Gibt es den Teufel, das personifizierte Böse? Das bleibt lt. im Film zu Wort kommender Expertin Nicole Bauer ungeklärt. Für den katholischen Pfarrer Jörg Müller ist es ähnlich: er sage nie, daß es das nicht gebe, aber ‘der Böse’ komme eben nie als Person, niemand habe ihn gesehen.
Also 43 Minuten viel Lärm um nichts? Ich sage mal so: wer nur Exorzismus-Filme als Horrorfilme schaut, der wird feststellen, daß es gar nicht so einfach ist, das reelle Wesen des Bösen zu bestimmen, und auch das Wirken des Bösen zweifelsfrei beurteilen zu können. In der Doku berichtet niemand davon, daß ein Besessener wie eine Spinne von der Decke herabhängt und Obszönitäten schreit oder grünen Brei erbricht.
Ich merke, daß ich mich schwer tue mit dem Gesehenen. Pfarrer Müller erscheint wie ein guter Geist, der zur Not Kühe segnet und den vermeintlichen Geist eines Verstorbenen vertreibt; er wirkt abgeklärt. Er kritisiert seine Kirche für nicht vorhandene Beratungsangebote, vermutet geheimgehaltene Exorzismen, da die Kirche nach dem Tod Anneliese Michels die Öffentlichkeit scheut. Die Fakten zum katholischen Exorzismus werden knapp und präzise aufbereitet; in Deutschland seien 2 Exorzisten benannt, und für den Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz spielt das Thema gar keine Rolle.
So gehe ich die Opfer – ich merke, daß ich das Wort hier nutzen möchte, – durch: die junge Frau, bei der Ärzte PTBS und Schizophrenie vermuten, die sich vom selbsternannten YouTube-“Exorzisten” ‘Nature23’ behandeln läßt. Die beiden recht konservativ wirkenden jungen Frauen, die sich in die Hände eines freikirchlichen Gebetsteams begeben, das “Befreiungsdienste” anbietet – man spricht eben nicht mehr von Exorzismen. Ich merke, wie mir das ständig süffisante Grinsen der Befreiungsbeter auf den Sack geht. Ich sehe Jan, einen Mann mit Mißbrauchserfahrung, der in einem pfingstkirchlichen ‘Victory Camp’ ebenfalls Befreiungsgebete erlebte und als davon traumatisiert wirkt.
Hier wird deutlich, was Nicole Bauer so beschreibt: Es gibt den Teufel als soziale Wirklichkeit. Da steigt Sartre in mir auf: „L’enfer, c’est les autres.“ Die Hölle, das sind die Anderen.
Ich merke, daß ich einerseits im katholischen Denken verhaftet bin, den Fall Michel kenne, Exorzismus-Filme nach katholischem Ritus liebe, andererseits das, was das freikirchliche Gebetsteam und Nature23 abziehen, zum Kotzen finde, letztlich in meiner Einschätzung des Themas ziemlich ’schwimme’.
Also muß ich vielleicht eigene Erfahrungen einbauen, um die Doku besser einordnen zu können? Mache ich das knapp oder ausführlich? Lieber knapp. Ich habe vor 12 Jahren im spanischen Galizien erlebt, wie sich eine böse Präsenz in meine Nähe bewegte, mich beeinflußte. In meinen Aufzeichnungen nannte ich das damals eine ‘dämonische Kraft’, nicht ohne sofort den Begriff ‘Dämon’ wieder zu relativieren, in dem ich ihn an die Erfahrungen der frühchristlichen Wüstenväter rückkoppelte, die ja ständig von ihren Dämonenkämpfen berichteten. Es kann hilfreich sein, so etwas mit einem Kampfbegriff ‘Dämon’ zu umschreiben, um ein griffiges Feindbild zu haben.
Hat diese Kraft mich beeinträchtigt? Ja, hat sie. Würde ich sagen, ich sei besessen gewesen? Nein, so weit ging es nicht.
Über Exorzismus und Besessenheit reden heißt, sich anzunähern an das Unbegreifbare. Während ich nicht glaube, daß ‘der Böse’ (nach Jörg Müllers Aussagen im Film) selbst oder in Form von Dämonen in Menschen oder Tiere fahren kann (auch wenn das so in der Bibel steht), glaube ich, daß ‘das Böse’ als destruktive Energie (dem Bösen entspringend?) extrem wirkmächtig ist. Was ich in Galizien erlebte, war gegen mich gerichtete negative Energie, ein persönlicher Angriff, der eine konkrete Schwäche und ein konkretes Einfallstor nutzte.
Vor diesem Hintergrund wirken das Gebetsteam oder auch Nature23 wie Laienschauspieler, die eine Posse aufführen und dem Stoff nicht gewachsen sind. Dazu benutzen sie andere Personen, die in ihrem Leben gerade nicht den festesten Stand haben. Das ist der eigentliche Skandal. Wenn die Kundin von Nature23 den Dämonennamen Akapellos schreit, fühle ich mich gleich an Akephalos, Name für kopflose Dämonen, erinnert – das Getue wirkt kopflos, unseriös, gefährlich für die behandelte Person.
Drehen wir die Sache um: Bauer meint, Glaube sei Wirklichkeitskonstruktion. Ja, kann ich zustimmen, wobei ich ihn eher als Mittel zur Kontingenzbewältigung sehe: der Tod wird für Christen vermeintlich leichter, wenn sie an das versprochene nachtodliche Weiterleben im Himmel denken. Ähnlich wie Verschwörungstheorien biete der Glaube einfache Erklärungen: das Böse, der Teufel…
Während die christlichen Kirchen an Einfluß und Bedeutung (in Deutschland) verlieren, boomt der Markt der spirituellen Angebote. Die FAZ meint in ihrem Artikel zur Doku, die Zeit der Aufklärung sei vorbei. Wenn das Gebetsteam im Netz von der “krassen Befreiung” spricht, kommentiert der FAZ-Autor: “Es ist schwer zu entscheiden, ob man es bei diesem Zirkus mit einer Parodie auf die theologische Exorzismus-Praxis zu tun hat oder mit dessen ultimativer Ausweitung in die postfaktische Gegenwart.”
Ich denke, daß Angebot und Nachfrage stimmen. Es ist kein großer Schritt vom persönlichen Arztbesuch über Dr. Google hin zu den alternativ-religiösen Welten mit ihren Heilangeboten. Die Alternativangebote sind nicht erst sei der New-Age-Welle präsent, aber die Breite, die sie erreicht haben, ist verblüffend. Ich muß nur noch über eine Grundausrichtung entscheiden, dann öffnen sich die Türen: Schamanismus liegt mir, also suche ich mir einen Schamanen für eine “Seelenrückholung”. Modernes Hexentum ist mein Ding, dann erbitte ich ein Ritual, in dem ein ‘cone of power’ für mich erschaffen, auf mich zur Heilung projiziert wird. As easy as that.
Muß der Staat Menschen (kranke, haltlose) vor diesen “Heilern” schützen? Er tut es bereits mit den Zulassungsvoraussetzungen für Heilberufe, aber ich denke, das, was ‘Nature23’ und ‘Gebetsteam’ machen, liegt in einer extrem gefährlichen Grauzone.
Wenn neben dem schwachen Bild der katholischen Kirche dann doch ein Bewußtsein dafür entsteht, wo und wie nicht authorisierte “Heilangebote” stattfinden, hat die Doku einen wichtigen Beitrag geleistet.
Wo steht die Schwarze Szene? Ich glaube, da kann man kaum szeneumfassende Aussagen machen, weil wir von (persönlichen) Glaubensvorstellungen reden. Ich kann einen Dämon in mir spüren, Cthulhu-Wesen unterm Bett vermuten, oder einfach auf das Finstere schauen, wie Robert bei Spontis schreibt, “gerade weil man ihm keine Macht über sich zugesteht”. Doch glaube ich, daß die “Durchlässigkeit” in mögliche Geistwelten gerade in der Schwarzen Szene hoch ist, weil ich da bei vielen eine entsprechende Disposition spüre. Der Tod und was (wer?) danach kommt, ist Thema – und wie bei allen Dingen: wenn ich mich damit beschäftige, gewinnt das Thema “Macht” über mich. Es fasziniert, motiviert, verängstigt, überwältigt. Ich meine: auf das Finstere schauen heißt immer auch: eine Hand nach ihm ausstrecken und warten, ob sie ergriffen wird.