The Pope’s Exorcist (Film)

Der von Julius Avery gedrehte Film aus dem Jahr 2023 schildert einen fiktiven Exorzismus aus dem Leben von Don Gabriele Amorth (1925-2016).

Ich habe den Film via iTunes gesehen und vergebe die Note 3. Der Text spoilert den Inhalt des Films.
(Wikipedia)

Doch zuerst: wer war der 2016 verstorbene Gabriele Amorth? Er war Zeit seines Lebens in der oder im Umfeld der katholischen Kirche engagiert: als junger Mann in der „Katholischen Aktion“, dann beim Aufbau der christlich-demokratischen Partei Italiens, ab 1947 Doktor der Rechtswissenschaften, Eintritt in die Paulus-Gesellschaft und dort Priesterweihe 1954, später Herausgeber der marianischen Monatszeitschrift „Madre di Dio“. Für diesen Beitrag relevant: 1986, also gut 30 Jahre nach der Priesterweihe, wurde Amorth zum Exorzisten der Diözese Rom berufen, dann im Jahre 1994 zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung der Exorzisten gewählt. Man kann sicher sagen, daß er im Exorzismus sein Lebensthema gefunden hat, das er auch in verschiedenen Büchern (am bekanntesten wohl: Ein Exorzist erzählt) dargelegt hat. Amorth war auch eine schillernde Person, z.B. wenn er sagte, er rede täglich mit dem Teufel, wobei er lateinisch spreche, der Teufel auf italienisch antworte, oder wenn er sich mehr als 70000 Exorzismen rühmte. Amorth kritisierte die auf meiner Einführungsseite kurz erwähnte Veränderung des Exorzismusrituals ab 1999: das sei, als wolle man den Teufel mit einer ungeladenen Waffe bekämpfen. Ebenso sah er in den Themen Okkultismus und Esoterik Einfallstore für den Teufel. Er war also Hardliner und von seiner Sache sehr überzeugt (s.a. Wikipedia)

Im Film spielt Russell Crowe den Exorzisten Amorth – und ist eine absolut passende Besetzung. Ob der echte Amorth auch gern mit den Nonnen Witzchen gemacht hat, weiß ich nicht, aber das wäre der einzige Kritikpunkt, daß Amorth-Crowe manchmal zu jovial daherkommt, so auch direkt nach dem großen „Endkampf“ gegen Ende des Films. (Laut diesem Artikel soll Amorth einen ’sense of humor‘ gehabt haben.)

Ist dieser Film nun also die Blaupause für Exorzismus-Filme in den 20ern des neuen Jahrhunderts? Das fragte ich mich zwischendurch. Für mich ist der Film klar zweigeteilt: er fängt sehr gut an, auch die Überleitung zum Fall in Spanien, Ankunft dort usw. sind gut dargestellt, doch dann gleitet der Film zum Ende in ein brachiales Action-Kino ab, worüber der echte Amorth vermutlich eher entsetzt gewesen wäre. Dieses effekt-überladene Finale zerstört meinen Gesamteindruck des Films, so daß er von Note 2 auf 3 rutscht.

Kern des Films, der in 1987 angesiedelt ist, ist ein besessener Junge, Henry, in Spanien. Sein Vater, vermutlich Spanier, ist bei einem Autounfall in den USA ums Leben gekommen, was der Sohn miterlebt hat, und wonach er monatelang nicht mehr sprach. Das Trauma sei, so wird später erklärt, ein mögliches Einfalltor für den Dämon gewesen.
Seine Mutter reist mit ihm und Schwester Amy nach Spanien zur „geerbten“ Abtei San Sebastián in Kastilien, um diese renovieren und verkaufen zu können, so daß man mit mehr Geld in die USA zurückkehren kann. (Gleich fällt auf, daß diese Abtei auffällig nicht-spanisch aussieht – und ja, sie hat Dromore Castle in Irland als Vorlage.)

Weiteres Hauptthema ist die Stellung Amorths im Vatikan. Eine Glaubenskongregation aus jüngeren Geistlichen, die laut Papst nicht mehr an das Böse glauben, setzt sich kritisch mit Amorth auseinander, wirft ihm ungenehmigte Exorzismen vor. Doch er hat das Vertrauen des Papstes, der ihn in einer persönlichen Unterredung nach Spanien sendet.

Die Besessenheit Henrys wird im üblichen Rahmen gezeigt: Klopfen in den Wänden, Stromausfälle, veränderte Sprache mit Obszönitäten, das Wort „HATE“ in den Bauch geritzt, die Pupillen sind verändert und erscheinen z.T. doppelt, der Angriff auf den jungen Priester Tomás…

Ja, es ist wieder die altbekannte Konstellation zwischen dem erfahrenen Exorzisten und dem jungen Priester, der sich damit nicht auskennt. Und wiederum ist er, der Junge, in einer Glaubenskrise wegen einer Frau. Hier merke ich, daß die Note 3 wirklich gerechtfertigt ist, denn die Filmemacher könnten sich so langsam mal spannendere Hintergrundgeschichten ausdenken.

Im Laufe des Films wird deutlich, daß beide Priester intensive Emotionen mit Frauen verbinden, die der Dämon als Brücken nutzt. Bei Amorth ist es „Rosaria“, eine junge Frau, die er als nicht besessen, sondern psychisch krank einschätzte, und die sich umgebracht hat. Ebenso lastet auf Amorth, daß er sich als Partisan totgestellt hat, um von den deutschen Soldaten nicht erschossen zu werden. Bei Tomás, der sinnigerweise so heißt wie der junge Priester in Exorcist (Series), ist es „Adella“, die er liebt(e), sich dann jedoch für den Priesterberuf entschied. Es benötigt zwei „Beichtanläufe“, bis die beiden Männer sich klar „gestehen“, was Sache ist.

Amorth erklärt, daß man im Umgang mit Dämonen auch mal ein wenig Theater spielen und bluffen muß. Im Erstkontakt mit dem Jungen geht er die Sache auch wieder locker an, wird aber davon überrascht, daß der Dämon ihn „Gabriele“ nennt. Somit hat er einen Vorteil: er kennt seinen Gegner, aber Amorth kennt den Namen des Dämons nicht. 1987 war tatsächlich noch die Vorschrift aktiv, wonach der Name des Dämons in Erfahrung gebracht werden sollte; seit 1999 ist das nicht mehr der Fall.

Nun kommt eine weitere Ebene hinzu: die Verbindung Vatikan zur Abtei San Sebastián. Amorth sieht einen abgedeckten Brunnen mit Siegel des Vatikans in der Deckplatte. Tomás und er verschaffen sich über einen Kellerabgang Zugang zum Gewölbe unter dem Brunnen, wo sie Skelette vorfinden, so das des Haupt-Exorzisten (Kardinalprotektor) in einem Eisenkäfig, der ihn offenbar zu seinem Schutz umgab. Mit einem Schlüssel, den Amorth aus der Bauchhöhle des Skeletts zieht, können die Männer einen Nebenraum betreten, wo sie das Skelett des Chef-Inquisitors erwartet. Hier hat der Film schon einen ziemlichen Fantasy-Touch und wirkt auch durch die parallele Handlung im Vatikan (Papst forscht zur Abtei, erspürt Gefahr für Amorth, hat Schwächeanfall…) eher überfrachtet.

Im Tagebuch, das das Skelett noch hält, findet sich der Name des Dämons, mit dem an diesem Ort gekämpft wurde: Asmodeus.
Der Film erklärt hier, dieser spätere Groß-Inquisitor sei schon 1475 besessen gewesen, so daß sich letztlich die gesamte (spanische) Inquisition als Machenschaft des Teufels (im Wortsinn) herausstellt. Der Dämon wollte die Kirche in schlechtem Licht darstellen und Einfluß in ihr gewinnen – was sich nun mit dem Versuch, Amorth zu besitzen, wiederholt.

Wenn aber die Inquisition mit ihren geschätzt 3000-5000 Ermordeten und vielen weiteren Gefolterten ja „nur“ das Werk eines Dämons war, dann kann man das als eine Art „Generalabsolution“ an die Adresse der katholischen Kirche deuten. Auf einer einfacheren, bildlichen Ebene werden die Machenschaft der Inquisition als das dargestellt, als das man sie sehen kann: teuflisch.
Ich bin mir nicht sicher, was der Film aussagen will. Amorth selbst war durchaus Vatikan-kritisch, sah ihn vom Teufel unterwandert, aber nicht in Form dämonischer Besessenheit, sondern in den Auswirkungen von Versuchungen und Sünde (s. den schon verlinkten, sehr lesenswerten Artikel).

Im Zusammenhang mit dieser Rosaria wird auch das Thema sexueller Mißbrauch impliziert – sie sei nicht besessen, sondern psychisch krank gewesen und im Vatikan mißbraucht worden. Hier greift der Film die Ansicht des echten Amorth bzgl. des Verschwindens von Emanuela Orlandi auf.

Letztlich scheint der Film keine klare Linie zu vertreten: der Vatikan wird kritisch dargestellt (Glaubenskongregation / „Rosaria/Emanuela“), andererseits kann man die Besessenheit des Groß-Inquisitors kaum anders deuten als eine Entlastung der Katholischen Kirche. Möglicherweise spiegelt sich hier der feine Grat wider, der auch mit der Person Amorths begangen werden mußte: echter Exorzist, aber fiktive filmische Ausgestaltung.

Der „Hauptexorzismus“ durch die beiden ungleichen Priester ist Höhepunkt und Finale des Films. Wie in anderen ähnlichen Filmen folgt auf einen zahmen ersten Teil, nachdem man denkt „war es das schon?“, der eigentliche Kampf mit dem Dämon. Beide Frauengestalten erscheinen, Adella komplett nackt, blutüberströmt. Auch Amy ist nun besessen; Henry ist hier m.E. überzeichnet geschminkt – das wirkt im Wortsinne „zu dick aufgetragen“.
„God is not here“ steht nun auf dem Bauch des Jungen – und in den Turbulenzen der nächsten Minuten wird das sehr deutlich umgesetzt. Der Dämon ergreift von Amorth Besitz, dieser will sich umbringen, was der Dämon wiederum verhindert. Rosaria kommt als „Marienerscheinung“ zurück, Tomás wird fast erwürgt – all das mit vielen bunten, grellen Effekten, Feuer und Rauch. Ich habe es oben schon geschrieben: ab der Handlung im Kellergewölbe wird das alles zu fantastisch und überzogen.

Letztlich kommen die Stränge zusammen: Amorth und Tomás gewinnen und beschließen, fortan mit Unterstützung des Papstes gemeinsam gegen Dämonen zu kämpfen. Die Glaubenskongregation wird nun von einem Amorth wohlgesonnenen Geistlichen geleitet.
Die Kooperation Amorth-Tomás und die alte Karte, auf der San Sebastián nur einer von 200 Standorten ist, wo die „gefallenen Engel“ herrschen, legt eine Fortsetzung nahe.

Alles in allem ein Film mit guter Unterhaltung, guter Besetzung aller wichtigen Rollen, der sich aber kaum vom Genre-Typischen abhebt und im effekthascherischen Finale den positiven Eindruck wieder ein wenig verspielt. Die Note 3 ist doch eher eine 3-.

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