher des Paters die lateinischen Texte vorliest, ist teilweise grottig.
Alles, was für Exorzismus-Filme üblich ist oder sein kann, haben die Macher in den Topf geworfen: da liegen tote Krähen vor dem Haus, Anneliese spricht flüssig in fremden, ihr nicht bekannten Sprachen; sie will den Kaplan verführen und macht sexuelle Avancen. Durch das Zeigen ihrer nackten Brüste ist gleich noch ein wenig „sex sells“ mit dabei.
Nun nimmt man eine Aufnahme der echten Anneliese Michel und spielt sie immer wieder ab. [Leider ist die A. Michel gewidmete Seite http://www.anneliese-michel.com/Kassetten/kassette.htm nun offline. Man konnte sich dort Tondokumente der Verstorbenen anhören.]
Das nervt auf Dauer. Man hört darin u.a., wie Anneliese sich als Nero bezeichnet. Sie sei „die Dritte im Bunde“. Renz erläutert: Nero, Hitler [kann man sich hier im Original anhören – Achtung, das kann für manche eine verstörende Audio-Aufnahme sein], Satan persönlich.  Die Situation spitzt sich zu; Anneliese verweigert das Essen. Dann erwürgt sie „mal eben“ den Hausarzt, während der Rest der Mannschaft danebensteht, filmt oder weiterhin betet… Sie erzählt einer Frau des Filmteams deren – ihr vorher unbekannten – sexuellen Mißbrauch durch den Vater, woraufhin sich diese umbringt. Hektische Endlos-Diskussionen zwischen Pater Renz und Dr. Landers münden darin, daß die beiden Geistlichen Anneliese zu 600 Kniefällen mit Gebet zwingen wollen – alles immer wieder „untermalt“ von der erwähnten Audio-Aufnahme. Anneliese tötet dann noch den Kameramann und Dr. Landers, doch trotz all der Toten beten die Eltern mit Anneliese kurz vor ihrem Tod ein ruhiges Ave Maria – dann stirbt sie durch „Verhungern“.
Ein Film, der m.E. das Andenken und den Leidensweg der echten Anneliese beschmutzt. Deswegen, und wegen der grottigen Machart von mir eine 5.

2 Gedanken zu „Der Exorzismus der Anneliese M. (Film)“

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