M’era Luna 2023 – der Sonntag

4 Uhr, irgendwo läuft noch Musik. Shit, muß zum Dixie… Langsam pelle ich mich aus dem Schlafsack, will Corri-May nicht aufwecken. Krampf im Oberschenkel beim Rauskriechen aus dem Zelt. Erstmal gerade hinstellen, strecken – da ruft jemand laut in der Nähe „F*tzeee!!!“
OK, ebenfalls guten Morgen! Erlebnisse beim Zelten auf Flughäfen. 🤣

Später wieder um 6 Uhr auf, Sonnenaufgang über dem „Zeltmeer“ fotografiert, zum Duschzelt gepilgert. Auf der Startbahn animierte mich eine Kreidezeichnung dazu, die „Leiche nachzustellen“… 😂
Wie auch gestern schon plärrte bald überall „Guten Morgen, Sonnenschein…“ von Nana Mouskouri aus den Lautsprechern. Man liebt seine Rituale, weil sie einem versichern, daß man heute auch noch da ist.
Diesmal wurde es ein langer – für mich fast schon zu langer – Morgen am Zelt. Ich wollte los, wollte Musik erleben. Mehrfach Diskussion mit Corri-May – sie war dann nicht fertig, um pünktlich zu She Hates Emotions zu kommen, also alleine los.

Im Samstagsbericht schrieb ich über Solar Fake, also wie diese Band mich weder musikalisch noch von den Texten her ‚abholte‘.
Das war mit der ersten Band für heute, She Hates Emotions, völlig anders. Ja, es wieder ein Projekt von Chris Pohl, ja, es ist poppig, aber allein die Textzeile aus „Space & Time“, „I feel like I am all alone with the demons inside my head“ triggerte mich, holte mich ab, ließ mich genauer hinhören, tanzen.
(Nebenbei – Beschreibung auf Bandcamp: „She Hates Emotions is minimalist synth music with an 80’s touch. The focus is not on the bombast or production, but rather on the catchy, melancholic melody,“ comments Chris Pohl…“
Ja, dieser Pohl ist schon ein Tausendsassa. Die Musik irgendwo zwischen ABC und DAF, die Texte könnten von Jürgen Drews oder Roland Kaiser sein, manches erinnert an Modern Talking. Deswegen ist es nicht schlecht oder der Szene „unwürdig“. (Und ganz ehrlich: ein Text wie „ich bin hier allein, du bist fort, die Nacht so lang, an diesem kalten Ort…“ schreibt sich eben schneller als ein tiefgehend-philosophischer.) Man kann diese poppige Entwicklung (danke, Graf…) mögen – für mich paßte es hier und jetzt perfekt zum Einstieg in den Sonntag. Und ja, OK, habe mir die beiden Alben eben bei Bandcamp gekauft. 😁)

Weiter gleich mit Melotron, die mir immer wieder mal – eher nebenbei – aufgefallen sind. Da war im Mitternachtsreigen neulich das Lied „Null“, Kooperation mit In Strict Confidence, Covid- und konsum-kritisch, gefällt mir. Hier dann beim Gig auch andere Lieder, die gesellschaftskritische Züge hatten. Muß ich mal mehr von hören. Natürlich auch das großartige „Stuck in the Mirror“.

Kurze Shopping-Runde in Hörweite der Club Stage. Ich habe mir einen kleinen metallenen Schädel-Anhänger an einem Nylonband gekauft. Ich mag es, sehr sparsam Schmuck zu tragen.
Dann rüber zum Stand mit den Knobi-Broten. Diesmal noch mehr Gemüse drauf als gestern – sehr lecker. (Und wieder dieser komische Trend bei mir, bei Festivals auf Fleisch zu verzichten, obwohl ich sonst nicht vegetarisch lebe.)

Nun wieder zu unserem „Stammplatz“ rechts vor der Main Stage, wo bald The 69 Eyes auftraten. Die Umrahmung des Auftritts mit Titeln von Elvis sollte wohl den Status als Rock’n’Roll-Band unterstreichen. Irgendwie erinnern sie mich etwas an die Ramones. Sie spielten natürlich ihre Hits wie Gothic Girl, Wasting the Dawn oder Dance d’amour. „Brandon Lee“ wurde angekündigt mit „It can’t rain all the time“, wobei auffällig war, wie wenig Leute im Publikum das Zitat zu Song und Film zuordnen konnten und entsprechend klatschten oder anderweitig Zustimmung zeigten. (Und so war es auch ein Zitat im Hinblick auf den Regen an diesem Tag. Ähnlich wie Ten Years After beim 1988er „Out in the Green“ im Dauerregen sagten: „Now we take you back to Woodstock!“)

Nun denn, reden wir über Heppner, der auch für einen Song von Witt unterstützt wurde (gestern umgekehrt). Man muß eigentlich nicht mehr drüber reden, daß Heppner auf der Bühne sehr statisch ist und die Texte abliest. Trotzdem nervt es immer noch. Wolfsheim waren seinerzeit meine Heroen. Da konnte ich auch drüber hinwegsehen, daß Heppner, ähnlich wie ASP, oft einige Hz neben dem eigentlich gemeinten Ton lag. Seit der Trennung Wolfsheims habe ich Heppners Solo-Karriere nicht weiterverfolgt, aber live immer den gleichen Eindruck gehabt. Ich fand den Auftritt monoton, zumal mir auffiel, daß einige Lieder immer gleiche Worthülsen wie „wunderbar“ verwendeten.

Ich ging nach dem Auftritt zum See, aß eine Brezel, hörte einem Finnen zu, der einer Deutschen Schimpfworte auf Finnisch übersetzte. Es tat gut, mal wieder eine halbe Stunde sitzen zu können. Seit einem Bandscheibenvorfall Ende der 90er kann ich noch so viel im Fitness-Studio trainieren, bei langem Stehen wird der Rücken steif.
Subway to Sally hörte ich von weit hinten. Schön, Eisblumen mag ich sehr, aber ansonsten – wie fast alle Mittelalter-angehauchten Bands – nicht mehr mein Ding.

Dann ganz nach vorne zu Mono Inc. Was die für eine energiegeladene Show abziehen, ist schon sehr genial. Katamia mit den beweglichen Rabenflügeln, Martin mit Freundschaftsküssen für seinen Gitarristen und Bassisten und dann solo mit Akustikgitarre und einem zu „Mera Luna“ umgedichteten „Hallelujah“ von Cohen.
All die Lieder, die man liebt, all die schönen Pop-Songs, die für mich nicht „Schwarze Szene“ sind, aber doch irgendwie halt nun ja. 🤣
I love ‚em, even if it hurts sometimes.

Corri-May wird Mono Inc. am 2.9. zum Jubiläums-Konzert sehen – der Rush bleibt zuhause.

Und zum Abschluß Within Temptation als Headliner auf der Main Stage. Höre ich gern, muß ich nicht live sehen, trotzdem tolle Show.
Alles in allem sind mir diese Festivals wie Amphi oder das M’era Luna mittlerweile zu „heavy-lastig“, zu „metallig“. Klar, ruhige Bands bringen auf einer Riesen-Bühne nicht die richtige Stimmung rüber.

Schreibe ich was zu der Ukraine-Flagge von Sharon den Adel? Schon zum letztjährigen Amphi schrieb ich, daß das Thema Politik, konkret Ukraine-Krieg, „draußengelassen“ wurde – abgesehen von wenigen blau-gelben Flaggen. Den Adel kam gegen Ende des Gigs mit einer riesigen Ukraine-Flagge auf die Bühne, hielt eine Ansprache zum Krieg. Mich nervte das, aber ich kann Künstlern nicht absprechen, sich gegen Krieg zu engagieren. Ich habe weiter oben ja auch einen kritischen Text von Melotron/In Strict Confidence gelobt. R. klärte mich später auf, Within Temptation seien sehr engagiert für die Ukraine und wohl auch mit ukrainischer Band getourt oder so (ich habe das jetzt nicht gegoogelt). Sei es drum – mir gefiel das (im Wortsinne) „Flaggezeigen“ nicht so.

Langsam schlenderten wir zurück zum Zelt, sogen die vielen Aktivitäten auf der Startbahn, an den Zelten ein. So eine gute Stimmung, so viel Lebenslust.

Manchmal, „aber nur manchmal“ kommt da bei mir so das Gefühl hoch, wie ‚überdreht‘ das alles ist, wie schräg, wie aufgesetzt wirkend. Dann fragt der Rush sich, der ja eher die Stille liebt, ob er auf so einem Mega-Festival richtig ist. Und ganz tief antwortet dann was in mir: Fresse halten – genießen.

Zu den vertrauten Klängen der Cantina Band (hier als 10-Stunden-Version) ging es zum Zelt. Ein Abschluß-Bier, Rücken dehnen, Witze übers Altern. Schönes Festival – gute Zeit.


Ein letzter Sonnenaufgang am Montag, die Reihen der Zelte hatten sich etwas gelichtet. War wieder früh auf und fing mit dem Zusammenpacken an. Andere Frühaufsteher zogen schon ihre Bollerwagen zum Ausgang.

Alles aufladen, zum Auto, zurück zum Zelt, Abschied von den Nachbarn. Alles so verstauen, daß wir kein drittes Mal zurück mußten – und Abschied vom M’era Luna, Heimfahrt, langer Stau.

Nebenbei fiel mir auf: Es lag kaum Müll herum. Das Foto links zeigt ein Areal, wo ca. 10 Zelte standen. Da lag nix mehr… Schön auch: Food-Sharing-Angebote vor den Müllboxen.

Nächstes Jahr? Corri-May hat die Nase voll vom Zelten; einen WoMo-Platz haben wir nicht mehr bekommen, weil Montagabend um 18 Uhr – ganz dämliche VVK-Zeit – bei uns Streß war. Somit (noch) keine Karte(n). Rush out.

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