Bones and All (Film)

In letzter Zeit, da ich mich wieder intensiver mit dem Thema Gothic / Schwarze Szene, mit Horror und Suspense beschäftige, merke ich, daß mich einzelne Filme wieder emotional durchrütteln, so wie es seinerzeit z.B. bei The Crow war. Ich habe hier bereits über Run Rabbit Run geschrieben, auch über Infinity Pool. Aus verschiedenen persönlichen Gründen ist da irgendwie eine Art neue „Aufnahmefähigkeit“ bei mir, vielleicht auch ein ‚Sich-berühren-lassen‘.

Gerade die Schlußszene von Bones and All (BaA) erinnerte mich an Carlos Sauras „Deprisa, deprisa“ (Los, Tempo!), an den stillen anonymen Tod in den Hochhäusern der Madrider Vorstadt, an die alleinige Überlebende – wie hier im Film Maren. Selbst das schwülstige Lied Me Quedo Contigo von Los Chunguitos aus der Schlußszene hätte hier in BaA gepaßt…
Von den Emotionen, die der Film auslöste, fühlte ich mich auch an „Lost Souls“ von Poppy Z. Brite erinnert – dieses Gefühl süßlicher Grausamkeit, Erotik, Blut, die ständige Nähe des Todes.

Und gestern war da eben Bones and All. Ich konnte meinen Blick nicht vom Bildschirm nehmen, hörte nicht, daß meine Frau mich ansprach und etwas fragte. Allein der Soundtrack unter der Regie von u.a. Trent Reznor (Nine Inch Nails) mit Songs von Joy Division, New Order…

Die Wikipedia beschreibt BaA als ein „romantisches Horror-Drama“, das zudem noch zur Kategorie ‚Roadmovie‘ gehört, die mir grundsätzlich gut gefällt. In Kürze stellt sich die Thematik so dar, daß Maren und ihr Freund Lee, sowie andere Personen, die sie am Geruch erkennen, sogenannte ‚Eater‘ sind, Kannibalen. Sie leben unerkannt in der amerikanischen Gesellschaft, töten, lassen die Leichen verschwinden – und sitzen am nächsten Morgen wieder gemütlich beim Kaffee im Diner. So schildert der Film auf der oberflächlichsten Ebene dieses Leben und Töten, das Erkennen anderer, gemeinsame Zeit und Trennung. Auf einer anderen Ebene ist es die Liebesgeschichte zwischen Maren und Lee, die gemeinsam durch verschiedene Staaten, quasi von Ost nach West bis Nebraska fahren, sich verlieben, trennen, wiederfinden, verlieren. (Die Weite Nebraskas steht für mich für das Verlorensein.)

Doch für mich ist es vor allem ein Film über das Anderssein. Darüber, ’normal‘ in einer Gesellschaft zu leben und zu funktionieren, aber das Gefühl zu haben, ‚different‘ zu sein, eine andere Sicht auf die Welt zu haben. Also irgendwie Thema Nr. 1 der Schwarzen Szene. 😉
Beispiel: Wer mit dem Thema BDSM zu tun hat, wird sich vielleicht auch schon mal nach einer nicht so prickelnden Erfahrung gefragt haben: Was mache ich hier eigentlich, wer bin ich? Wenn mich XY jetzt hier sehen würde…
Bei Maren und Lee sind damit auch innere Konflikte verbunden: wollen wir weiter töten oder ein ’normales‘ Leben führen? Letztlich scheitert das normale Leben daran, daß das ‚Anderssein‘ in Person von Sully wieder auftaucht.

Dieses Anderssein transportiert der Regisseur Luca Guadagnino mit durchgängig warmen Farben, schöner Lichtführung, vielen ruhigen Einstellungen. Maren trägt auch fast immer ein geblümtes Sommerkleid, das Unbeschwertheit, fast Mädchenhaftigkeit, suggeriert. Mir stand beim Schauen des Film das Wort ‚bittersweet‘ im Bewußtsein. Das hat auch damit zu tun, daß die Horrorszenen, also der Kannibalismus, nicht als Splatter dargestellt werden, auch wenn viel Blut und ‚Sauerei‘ zu sehen sind. Die Eater werden gerade nicht als blutrünstige Bestien gezeigt, sondern als empfindsame Menschen, die aber in der konkreten Tötungssituation in einen Rausch verfallen.

BaA ist ein Film, der mich in seinen Bann gezogen hat – auch weil er Sehnsucht auslöst – nach dieser Reise, dem Unterwegssein, dem Sich-selbst-suchen-(und-finden?), dem ’schönen Anderssein‘. Er ist auch ein Film, der mich bestärkt in diesem, meinem Anderssein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert