Geißler: Lust an der Unterwerfung – revisited

34 Jahre nach der Lektüre des „Frauen bekennen sich zum Masochismus“ untertitelten Werkes habe ich noch einmal ein Exemplar antiquarisch gekauft und gelesen. Was macht die Lektüre mit mir heute?

Klären wir zunächst Geißlers (@Wikipedia) Masochismus-Begriff, der von dem abweicht, was heute in der BDSM-Szene darunter verstanden wird. Sie selbst pendelt zwischen ihren eigenen Wünschen, die klar schmerz- und straffokussiert sind, und Vorstellungen vom Sklavinnendasein, von Demütigung, Power-Play-Spielen.
Hilft der Begriff BDSM weiter? Jein. Er ist auch schwammig, was die Abkürzungen angeht, weil alles reingepackt wurde: BD – Bondage & Discipline, DS – Dominance & Submission, SM – Sadism & Masochism. Aber  SM ist abgegrenzt: wer nur auf Schmerz steht, zufügend oder erleidend, fällt unter SM. Deswegen ist der Begriff Sadomasochismus / SM für alle diese Formen von Interaktion aus der Mode gekommen. Man sagt BDSM – und beginnt dann aufzuschlüsseln.
Ich kannte mal eine masochistische Frau, die von mir geschlagen werden wollte. Nie wäre sie auf die Idee zu Power-Exchange-/Rollen-Spielen gekommen oder demütig / devot gewesen. So kommt auch Geißler vom Masochismus, spricht in ihrem Buch aber von BDSM, nur um letztlich vom umfassenden Begriff wieder Abschied zu nehmen.

Rush (he/him) hat aber nichts mit dem Buch zu tun, oder? Frauen und ihr Masochismus?
Für mich war Geißlers Buch mit Anfang 20 der Augenöffner. Die Autorin selbst mußte auf die harte Art lernen, was diese Wünsche für sie bedeuten. Ich hingegen hatte ihren Bericht und erkannte mich beim Lesen wieder – unabhängig vom Geschlecht. Allein die Beschreibung des von ihr erstellten „Kults“ (einziges Mitglied: sie selbst) mit Strafritualen und der Verheimlichung vor den Eltern – ‚check‘ – diesen „Kult“ hatte ich mir auch ausgedacht. Das nur als Beispiel, weil sich vieles andere auch deshalb deckt, weil Geißler gerade mal zwei Jahre älter ist als ich – wir haben die gleichen Filme im Fernsehen gesehen: die Auspeitschszenen in „Zwei Jahre Ferien“ oder „Meuterei auf der Bounty“, der Marterpfahl bei Winnetou usw. Geißler intensiviert das noch in der Vorstellung von ‚Jackson‘, einem Herrn in ihrer Vorstellungswelt, dessen J sie sich in die Haut brennt.

Damals dachte ich im Aufgreifen des Titels: „Ok, du bist wohl auch Masochist, was nun?“ Eine Ex-Freundin, mit der ich sexuell viel experimentiert hatte, gab ein ‚Come-back‘ als Domina – für einige Sessions, die in meine Erinnerung eingebrannt sind. Nie wieder war es geiler, gerade weil wir getrennt waren und ich mich nach ihr sehnte.
Vor dem Internetzeitalter mußte ich, wie Geißler, auf einschlägige Inserate bauen. Aber die Sprache der ‚Dominas‘, die antworteten, törnte mich in ihrer Primitivität völlig ab. Geißler: „Ich wollte als ‚Kind‘ verhauen, als Sklavin gepeitscht, als Lustdienerin gedemütigt werden – aber doch als Frau anerkannt werden.“ Dito, ‚als Mann‘.

Ich greife vorweg: Über die Jahre wurde mir klar, ‚Switcher‘ mit v.a. dominanter Ader zu sein. Wovon die Rolle abhängt: vom Aussehen und Charakter der konkreten Frau. Ich habe experimentiert und gesucht, habe irgendwann resigniert. Mit den Partnerinnen, in die ich mich verliebt hatte, die ich mit Augenzwinkern unter ‚vanilla‘ einsortierte, war die Umsetzung des Themas immer unzufriedenstellend. Eine Ex sagte mir, als sie ihre Sachen gepackt hatte: „Ich habe die Sub für dich immer nur gespielt. Das war nie mein Ding.“ Und ich? Ich habe den Sex genossen, der sich so bot, ohne den Schritt vollziehen zu können, die Trennung zu schaffen und endlich mal richtig zu suchen, d.h. in der entsprechenden Szene.

Geißler interviewt fünf Frauen zu ihrem „geheimen“ Leben als Sklavin – spannende Geschichten von Doppel-Leben mit Vanilla-Ehemann, der nichts merkt, von einer Frau mit mittelalterlichem Folterkeller, von gekauften Doms. Beim heutigen Lesen stolpere ich immer wieder über Begriffe, die ich damals aufsammelte und für mein „BDSM-Handbuch by Rush“ kompilierte: Strafpunkte, Strafbuch, Sklavenvertrag und -prüfung. Wieder leide ich bei der Lektüre mit Geißler, als sie von einem brutalen Möchtegern-Dom mißbraucht wird. Diese Arschlöcher gibt es immer noch ‚da draußen‘. Und Geißler verfällt einem weiteren ‚Herrn‘, dient ihm zwei Jahre – „zwei Jahre Schauspiel“: „ich wollte wirkliche Stärke, keine dumpfe Quälerei.“

Auf der Suche nach der Frage „Warum bin ich so?“ gibt die Autorin Thesen Freuds wieder, in denen sie sich nicht findet, und zitiert weitere Psychologinnen, verliebt sich virtuell in Nietzsche und findet schlüssigere Erklärungen in den Worten Simone de Beauvoirs. Im Grunde könnte man sagen, das Buch nimmt stetig an Fahrt auf, wird ‚krasser‘, wie die Jugendsprache heute kommentieren würde. Das ist mit Nietzsches Aussagen der Fall – sicher auch ein Grund für den ‚Shitstorm‘, den Geißler von den Feministinnen (auch um EMMA / A. Schwarzer) im Anschluß an die STERN-Berichterstattung 1990 erhielt.
Mir gefällt von den erwähnten Erklärungen die Erich Fromms, wonach die Suche des masochistischen Menschen eine nach einer Verschmelzung mit dem dominanten Part ist, i.S. einer Verarbeitung des Geburts-Traumas, der Trennung von der Mutter. Ich kann meine Neigung mittlerweile sehr gut aus meiner Mutter-Beziehung und Bedingungen im Elternhaus erklären, möchte das aber hier nicht ausführen. Das Akzeptieren dieser  Dinge war zeitweise sehr schwer für mich.

Die Suche nach dem richtigen Partner durchzieht Geißlers Buch ab dem Zeitpunkt der Erkenntnis: ich bin Masochistin. Der Mann soll ihre „masochistische Veranlagung als Fundament unserer Beziehung betrachten, nicht nur als mögliche Variante in unserer Erotik.“

Die letzte von ihr interviewte Frau hat per Vertrag ihr eigenständiges Leben aufgegeben und sich auf Lebenszeit ihrem Herrn verschrieben. Das ist intensiv und Bauchschmerzen hervorrufend, was ‚Lin‘ der Autorin erzählt. Das ist moderne, gewollte, vertraglich abgesicherte Sklaverei. In diesem Sinne ist auch das Kapitel über ‚Die Geschichte der O‘ zu sehen, die von ihrem soften Herrn an einen wesentlich härteren übergeben wird.
‚Lust an der Unterwerfung‘ war mein erstes Buch zum Thema, danach bin ich abgetaucht in die Literatur: Venus im Pelz, Justine, Juliette, 120 Tage von Sodom, Bücher von ‚Spezial-Versandhäusern‘, deren Titel ich nicht mehr im Kopf habe, Schlagzeilen-Abo – nur um heute noch festzustellen, wie wenig richtig gute BDSM-Romane es gibt. Amazon ist voll von Schund und Geldmacherei (à la: 33 Seiten eBook für 6,99€).

Bestimmte Details, die ich lese, sind für mich heute fremd. Für mich gehört die Absprache, was gemacht werden soll, zur Vorbereitung einer Session. Das kann z.B. über den BDSM-Code erfolgen oder Gespräche zu den Punkten ‚want, will, won’t do‘. Genau das will Geißler nicht, wenn sie schreibt, sie könne ja nicht vorab eine „Gebrauchsanweisung“ für sich liefern, dann wieder in die Rolle der Untergebenen schlüpfen. Talk about topping from the bottom. 😁

Die zweite fundamentale Erkenntnis Geißlers ist: Liebe als Grundbedingung für die Erfüllung des Lebens als Masochistin. „Durch Liebe erst wird der Schmerz zur Liebkosung, durch die Liebe erst wird Erniedrigung zur Erhöhung, durch die Liebe erst wird Demut zur Hingabe.“ Dieser Gedanke ist mir ebenfalls fremd. Ich kann mit einer Frau spielen und nur die Erotik genießen; dafür muß ich sie nicht lieben, sie muß mich nur erregen. (Mag sein, daß das aus Sub-Perspektive anders ist.)

Geißler findet ihren Traumpartner, für den der SM-Teil verbunden mit Liebe die Beziehung definiert: man braucht keine Rituale, D/S-Spielchen und Folterkeller. Das meinte ich, wenn ich schrieb, Geißer reduziert ‚BDSM‘ am Ende des Buches wieder auf SM.

Für mich war das Wiedereintauchen in das Buch durchaus schmerzhaft und  Gedanken an die letzten Jahrzehnte evozierend. Ich habe – aus einem Konglomerat von Gründen – diesem Teil von mir nicht die Erfüllung zukommen lassen können, die er gebraucht hätte. Aber ich werde in diesem Leben auch nie zum Mars fliegen, um dort als Pionier die erste Kolonie aufzubauen. Man kann nicht alles haben. Im Hinterkopf ist immer noch der Gedanke an die ‚perfekte Sub‘, die es hätte geben können, aber, um es mit L’Âme Immortelle zu sagen, ich habe so viele ‚ungelebte Leben‘, daß es ist, wie es ist. Im übrigen wird man(n) ja auch älter, so daß dann durchaus auch gilt, was Peter Clines im Roman ’14‘ einen 60-jährigen Charakter sagen läßt: ‚Sad to say, I’ve hit that point where looking at a naked young woman makes me feel less turned on and a little more like a dirty old man.‘ 😅

Es sei noch erwähnt, daß das Christentum immer wieder, ja, noch auf der letzten Seite des Buches auftaucht: Askese, Selbstverletzung, die Flagellanten-Bewegung, das Aufgehen im Schmerz usw. Generationen von Nonnen und Mönchen haben sich selbst Schmerzen zugefügt, sich selbst erniedrigt, um in der Liebe Jesu aufgehen zu können. Das mag man absurd oder krank finden, aber Jesus ist da nichts anderes als Jackson für Geißler. 😉

Ich finde: für Subs beiderlei Geschlecht ist das ein Klassiker. Rush out.

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