Richard Mathesons Roman aus dem Jahre 1971 über ein Spukhaus in den Vereinigten Staaten ist ein Klassiker der Horrorliteratur. Laut Titel der Kindle-Ausgabe soll Stephen King gesagt haben: “Hell House is the scariest haunted house novel ever written.”
Schauen wir mal. Ich muß ein bißchen spoilern, lasse aber Details und das Ende aus.
Ich hatte bei der Besprechung von The Haunting of Hill House geschrieben, daß ich mit Spukhäusern immer ‘Wesenheiten’, Geister, verbinde, nicht der von Jackson beschriebene Umstand, daß das Haus als solches paranormale Phänomene hervorruft. Hier, im Hell House, ist mein Ansatz erfüllt: es spukt im Haus, aber es ist von Anfang an klar, daß da eine oder mehrere Personen ‘Energien’ hinterlassen haben, die unruhig sind.
Das Setting ist spannend: Frühere Untersuchungen des Hell House endeten für fast alle Beteiligten tödlich. Ein solventer Sponsor meint nun, daß er das richtige Experten-Team zusammenstellen kann, um im Jahre 1970 einen weiteren Versuch zu wagen, das Geheimnis des “Belasco House”, der frühere Eigentümer hieß Enrico Belasco, zu erkunden. Vorgestellt wird das (fiktionale) Haus in Caribou Falls, Maine, als “the Mount Everest of Haunted Houses” – die Liste der dort bereits beobachteten okkulten Phänomene wird im Buch aufgeführt – und sie ist lang.
Das Team setzt sich zusammen aus Dr. Lionel Barrett und seiner Frau Edith, ein Akademiker, der paranormale Dinge auf der Basis seiner wissenschaftlichen Weltsicht aufklären will.
Dann ist da das “mentale Medium” Florence Tanner; sie betreibt eine eigene eklektische “Kirche” mit christlichen Anleihen.
Zuletzt wird Benjamin Franklin Fischer mit von der Partie sein: der einzige Überlebende der Untersuchungen im Haus im Jahre 1940. Fischer ist im Gegensatz zu Tanner ein “physisches Medium”.
Die Gruppe findet sich in einem Haus immenser Größe wieder mit Theater, Kino, Pool und eigenartiger Kapelle, in der der gekreuzigte Jesus mit riesigem Phallus dargestellt wird. Eine Tonaufnahme des früheren Eigentümers “begrüßt” die Gäste im Haus.
Ich werde nun etwas verkürzter schreiben, weil sich die Geschichte langsam und nachvollziehbar entwickelt. Zunächst: Tanner als mentales Medium (rein geistiger Kontakt zu Wesenheiten) wird in einer Séance, Barrett zeichnet alles auf, mißt verschiedene Werte, zu einem physischen Medium, offenbar im Kontakt mit einer toten Wesenheit im Haus. Die gesamte, Tanner-zentrierte Geschichte bleibt nun bei diesem von ihr so wahrgenommenen Wesen.
Zwischen Barrett (Geister als “surviving personalities” gebe es nicht) und Tanner entsteht ein Konflikt, der sich dadurch steigert, daß das Medium immer konkretere Beweise zur Identität des Geistwesens liefert. Barrett glaubt ihr nicht; Fischer hält sich zurück.
Alle Personen werden von Energien im Haus – ich sage mal – tangiert. Hier ist besonders das Thema Sexualität hervorzuheben: Als Belasco noch im Haus lebte, gab es dort wohl Orgien im Stil des de-Sade-schen Werkes “Die 120 Tage von Sodom”. Beide jetzt im Haus anwesenden Frauen werden auf unterschiedliche Weise mit der Sexualität in ihrer Biographie konfrontiert.
Die Spukbeschreibungen sind gelungen und erzeugen doch ein gewisses Kribbeln. Die Beschreibungen der Séancen mit Tanner empfinde ich als ‘over the top’, also wenn sich “Teleplasma” bildet und am Körper herabfließt usw. Das ist mir im Gegensatz zum Geisterthema schon wieder zu konkret faßbar.
Von Wesenheit(en) im Haus kommt die Botschaft: alle Besucher sollen getötet werden. Barrett will dies mit einem neu entwickelten Gerät, dem Reversor, konterkarieren: Das Gerät, um das der Autor viel Geheimnistuerei betreibt, bis man weiß, was es machen soll, ist dazu gebaut, einem Haus alle übernatürlichen Energien zu entziehen, es zu reinigen. Kurz wird das Thema “Aura” vorgestellt: lebendige Wesen geben elektromagnetische Strahlung ab, die könne nach ihrem Tod in einem Haus zurückbleiben: “The raditation in this house is only residue.”
Die Übergriffe dieser “Energien” im Hause steigern sich, v.a. Tanner und Barrett werden gezielt beeinflußt, gegeneinander ausgespielt, ebenso Edith, während Fischer ruhig wirkt, v.a. weil er sich den Energien im Haus nicht öffnet. Für die Gruppe wie den Leser bleibt unklar: ist der Geist von Belasco noch im Haus oder sind es gar viele Totengeister, die dort ihr Unwesen treiben? Alle Protagonisten werden sehr selbstreflexiv beschrieben, was einen angenehmen Lesefluß erzeugt.
Der Roman hat im Grunde zwei Höhepunkte: der erste so bei 80%, wenn die erste Person im Haus stirbt. Der “Reversor” scheint dann zu funktionieren, das Haus wirkt gereinigt, doch dann bäumen sich die Energien auf – mit unheilvollem Ergebnis. “Hell House was dying.” – Nö, erstmal nicht.
Letztlich sind zwei Personen übrig, die sich dem stellen, was allen Phänomena zugrundeliegt – zweiter Höhepunkt und Ende.
Hell House ist ein sehr psychologischer Roman, was mir gut gefallen hat. Die Personen haben ihre Hintergrundgeschichten, aus denen ersichtlich ist, warum sie das und so wurden, was/wie sie sind – und warum sie auf welche Art und Weise im Hell House agieren oder angegriffen werden.
Ich mag auch den langsamen Erzählstil, das Ausgestalten von Szenen, aber auch, wenn es mal schneller geht und sich die Sätze gar nicht so schnell lesen lassen, weil man wissen will, was jetzt passiert.
Ist das nun ein gruseliger Roman? Mir fehlt im Text doch deutlich der Aspekt der “Angst”. Die Protagonisten bewegen sich selbstsicher, auch nachts, allein im Haus umher. Das, was ich an Grusel spürte, mußte ich mir selbst ausmalen, wenn ich mir vorstellte, welchen Raum ich gerade in der Beschreibung gelesen hatte.
Und dann habe ich mit Büchern immer so das Problem, daß sie halt nicht auf die Weise von Filmen mit ihren Jump Scares, der ominösen Musik, der visuellen Andeutungen gruselig sind. Ich werde bald ein Buch hier vorstellen, bei dem ich wirklich Gänsehaut hatte, aber Hell House liest sich für mich – ehrlich gesagt – nicht so gruselig.
Aber: ich mochte den Roman mehr als Jacksons “Hill House”, weil er mir das bietet, was ich von einem Spukhaus-Roman erwarte. Und als Klassiker kann ich das Buch auf jeden Fall empfehlen. Das englische Original ist nicht übermäßig schwer zu lesen.