Den Sonntagmorgen haben wir vertrödelt: mit Kaffee in der Hand geschaut, wer sich so am Wagen vorbeibewegt. Bekannte gesehen, gegrüßt, aber es war auch schon fühlbar, daß es knackig heiß werden würde.
Schwerste Entscheidung für mich: Then Comes Silence oder The 69 Eyes? Natürlich haben wir immer mal etwas von anderen Bands (in der Wagenburg) gehört, aber nicht so, daß ich darüber urteilen möchte.
Ich wählte The 69 Eyes, weil ich einen rockigen Einstieg mit den Klassikern “Brandon Lee”, “Wasting the Dawn”, “Feel Berlin”, “Lost Boys” haben wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht: der Gig überzeugte, auch wenn der Herr Jyrki ein- oder zweimal zu oft anmerkte, man sei jetzt das 10. Mal hier. (Aber gut, das ist eine Leistung.)
Gemäß unserer Entscheidung “Sonntag nur Main” blieben wir ganz vorne stehen für L’Âme Immortelle. Nach The Beauty of Gemina am gestrigen Samstag der für mich wichtigste Auftritt.
Sonjas Stimme – als ausgebildete Sängerin – ist immer wieder umwerfend. Sie gestaltet Konzerte auch durch Bewegungen, Gesten, Kontakt zum Publikum, erklärende Worte, wo andere ihre Setlist runterschrubben. Thomas übernimmt ja meist den Shouting-Part, so im Sinne von “Beauty and the Beast”, wobei mir manchmal auffällt, daß er die Tonhöhe mit diesem Shouting nicht 100% trifft. Dieser Auftritt beim ML war, was seinen Teil angeht, aber deutlich besser als beim Auftritt im Kulttempel.
Als dann “Bitterkeit” angestimmt wurde, eines meiner absoluten Lieblingslieder, war ich kurz emotional völlig neben mir stehend. Das Lied triggert mich immer wieder – und dann rasen die Gedanken durch den Kopf: der Auftritt beim 99er Zillo-Festival, auch in Hildesheim, – meine Gefühlslage damals, der Platz im Leben, den ich hatte, das Davor, das Danach… “Überall nur Bitterkeit” – das sollte ich mir mal tätowieren lassen…
Doch mit “Life will never be the same again” legten die Beiden noch nach – und ich hätte das ML abbrechen können, weil alles gesagt, äh, gesungen war. Nein, das stimmte so denn doch nicht, s.u.
Die Hitze stieg auf gut 34°; während L’Âme Immortelle mußte ein älterer Mann von den Sanis aus den vorderen Reihen herausgetragen werden. Hier paßt auch noch etwas: Lob an die Ordner. Ich habe zuvorkommende Menschen erlebt, die den Überblick hatten. Wenig später lag eine Frau links neben der Bühne auf dem Boden; sofort ging eine Ordnerin hin, sprach sie an, reichte ihr Wasser. Der Kollege rief Hilfe per Funk und in weniger als drei Minuten waren Sanis aus dem Backstage-Bereich vor Ort. Lob daher auch an die Sanis, die wirklich genügend zu tun hatten, wenn Hitze und Alkohol zusammenkamen.
Ich habe kurzzeitig auch mit der Hitze gekämpft, aber mit “Wasserkühlung” war es aushaltbar.
Floor Jansen haben wir beim Essen via Leinwand gesehen. Sie ist seit 2013 Sängerin von Nightwish, hier aber mit eigener Band und ähnlichem Stil, würde ich sagen, unterwegs. Ja, kann man hören, ist nicht meine Musik. Es gibt halt immer so Bands, die ich eigentlich positiver erwähnen müßte, die ich gern ’nebenbei’ hörte, die ich genoß, ganz klar, aber was ich schreibe, klingt oft nach ‘war nix’. So war das hier eben nicht – aber auch nicht mehr.
Und in diesem Sinne muß ich überlegen, was ich zu Lacrimosa schreibe. Ich hatte mich gefreut. Im letzten Herbst habe ich ein Konzert, für das ich Karten hatte, ausfallen lassen, weil es mir nicht so gut ging. Dann kam Anne Nurmis lange Erkrankung; sie wurde von Thilos Nichte Lara zeitweise ersetzt.
Ich fang mal anders an: Lacrimosa, das sind für mich die Alben zwischen “Angst” (1991) und “Elodia” (1999). Danach war ich raus, als es immer metallischer wurde. Ich hörte weiter in Alben rein, einzelne Titel packten mich, aber an die ersten sechs Werke kam man für mein Dafürhalten nicht mehr ran. Ich weiß, die-hard-Fans spüren jetzt schon diese leichte Aggression die Beine hochkriechen. Aber so ist das.
Dann ist es so, daß ich Annes Gesang nie, und Thilos Gesang oft nicht verstehe, da er in einer Art
Soundbrei (und Akzent; Anne) untergeht. Das ist durch die Jahrzehnte so. Von der Song-Auswahl gab es für mich genau zwei Höhepunkte: Der Morgen danach und Alleine zu zweit. Irgendwann nahm mich Corri-May am Arm und meinte: das brauche ich nicht hier vorne, laß uns mal hinten irgendwo setzen.
Das war der Moment, in dem ich Lacrimosa als Lieblingsband beerdigt habe. Das war’s. Ich werde weiterhin v.a. die ersten drei Alben hören, als das schätzen, was sie für mich sind, aber irgendwann muß man sich verabschieden. Keine weiteren Live-Konzerte.
Nachtrag: Thilo versuchte sich an der Trompete. Allein der Ansatz am Mundstück hätte bei semi-professionellen Musikern schon für Hitzewallungen gesorgt, wäre das Instrument nicht auch noch deutlich zu tief gestimmt gewesen. Nee, das war peinlich, fand ich – da darf man auch mal eine Konserven-Trompete nutzen.
Wenn ich an einem Punkt beim ML – ich greife hier auf das Wort “assig” vom Freitag zurück – wirklich angepißt war, dann beim OMD-Konzert. Mehrfach hatten wir an dem Wochenende das Thema, daß sich Menschen für eine später auftretende Band weit nach vorne vor die Bühne stellten, dann aber schlichtweg störten, weil sie die Künstler, die gerade ablieferten, nicht mochten: Reden, tanzen, Witze machen, rein- und rausrennen. Und solche Leute hatten wir bei OMD vor uns. Eine Gruppe mit Rammstein- und Heldmaschine-T-Shirts, das sei mal so neutral erwähnt. Eine Frau, mir extrem unsympathisch, störte dauernd, tanzte durch die Reihen, verarschte schlichtweg die Band. Beim Weggehen sagte Corri-May: da verändert sich was mit dem Publikum, das hierherkommt. Meine Rede.
Natürlich war diese besagte Gruppe für Saltatio Mortis soweit vorne. Aber es hätte auch später noch die Möglichkeit gegeben, nach vorn zu gehen, gerade entlang der Ränder. Sehr schade, wenn es nicht mehr zu Toleranz reicht. Ich meine, ich sage auch, was ich denke, kritisiere NDH oder Mittelalter-Sub-Subkultur, weil mich das nicht tangiert, aber ich stehe nicht vorne und mache anderen Leuten das Konzerterlebnis madig. Das gehört sich schlichtweg nicht. Oder: das ist keine Basis für eine Szene, die sich sonst immer als so hilfsbereit und verständnisvoll zeigt.
Mir ist klar, daß das Einzelfälle sind; daher frage ich mich auch, warum mich das immer so auf die Palme bringt. Vermutlich ist es so eine Art Harmoniebedürfnis – nicht im Sinne von “wir haben uns alle lieb”, sondern “ich akzeptiere dich, wie du bist, und du akzeptierst mich”.
OMD sind natürlich auch – wie White Lies – so eine Band, an der sich Diskussionen zwangsläufig entzünden. Ein Freund schaute sie im Live-Stream via ARTE und war vom Sound nicht begeistert. Das schrieb auch jemand auf FB, aber da ist m.E. nichts dran. Musik perfekt ausgesteuert, Musiker, die sympathisch sind und ‘abliefern’. Alle Hits – Electricity gleich an zweiter Stelle – plus ein paar neuere Werke. Alles im gleichen, unverwechselbaren Stil – genau dafür liebe ich die Band. Und ja, das hat auch was damit zu tun, daß ich schon in der Tanzschule um 1982 (ja, das habe ich mal gemacht, durchaus gern, später sogar ohne zahlen zu müssen, weil zu wenig Jungs da waren – war fast wie VIPCave…) zu Maid of Orleans den Wiener Walzer lernte – und heute immer noch bei 30+ Grad auf dem Infield stehe und diese Musik, die über Jahrzehnte Bestand hat, genieße und feiere. Ja, ich bin OMD-Fan, da ist es auch egal, ob Andy mal den Text falsch sing, shit happens.
Zuletzt mußte ich entscheiden: IAMX oder Saltatio Mortis. Sonntagabend, drei schöne Tage mit unseren Freunden R. und L. – wir beschlossen, uns Saltatio Mortis von ziemlich zentral im Infield aus anzusehen. Natürlich kenne ich die Band vom Namen her… “Mittelalter-Kram halt…” Aber dann brach ein musikalisches Gewitter über mich herein, das sich echt gewaschen hatte. Holy shit, wie habe ich diesen Auftritt genossen! Echt jetzt!
Ich sage es mal so: mir kam der Vergleich mit Netflix-Serien in den Sinn. Ich schaue ja meist nur Filme/Serien aus dem Bereich Dystopien. Ab und an beginnt man dann mal eine Staffel mit anderem Thema, so aus Neugier, und merkt: ok… tolle Schauspieler, sehr gut besetzte Rollen, gute Kameraarbeit, perfekt geschnitten, attraktives Thema und ein Gesamt-Paket, das mich für ein, zwei Staffeln wirklich fasziniert – ohne daß das eine Lieblingsserie wird.
So war das mit Saltatio Mortis. Sänger “Alea der Bescheidene” AKA Jörg war von Beginn an mit einer ausdrucksvollen Präsenz auf der Bühne: Schon der Opener “We might be Giants” holte das Publikum ab. Thematisch blieb man zunächst im mythischen Norden – hin zum Crowdsurfing im “Wikinger-Schlauchboot”. Sehr berührt haben mich die Songs ‘Ich habe keine Angst’ und ‘Ich schrei deinen Namen in die Nacht’- Wikipedia: “Die Texte widmen sich der Kritik an der Obrigkeit und der Betonung von ideellen Werten.” So thematisierten die weiteren Lieder Freiheit und ewige Jugend, hin zum Spielmannsschwur vom bislang erfolgreichsten Album “Aus der Asche”. Viel Pyrotechnik, wie bei In Extremo, begleitete diese eindrucksvolle Performance. Ein wirklicher Hochgenuß, dieses Konzert. Wohlfühlmomente, Nachdenkliches, Staunen und Ergriffenheit…
Was für ein gigantischer Abschluß des M’era Luna 26!
Immer wieder berührt es mich, wenn tausende von Menschen dann im Halbdunkel dem Ausgang zustreben. So schnell gehen schöne Momente vorüber – nichts hält sie, auch kein manchmal etwas launischer Bericht von Herrn Rush im Nachhinein.
Nach einer ruhigen Nacht hatten wir bei der Heimfahrt zweimal großes Glück: wir konnten über die B6 die wegen Unfall gesperrte A7-Auffahrt Drispenstedt umfahren und sind am Waldbrand nahe der A7 (in Nordhessen, Bericht Tagesschau) so früh vorbeigefahren, daß wir nicht von der zwölfstündigen Vollsperrung der Autobahn betroffen waren…
Dann die Überlegungen zu 2027, weil man die “Wagenburg”-Tickets ja sofort kaufen muß. Nein, kein ML für uns nächstes Jahr: die Band-Ankündigungen passen nicht und wir werden nächstes Jahr vermutlich andere Urlaubszeiten einplanen müssen als in den letzten Jahren. Aktuell ist nur das Amphi gesetzt.
Nachtrag: Es gab unter den Diskussionen auf Facebook auch einige zum Thema “Kinder auf dem M’era Luna” bzw. auf Festivals generell. Ich hatte das ja beim Amphi hervorgehoben: die Kleinen mit ihrem Gehörschutz in der ersten Reihe vor der Bühne – wie schön, das zu sehen. Nun wurden in den Kommentaren auf FB (ML Gruppe) Stimmen laut, die die Anwesenheit von Kindern kritisch sehen. Während einige wirklich sagen: ich mag keine Kinder, die sollen wegbleiben, weisen andere auf die mögliche Belastung der Kinder durch so ein Massen-Event hin. Da schreibt jemand, er habe “vernachlässigte” Kinder gesehen, mit Sonnenbrand z.B. Oder Kinder, denen man ansehen konnte, daß sie sich nicht wohlfühlen oder sich langweilen. Krasseste Anmerkung: vor der Bühne hätten eine Mann und eine Frau “sexuelle Handlungen” vollzogen – in Sichtweite von jüngeren Kindern.
Was habe ich gesehen? Ein Junge, der mitten im Publikum auf dem Boden sitzend mit der Switch spielte. Kinder im Schatten, müde wirkend. Kinder ohne Gehörschutz. Ein Junge, der spät abends im Bollerwagen von den Eltern an uns vorbeigezogen wurde: wir haben ihm gewunken – aufgerissene Augen, Starren, keine Reaktion – der war ‘durch’.
Vielleicht noch etwas zum Thema Sexualität: Festivals wie Amphi und M’era sind keine BDSM- & Fetish-Festivals, auch wenn es große (?) Überschneidungen gibt. 99 oder 2000 beim WGT hatte auch ein Paar Sex auf der Wiese, aber da waren keine Kinder… Damals war für mich klar: solche Events sind für Volljährige. Dann wurde die Szene älter, und einige Leute bringen ihre (kleinen) Kinder mit.
Wir waren vor Jahren mit unserem damals 13jährigen Sohn beim E‑tropolis. Ich glaube, selbst mit 13 war er nicht so ganz darauf vorbereitet, was er da zu sehen bekam.
Ich schreibe mal meine Meinung: Auch wenn ich die Anwesenheit von Kindern beim Amphi positiv hervorhob, waren meine Eindrücke beim ML tendenziell negativ. Beim Nachdenken darüber bin ich wieder eher zum Schluß gekommen, daß es eine Altersgrenze geben sollte. Die 14 Jahre beim ML sind eine Empfehlung; Eltern können das für sich auslegen.
Ich würde mal sagen, man sollte vielleicht die 14, die ja auch mit Straf- und Religionsmündigkeit zusammenfällt, als Grenze nehmen: keine jüngeren Kinder auf einem solchen Festival. In den Diskussionen gab es aber auch Vorschläge Richtung 16 oder Volljährigkeit.
Vielleicht hat ja jemand Lust, seine Gedanken dazu zu schreiben.
Ansonsten war es ein entspanntes Wochenende. Vielleicht nur ein subjektiver Eindruck, aber ich fand die Besucher (so vom Blick in die Runde) wieder etwas ’schwärzer’ als im Vorjahr. Letztes Jahr hatte ich ja geschrieben, daß das M’era Luna für mich eher so ein “Alternative Music Fest” ist, statt ein Event der Schwarzen Szene. Heute würde ich das so nicht (zu laut) sagen, vielleicht aber auch, weil so vieles an dem Wochenende paßte und ich durchaus entspannt war. Und von The Beauty of Gemina als “Notlösung” für Veljanov war ich mehr als begeistert. Ich denke, leben und leben lassen, das ist wichtig, auch wenn ich manchmal so ein paar gatekeeping-Aspekte raushängen lasse. Ich ändere nichts. Ich kann für mich definieren, was ‘Szene’ ausmacht, ausmachen könnte, aber das finde ich nicht bei Massenfestivals wie dem ML. Vielleicht bräuchte ich statt VIPCave sowas wie eine OldGeezersCave… 😉
Ich ziehe das raus, was mir wichtig ist. Rush out.



