„Ghost Story“, erschienen 1979, ist einer der bekanntesten Horrorromane, aber auch ein ziemlicher Brocken von Umfang und Inhalt her. Wer rein vom Titel her meint, es handele sich um eine klassische Geistergeschichte, liegt falsch.
(Ich spoilere den Hintergrund ein wenig, nicht die Identität des Bösen und die Auflösung des Romans.)
Die titelgebende Geistergeschichte(n), sind solche Geschichten, die sich ein Zirkel älterer Herren in Milburn bei New York erzählt, die „Chowder Society“. Aber mit den Geistergeschichten hat man erst zu einem bestimmten Zeitpunkt angefangen – nach dem plötzlichen Tod eines Zirkel-Mitglieds, dessen Todesumstände die Basis der Hintergrundgeschichte des Romans sind: zu unterschiedlichen Zeiten treten schöne, starke, seltsam attraktive Frauen auf, deren Initialen oft A.M. sind, die den Tod bringen. So war es beim Zirkelmitglied Wanderley (die Frau hieß abweichend Eva Galli). Die Restmitglieder laden dessen Neffen Don, einen Schriftsteller, ein, der seinerseits Erfahrungen mit einer dieser Frauen hat, die für den Tod seines Bruders verantwortlich war.
All dies wird sehr facettenreich, man könnte auch ausufernd sagen, erzählt – zum Teil in Rückblicken bzw. Sprüngen zurück in der Zeit. Besonders hervorzuheben ist, daß der Roman mit Dons erratischer Fahrt durch die USA beginnt, wobei ihn ein kleines Mädchen begleitet. Dieser ominöse Einstieg liegt zeitlich hinter der Haupthandlung des Romans und ist letztlich der Schlüssel zur Lösung des Problems.
Spannung wird aufgebaut durch Naturelemente (es wird ein außergewöhnlich kalter, schneereicher Winter in Milburn, wo die Haupthandlung spielt), oder durch sonderbare Tötungen von Nutztieren, die auffällig blutlos aufgefunden werden.
Wir lernen, daß zu diesen Frauentypen ein Mann und ein kleiner Junge gehören; es wird eine Art erzählerische Verbindung zum Thema „Southern Gothic“ und New Orleans aufgebaut, wozu eines der Zirkelmitglieder die passende Story hat: er hatte diese beiden Personen seinerzeit unterrichtet…
So bei ca. 80% des langen Buchs (die englische Taschenbuchausgabe ist bei 528 Seiten) weiß man als Leser genaueres um das Wesen dieser Frauengestalten; lange hatte ich z.B. die Vampirthematik vor Augen, – und nun steht der Kampf der restlichen (dezimierten) Chowder-Society-Herren, zusammen mit dem Schriftsteller und einem jungen Mann des Ortes, gegen diese an.
Hier will ich einen Cut machen und nicht weiter spoilern. Letztlich ist das für mich kein immersives Leseerlebnis – und schon gar kein gruseliges. Technisch ist der Roman ziemlich perfekt, auch wenn man ihn auf 50% seiner Länge straffen könnte. Er ist quasi berüchtigt für seinen verschachtelten Aufbau. Kann ich ihn empfehlen? Jein. Ich habe ihn bewußt als den Klassiker gelesen, als der er gilt. Umgebung, Personen – das ist alles sehr gut ausgestaltet – oft bis in kleinste, beschriebene Details hinein. Wer aber knackige, mitreißende Handlung will, der wird sich möglicherweise langweilen.