Kei­ne jugend­kul­tu­rel­le Schwar­ze Sze­ne mehr

Ich bin vor eini­ger Zeit schon­mal auf das Altern der Sze­ne ein­ge­gan­gen. Nun habe ich ein Inter­view gefun­den, das Kul­tur­anthro­po­lo­ge Mar­kus Tau­schek, Uni Frei­burg, 2018 der Stutt­gar­ter Zei­tung gege­ben hat: Die Gothics wer­den älter. Kann man bei Bedarf selbst lesen; ich hebe nur das für mich Wich­ti­ge her­aus.

Der Wis­sen­schaft­ler basiert sei­ne Aus­sa­gen auf Besu­chen bei den drei gro­ßen Events: WGT, Amphi, M’era Luna (wohl im Jahr 2017 oder wie­der­holt).

Tau­schek sagt, die Sze­ne habe sich “unglaub­lich aus­dif­fe­ren­ziert” und meint damit v.a. den Klei­dungs­stil und gan­ze Unter­ka­te­go­rien der Sze­ne wie Steam­punk oder Cyber­goth. Schwarz sei aber nach wie vor sozu­sa­gen der Kle­ber, der die Sze­ne zusam­men­hält.
Inter­es­sant fin­de ich sei­ne Drei­tei­lung der Event-Besu­cher: da sind die Gothics, die Sze­ne auch im All­tag leben – und z.B. mit Pier­cings Pro­ble­me beim Arbeit­ge­ber bekom­men. Dann ein “beträcht­li­cher Anteil” von Leu­ten, die im All­tag und Beruf ’nor­mal’ auf­tre­ten, sich aber trotz­dem als Goth defi­nie­ren. Und letzt­lich die “kar­ne­val­eske” Frak­ti­on, für die die Tref­fen Ver­klei­dungs-Events sind. Das bestä­tigt auch mei­ne Wahr­neh­mung. Wie sich das aber pro­zen­tu­al aus­wirkt, kann ich so gut wie gar nicht ein­schät­zen(, ohne Leu­ten auf die Füße zu tre­ten).
Wenn ich so das letz­te Amphi und M’era Luna Revue pas­sie­ren las­se: 15% “All­tags-Goths”, 10% Ver­klei­dungs­künst­ler und 75% “Nor­mal-Schwar­ze”, also eine gro­ße Mehr­heit, die im All­tag “mode­ra­ter schwarz” (oder bunt) rum­läuft? Kei­ne Ahnung – lie­ge ich damit völ­lig dane­ben? Mehr Ver­klei­dung als “true black™”?
(Fakt ist: es mag in einer Groß­stadt anders aus­se­hen, aber hier in unse­rer Stadt (65000 Ein­woh­ner) oder der nächst­grö­ße­ren (114000 Ein­woh­ner) sehe ich kaum typisch geklei­de­te Men­schen.

Dann jedoch die Ein­schät­zung Tau­scheks: “Es ist kei­ne jugend­kul­tu­rel­le Sze­ne mehr.” Im Rah­men der Nach­fra­ge zum Älter­wer­den der Sze­ne­mit­glie­der meint Tau­schek, es gebe Ten­den­zen, “Viel­falt inner­halb der Sze­ne als Pro­blem zu betrach­ten”. Ich den­ke, das ist nach­voll­zieh­bar. Alles, was sich aus­dehnt, auf­fasert, ver­dünnt, ver­mischt, ist irgend­wann nicht mehr als das wahr­nehm­bar, was es war. Ich kann Milch so stark mit Was­ser ver­dün­nen, daß ich bald schon wie­der durchs Glas schau­en kann, aber dann ist es eben kei­ne Milch mehr.

Per­sön­lich glau­be ich aber nicht, daß es zu einer Spal­tung der Sze­ne kom­men wird – dafür ist es zu spät. Für Spal­tun­gen muß ein hoher Fak­tor an Streß und Unwohl­sein vor­han­den sein, eben­so ein sepa­ra­ti­sti­sches Poten­ti­al, der Wil­le zu gehen und anders­wo etwas Neu­es zu machen. Sehe ich nicht. Selbst wenn ich immer mal wie­der klei­ne Sei­ten­hie­be zur MA-Sze­ne schrei­be, ner­ven die­se Leu­te mich nicht. (Mög­li­cher­wei­se kommt da auch ein Mar­ke­ting-Fak­tor ins Spiel: Gäbe es vom Ver­an­stal­ter kein Ange­bot “Mit­tel­al­ter-Markt” vor dem M’era-Luna-Haupt­ein­gang – wie­vie­le Besu­cher wür­den sich expli­zit einen sol­chen wün­schen? Für wie­vie­le gehört MA-Mark zwin­gend zu solch einem Festi­val?)

De fac­to ist es doch eher so: Schwarz ist Mini­mal-Kon­sens, aber anything goes. Jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen. Und: je älter, desto trä­ger wer­den die Trä­ger der Sze­ne. 😂
Statt Spal­tung sehe ich eher Ver­ein­ze­lung: L., die mit auf dem M’era Luna war, schreibt gera­de auf Insta: sie habe den Post-Festi­val-Blues. Mir geht es ähn­lich – ich sit­ze zuhau­se und habe die bei­den gro­ßen Events für 2023 “durch”. Jetzt muß ich wie­der aktiv schau­en, wo ich ab und an in “die Sze­ne”™ ein­tau­chen kann. Wenn Clubs und regio­na­len Treff­punk­te mul­ti­fak­to­ri­ell (Covid, Min­dest­lohn, Preis­stei­ge­run­gen…) weni­ger wer­den, gibt es bald viel­leicht nur noch die gro­ßen Hap­pe­nings. (Berich­te dazu gab es z.B. schon 2013 bei Nega­ti­ve White, aktu­el­ler bei Spon­tis hier und hier).
Anson­sten sitzt man dann allein da – es sei denn, man hat – auch im Alter 😁 – noch sei­ne SPG – Schwar­ze Peer Group. Dann könn­ten man von Nischen­bil­dung spre­chen: man ver­ein­zelt gemein­sam. 😂 (Herr­lich düster, das alles.)
Rush out.

Ein Gedanke zu „Kei­ne jugend­kul­tu­rel­le Schwar­ze Sze­ne mehr“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner