Deli­ver us from Evil – Erlö­se uns von dem Bösen (Film)

Den von S. Der­rick­son gedreh­ten Film (2014) habe ich via App­leTV gese­hen und bewer­te ihn mit – äh, das muß ich erklä­ren…

Die­se Rezen­si­on ruh­te über gut zwei Jah­re in den vor­ge­schrie­be­nen Tex­ten. Ich habe den Film nun erneut kom­plett geschaut, dies­mal im eng­li­schen Orgi­nal, was eine Emp­feh­lung ist. Dann ist es so, daß ich ihn nicht ganz unpar­tei­isch beur­tei­len kann, denn mein Lieb­lings­schau­spie­ler, Eric Bana, hat die Rol­le des Poli­zi­sten Sar­chie inne. Ursprüng­lich stand im Ent­wurf  “*** von fünf Ster­nen”, aber ich bin mir jetzt unsi­cher, ob ich nicht doch um einen auf­rücken soll­te, hoch­blickend zu Der­rick­sons Mei­ster­werk, „Der Exor­zis­mus von Emi­ly Rose“. Der Regis­seur ist auch für die Sini­ster-Fil­me (1 – Regie, 2 – Dreh­buch) ver­ant­wort­lich, die mir gut gefal­len haben. Schau­en wir mal über den Film drü­ber – und ob es doch vier Ster­ne wer­den kön­nen.

Wich­tig: der deut­sche Film­ti­tel ist nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen Doku­men­tar­film von 2006 über einen pädo­phi­len Prie­ster.
Der Text zum Film spoi­lert die Film­hand­lung . (Wiki­pe­dia)

Knapp zwei Stun­den hat sich Der­rick­son genom­men, um die Buch­vor­la­ge von Ralph Sar­chie und Lisa Col­lier Cool umzu­set­zen, s.a. die­sen Arti­kel bei The Week über die Ver­bin­dung Buch-Film – in Kür­ze: Sar­chie wird als reel­le Per­son gezeigt, die Hand­lung ist fik­tiv. Nicht ver­schwei­gen will ich, daß bei Ama­zon gera­de die deut­schen Rezen­sio­nen zum Buch eher Ver­ris­se sind. Was den Film angeht, sind die nega­ti­ven Kri­ti­ken [z.B. Rot­ten Toma­toes] für mich nicht nach­voll­zieh­bar.

Wie­der kommt der Dämon aus dem Nahen Osten (s. Klas­si­ker “Der Exor­zist”), ein sich wie­der­ho­len­des Motiv. Beses­sen wer­den drei US-Mari­nes bei einem Irak-Ein­satz 2010 (Batt­le of the Palm Gro­ve, Diya­la) wäh­rend der Erkun­dung einer Art Gruft. Alle wur­den uneh­ren­haft ent­las­sen, nach­dem sie spä­ter den zustän­di­gen Mili­tär­prie­ster attackiert hat­ten.

Drei Jah­re spä­ter kom­men der Poli­zist Sar­chie und sein Kol­le­ge But­ler ins Spiel, da die drei Mari­nes nun in New York (Bronx) leben. Zuerst stößt das Team auf Jim­my Trat­ner, der offen­bar sei­ne Frau miß­han­delt hat; man sieht auch Kratz­spu­ren an den Wän­den. Der näch­ste Mari­ne, David Griggs, wird tot (durch Sui­zid) im Kel­ler einer ita­lie­nisch-stäm­mi­gen Fami­lie gefun­den, die para­nor­ma­le Ereig­nis­se in der Woh­nung erlebt hat­te. In sei­ner eige­nen Woh­nung hängt eine gekreu­zig­te Kat­ze. Er war Jane Cren­nas Part­ner, die das gemein­sa­me Kind im Zoo in einen Was­ser­gra­ben gewor­fen hat, nach­dem der drit­te Mari­ne, der “Haupt-Beses­se­ne” offen­bar, Mick San­ti­no, zuvor mit ihr gespro­chen hat­te.

Cren­na wur­de schon län­ger vom Jesui­ten Men­do­za beglei­tet (gespielt vom wie Jim Mor­ri­son aus­se­hen­den Édgar Ram´írez), der sich mit Beses­sen­heit befaßt und das Ver­trau­en des Poli­zi­sten Sar­chie gewin­nen kann. In der Woh­nung von Trat­ner sich­tet der Poli­zist die Irak-Vide­os und merkt, daß die Wand des Büros mit Schrift­zei­chen beschrie­ben ist. Die­se waren auch im Kel­ler zu sehen, wo man Griggs fand, sowie im Löwen­ge­he­ge (Auf­nah­men der Über­wa­chungs­ka­me­ras). Men­do­za erklärt Sar­chie in einer Bar, die­se Schrift­zü­ge (per­si­sche Pik­to­gram­me, eine Bot­schaft an die „Gei­ster Baby­lons“, ergänzt durch latei­ni­sche Wör­ter) bil­de­ten ein Por­tal für Dämo­nen in unse­re Welt. Wer sie sehe, kön­ne beses­sen wer­den…

Inter­es­sant ist die Bio­gra­phie des Jesui­ten­pa­ters Men­do­za – dabei ein wie­der­keh­ren­des Motiv v.a. neue­rer Exor­zis­mus­fil­me: Exor­zi­sten mit latein­ame­ri­ka­ni­schem Hin­ter­grund oder Pra­xis dort, was ver­mut­lich etwas mit der hohen Vita­li­tät der Kir­che in die­sen Län­dern zu tun hat, – Men­do­za war dro­gen­ab­hän­gig, konn­te sich dar­aus ret­ten, hat­te aber meh­re­re Rück­fäl­le (bereits als Prie­ster) mit einer Frau, mit der er auch eine sexu­el­le Bezie­hung hat­te. Das erzählt er Sar­chie, um die­sen zu einer Beich­te zu moti­vie­ren. In der Bar mit Men­do­za spricht der Poli­zist die Theo­di­zee an: Men­do­za ent­geg­net, das Gute sei in den Her­zen von Leu­ten wie Sar­chie, die das Böse stop­pen wol­len. Er benennt das „sekun­dä­re Böse“, also böse Hand­lun­gen von Men­schen, im Gegen­satz zum „pri­mä­ren Bösen“, dem Teu­fel und sei­nen Dämo­nen. Beses­se­ne sei­en zu erken­nen an: über­mensch­li­cher Stär­ke, stark ver­än­der­ter Stim­me, hell­sich­ti­gem Wis­sen bzw. Wis­sen, das die­se Per­son nie haben könn­te (inkl. Spra­chen, die sie nicht spricht) – das stimmt exakt mit den Kri­te­ri­en des Ritua­le Roma­num über­ein, und es wur­de im Film auch in ver­schie­de­nen Sze­nen so umge­setzt.

Her­vor­ge­ho­ben wird – wohl als Ver­weis auf das Buch über den ech­ten Sar­chie – des­sen “Radar”, ein Emp­fin­den für Böses. Er nimmt Din­ge wahr, die ande­re nicht sehen bzw. hören kön­nen.  Men­do­za, Jesu­it, nennt das igna­tia­nisch die “Unter­schei­dung der Gei­ster”, eine Gabe, die der Poli­zist habe. Wenn der Dämon spä­ter sei­nen Namen nennt, ist die­ser nur für Sar­chie hör­bar.

Beim Ver­such, San­ti­no fest­zu­neh­men, tötet die­ser Sar­chies Part­ner; die eben­falls beses­se­ne Cren­na treibt er in den Sui­zid. Unter die­sem Ein­druck gesteht Sar­chie dem Jesui­ten einen Tot­schlag, bei dem er sei­nen Haß nicht zügeln konn­te. Die beses­se­ne Cren­na hat­te vor­her bereits den Namen die­ses Man­nes erwähnt, d.h. sie hat den Namen gespro­chen, obwohl sie ihn im nicht-beses­se­nen Zustand nicht wis­sen konn­te.
In einer inten­si­ven, ruhi­gen Sze­ne erteilt Men­do­za dem Poli­zi­sten die Abso­lu­ti­on. Das ist in gewis­sem Sinn die Vor­be­din­gung dafür, daß der Dämon in San­ti­no wäh­rend des Exor­zis­mus nicht auf die­se Schwach­stel­le Sar­chies ein­ge­hen kann.

Der Dämon greift letzt­lich auch Sar­chies Fami­lie an, die Toch­ter hört nachts Kratz­ge­räu­sche unter ihrem Bett, die Tür ver­schließt sich, Lich­ter gehen aus. Man weiß noch nicht, daß San­ti­no dahin­ter steckt, so daß die­se Sze­nen für mich etwas die Immersi­on bre­chen, erin­nern sie doch eher an Pol­ter­geist-Fil­me.

San­ti­no ent­führt Sar­chies Frau und Toch­ter, wird aber von der Poli­zei fest­ge­nom­men. In einem inten­siv dar­ge­stell­ten Ad-hoc-Exor­zis­mus (mit viel Action und wenig Ritua­le Roma­num, immer­hin einem Gebet zum Erz­engel Micha­el), den Sar­chie und Men­do­za durch­füh­ren, ver­läßt der Dämon, der sich „Jung­ler“ (wie das eng­li­sche ‘jungle’ mit R dran; in der deut­schen Syn­chro­ni­sa­ti­on Jan­gels gepro­chen) nennt, San­ti­no, wor­auf­hin die­ser den Auf­ent­halts­ort von Sar­chies Fami­lie mit­teilt, die letzt­lich aus einem ver­schlos­se­nen Lie­fer­wa­gen in einer Gara­ge befreit wer­den kön­nen.
Im Abspann erfah­ren wir noch, daß Sar­chie kurz nach die­sen Ereig­nis­sen den Poli­zei­dienst ver­las­sen habe; er arbei­te “bis heu­te” noch mit Men­do­za zusam­men.

(Zum Dämo­nen­na­me konn­te ich wenig bis nichts her­aus­fin­den, gewis­se Bezü­ge zum Spiel League of Legends, zu all­ge­mei­nen Dschun­gel­dä­mo­nen in Fan­ta­sy-Mytho­lo­gien, sonst nichts.)

Zuvor hat­te Men­do­za die 6 Stu­fen des Exor­zis­mus erklärt:

  1. Pre­sence – am ehe­sten mit Aus­strah­lung / Anwe­sen­heit zu über­set­zen – der Dämon ent­facht im Exor­zi­sten oder in Hel­fern einen inten­si­ven psy­cho­lo­gi­schen Ter­ror
  2. Pre­ten­se – Vor­täu­schung – der Dämon ver­steckt sich hin­ter der nor­ma­len Per­sön­lich­keit des Beses­se­nen
  3. Break­point – am ehe­sten “Über­sprung­punkt”, eine Zäsur, bevor der Dämon sich zeigt und spricht
  4. Voice – der Dämon äußert sich, sagt u.U. auch sei­nen Namen
  5. Clash – Kon­flikt – der Dämon zeigt sei­ne Macht, mani­pu­liert die Umge­bung
  6. Expul­si­on – Aus­trei­bung – der Dämon kann exor­ziert wer­den

In der sech­sten Pha­se spricht Men­do­za die alte Aus­trei­bungs­for­mel „Vade retro Sata­na“, erst­ma­lig 1415 in der Bene­dik­ti­ner­ab­tei Met­ten auf­ge­zeich­net, die jedoch nicht im Ritua­le Roma­num vor­kommt.

Gene­rell fin­de ich sowohl die Dia­lo­ge gut umge­setzt, als auch die Kame­ra­füh­rung sehr gelun­gen. Immer wie­der begeg­nen Hin­wei­se auf The Doors – sei es das Aus­se­hen Men­do­zas oder der von Cren­na am Zoo wie­der­holt gesag­te Lied­ti­tel “Break on through to the other side”. Die­ser Titel sowie Peo­p­le are Stran­ge und Riders on the Storm sind im Film zu hören. Jim Mor­ri­sons Fra­ge „Is ever­y­bo­dy in? Is ever­y­bo­dy in? The cerem­o­ny is about to begin!” spricht der beses­se­ne Trat­ner kurz vor Beginn des Exor­zis­mus.

Was wie eine Kri­mi­nal­ge­schich­te beginnt, endet beim Exor­zis­mus. Bana und Ramí­rez spie­len gut. Dies­mal ist es – ent­ge­gen der üblichen/traditionellen Auf­be­rei­tung des Stof­fes – der “gefal­le­ne”, frag­wür­di­ge Prie­ster, der jun­ge Jesu­it Men­do­za, der ohne einen älte­ren Exor­zi­sten, aber mit Sar­chies Hil­fe, das Ritu­al angeht. Men­do­zas Rol­le gefällt mir sehr gut: aus der Dro­gen­ab­hän­gig­keit raus und hin zum Prie­ster­amt. Rück­fäl­le mit Dro­gen und Ver­stoß gegen das Zöli­bat in der Fol­ge, aber durch die Beich­te kommt er wie­der auf den rech­ten Weg. Den­noch raucht er, trinkt Alko­hol, wirkt emp­find­sam und angreif­bar, ver­fügt jedoch über eine gro­ße Stär­ke, ver­mut­lich weil er den ‘inne­ren Dämon’, die Dro­gen­ab­hän­gig­keit, über­wun­den hat.

Zwei Stun­den mit v.a. tie­ri­schen jump sca­res, mit Span­nung und einer Kame­ra, die immer ganz nah an den Han­deln­den ist. Ein inten­si­ver Film, der mir – nun ja, bes­ser gefällt als ***. Wenn ich nach der selbst­ge­leg­ten Meß­lat­te (Umset­zung des Exor­zis­mus-Ritu­als) gehe, müß­te ich bei *** blei­ben, aber beim 2. Schau­en und der kom­plet­ten Über­ar­bei­tung die­ses Tex­tes ist mir auf­ge­fal­len: ich muß **** ver­ge­ben, weil das Gesamt­pa­ket ein­fach gut ist. Damit blei­be ich einen Stern unter ‘Emi­ly Rose’, aber das ist gerecht­fer­tigt.

(Man könn­te jetzt ein­wen­den, daß vier Ster­ne hier und beim Klas­si­ker ‘Der Exor­zist’ unan­ge­mes­sen sind, aber ich wür­de sagen: jeder Film hat aus einem ande­ren Grund die­se vier Ster­ne – Der Exor­zist eben als Klas­si­ker, der sehr gut ist, aber für mich nicht top.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner