Dathan Auerbach: Penpal

Auf Auerbachs Roman bin ich bei verschiedenen „BookTubern“ aufmerksam geworden, also Menschen, die auf YouTube über Literatur berichten. Angepriesen wurde er als sehr besonderes, sehr gruseliges Werk. Anda Kent beschrieb die Zeit, als sie Auerbach las, sinngemäß so: Entweder ich las oder ich tat etwas anderes und dachte über das Buch nach.

Ab hier der Hinweis auf geringe Spoiler!

Der Ich-Erzähler will uns seine Vergangenheit nahebringen, Erinnerungen an seine Kindheit mit seiner Mutter zusammenfassen aus dem, an was er sich gut erinnern kann, und jenen Bruchstücken, die er erst kürzlich auch in Gesprächen mit der Mutter wiedergefunden hat. Alle Erzählungen kumulieren in einer traumatischen Erfahrung.

Trigger-Ereignis für die Geschichte ist ein Projekt im Kindergarten, bei dem die Kinder Luftballons mit Briefen fliegen lassen, um so andere Menschen, die den Brief finden, zur Kontaktaufnahme zu motivieren. Dieses „Reach out and touch me“ nimmt für unseren Protagonisten kritische Züge an, da er offenbar bei einer Person Interesse geweckt hat, die problematisch ist.

Großen Raum im Text nimmt die Erforschung eines dichten Waldstücks an einem See durch den Jungen (es wird nicht explizit gesagt, daß es ein Junge ist) und seinen Freund Josh ein. Zentral sind auch Josh und seine Familie, die das größte Leid in der Geschichte zu ertragen haben.

Das Buch ist in kurze Kapitel unterteilt, die oft mit einer völlig anderen Kindheits- oder Jugendphase beginnen, als die vorherigen. Man merkt schnell, daß der Leser die Aufgabe hat, aus diesen Puzzlestücken das Gesamtbild zusammenzusetzen.
Der Autor schafft es, eine Stimmung zu erzeugen, die ich als Beklemmung bezeichnen würde, wenn ich Angst als etwas definiere, das ich kenne, wohingegen Beklemmung bei einer unklaren Bedrohung entsteht. Tatsächlich konnte ich das Buch kaum weglegen und habe es in zwei Tagen „verschlungen“.

Das Ende ist schwieriger zu verstehen als der Rest des Buches, das ich in Englisch gelesen habe. Ich deute nur an: Josh und die Kleiderfrage erschließen sich nicht so ganz offensichtlich. Es gibt dazu bei Reddit oder in Foren Erklärungen. Ich habe da eine eigene Theorie, die ich hier aber nicht schreiben kann.

Solche Puzzle-Romane möchte ich nicht ständig lesen, aber möglicherweise beruht gerade darauf auch der Erfolg des Werkes. Vielleicht gibt es auch deswegen kein Nachfolgewerk, weil der Autor „anders“ schreiben müßte, um sich nicht selbst zu kopieren.

Dennoch ist das Buch eine klare Leseempfehlung, weil der Leser tief in die Geschichte eintauchen und die Beklemmung spüren kann. Wer gerne etwas rätselt und Fragmente zusammensetzt, der ist hier richtig. Auch wenn der Autor manchmal versucht, auf übernatürlichen Horror hinzudeuten, ist sein Text ein klassischer Thriller.

2 Gedanken zu „Dathan Auerbach: Penpal“

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