Infinity Pool (Film)

Der Text spoilert den Film!

Würde ein Mensch, der sich selbst verachtet, sich haßt, die Chance wahrnehmen, sein Ich, seinen Körper töten zu lassen, um als sein eigener Klon erneut/weiter leben zu können? Aber da dies ein 100%iger Klon ist, ist der Selbsthaß auch wieder da. Was gewänne – verlöre – man?

Ich sage es mal so: Manches in diesem empfehlenswerten Film (allein schon, weil Mia Goth mich triggert) bleibt unklar. Bei Verbrechen kann man sich in diesem fiktiven tropischen Land von der Todesstrafe freikaufen, wenn man die Anfertigung eines Klons bezahlt, der dann hingerichtet wird. Diesen Freibrief für ungezügelten Hedonismus und willkürliche Gewalt nutzt eine Gruppe von reichen Urlaubern aus, federführend die verführerische Gabi (Mia Goth), um den Urlaub ungehemmt und jenseits gesellschaftlicher Regeln verbringen zu können.
James, wenig erfolgreicher Schriftsteller, wird von der Gruppe um Gabi in das Spiel einbezogen. Aber: ich bin überzeugt davon, daß nichts James‘ Klon stirbt, sondern der echte James, was durch das Lächeln in der Exekutionsszene angedeutet wird, auch durch die Bemerkung seiner bald allein abreisenden Frau, er sei verändert.

James (Klon) will bleiben, aber warum? Erst spät erfährt der Zuschauer, daß er seinen Paß nicht verloren, sondern vor seiner Frau versteckt hatte. Man kann vermuten, daß der Autor zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung hatte, mit dem Klonen werde „alles ganz anders“. Er will nicht ins alte Leben zurück, aber als sich zum Abreisetag der anderen Gäste drei Urnen von eben drei exekutierten Klonen in seinem Koffer befinden, wird eine Deutungsmöglichkeit offenbar: Wer sich selbst verachtet, kann sich immer wieder töten, aber er wird kein anderer Mensch. Diese drei Urnen sind ein wirkmächtiges Bild: das sind die kleinen Tode, die ein Mensch im Lauf seines Lebens stirbt; das ist der Ballast, den man mitschleppt, von dem man sich befreien müßte. Tut James dies?

Andererseits ist der Kreislauf aus Drogen, Sex, Morden immer zentriert auf James und Gabi, die ihn jagt und demütigt, bis er am Ende völlig fertig wie ein Baby an ihrer Brust zur Beruhigung saugt.
War das sein Wunsch? Zum Spielzeug dieser dominanten Frau zu werden, um darin Erfüllung zu finden?
Möglicherweise kann man das auch so deuten, daß diese schrankenlose Situation James noch mehr gedemütigt hat als sein echtes Leben in Abhängigkeit vom reichen Vater seiner Frau (s. letzter Absatz unten). Gabi triumphiert aber auch als Vamp über einen schwachen Mann – woran sie offenbar Gefallen findet.

Wenn James am Ende (zum Beginn der Regenzeit) allein im Resort zurückbleibt, während die Gruppe um Gabi abreist, ist das für mich die ultimative Kapitulation vor dem eigenen Ich. In einer Rezension las ich, er säße dort als „neuer Mensch“. Ja, aber nur in dem Sinne, daß er eine leere Hülle geworden ist. James befreit sich nicht von den Urnen in seinem Koffer, er läßt sie da liegen. Sie beschweren den Koffer – sinnbildlich ist an eine Abreise nicht zu denken. Meine Deutung also: James ist „fertig mit der Welt“ – er sitzt da als vierter Klon und braucht keine der furchterregenden Masken der Einheimischen: sein eigenes Äußeres ist zu einer nichtssagenden, um so schrecklicheren Maske geworden.
Mir kommt zu dieser Abschlußszene die in den Kopf, in der Gabi ihn kalt, dominant masturbiert. James ist benutzt worden und offenbar von Selbstverachtung zu abgrundtiefem Selbsthaß gekippt. Aber immer muß man auch im Hinterkopf haben, daß wir ja nun vom dritten Klon sprechen. Unklar daher auch: Ist jeder Klon 100% identisch oder geht unter Umständen irgendetwas verloren? Jede Emanation von James wirkt stumpfer, daher für mich gut nachvollziehbar das Fazit der Zeit:

Die absolute Freiheit des Selbst mündet in persönlicher Leere und in einer Welt ohne Moral. Sie ist Exzess ohne Verantwortung. Vielleicht gibt es keinen besseren Film über den Kannibalismus der sozialen Medien als diesen wilden, schonungslos brutalen und unfassbar schön gefilmten Trip.

Vielleicht gehe ich zu wenig auf dieses Thema „Kritik an den Reichen“ und ihrer Traumwelt ein. Das Setting ist überzeichnet: armes, rückständiges Land mit einer Art Polizei-Regime und viel Gewalt – dazu im Gegensatz die reichen Touristen in ihrem Hochsicherheits-Resort und in einer Multikulti-Welt mit chinesischem Essen neben dem Bollywood-Tanzabend. Auch die gruseligen Masken der Einheimischen gibt es im Hotel-Shop – alles käuflich. Natürlich spielt der Film mit gerade diesem Element: Was, wenn man mit Geld über der Gesellschaft stehen könnte, ja sogar über der eigenen Sterblichkeit? Natürlich ist das auch ein anti-kolonialistisches Statement, das der Regisseur hier macht.
Aber gerade vor diesem Hintergrund ist die Figur von James so spannend, weil er genau dieses Geld auch hat (über die Familie seiner Frau), nicht aber den immateriellen Erfolg und damit auch Selbstachtung.

Ich weiß nicht, ob es völlig überzogen ist, aber mir kommt die Beziehung Gabi-James vor dem Inhalt des Films wie eine schiefgegangene BDSM-Session vor. James schreit mehrfach das Stopwort, Gabi ignoriert das; statt „after-play care“ läßt sie ihn im Regen sitzen. Er wird von nichts und niemandem mehr aufgefangen. Die alte Welt mit seiner Frau steht für Selbstverachtung, die neue Welt mit Gabi steht für Selbstzerstörung. Das Bild im Liegestuhl im Regen ist so eine Art Schockstarre – für James geht es nirgendwo mehr hin. Eine Rückreise ist nicht mehr möglich.

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