Wave Gotik Treffen 2000

Pfingstbote 2000

Trotz meiner Begeisterung für Szene und Musik habe ich das WGT nur in zwei Jahren besucht: 1999 und 2000. Warum? Nun, das Konzept, ein „Treffen“ oder Festival auf eine ganze Stadt auszubreiten, hat mich noch nie begeistert. Das ist mir zuviel Herumfahrerei mit S-Bahn und Bus. Es hat auch so einen exhibitionistischen Beigeschmack, die ganze Stadt „auf Schwarz“ beglücken zu wollen.

Damit will ich die – mittlerweile erfolgreiche – Idee für so eine Veranstaltung nicht abwerten, sondern persönlich sagen: es ist nicht mein Ding.

Nach 2000 haben sich zudem meine Lebensumstände verändert (Familie, Kinder), so daß es ein paar Jahre nicht mehr möglich war, an einer mehrtägigen Veranstaltung teilzunehmen. Heute, ja, da ginge es wieder.

1999 und 2000 war ich mit meinem Freund R. dort. Im Nachhinein fand ich immer, daß das Fiasko des 2000er WGT meine Einstellung zum Gesamtkonzept spiegelte. In Gothic! (von P. Matzke u. T. Seeliger, Schwarzkopf&Schwarzkopf, 2. A./2000) kann man Impressionen verschiedener Personen von diesem WGT und auch ein Interview mit dem künstlerischen Leiter M. Brunner zu den Umständen des Abbruchs lesen.

WGT 2000 Ticket

Man hatte sich schlichtweg übernommen, denke ich, und das Konzept wie Teig ausgerollt und immer breiter gemacht: mehr Locations, mehr Bands, ein Mehr von allem, wozu man ca. 30000 Dauerkarten hätte verkaufen müssen – es waren ca. 18000 (lt. Angabe Brunners aaO., was mich aber wundert, da meine Kartennummer >20000 ist, s. rechts). Weitere Berichte und Band-Rückmeldungen finden sich auch beim Amboss-Mag.

Wir waren am Freitagmorgen bei Hitze und Anreise-Rückstau angekommen, hatten unser Zelt auf dem Agra-Gelände aufgebaut und konnten ohne allzulanges Warten die Bändchen holen. Viele haben sich über lange Wartezeiten, unfreundliche Security und andere Mißstände hier bereits beschwert.
Wir genossen dann einen genialen Abend mit Eröffnungsshow und guten Auftritten von u.a. Catastrophe Ballet, Nightwish, Covenant und Lacrimosa (die Rechtschreibprüfung schlägt mir gerade „lachsrosa“ vor, was manchen Thilo-Kritikern die Lachtränen in die Augen treiben würde).

Am Samstag wurden erst die Shopping-Hallen durchstöbert, dann waren wir auf der Parkbühne, weil wir wissen wollten, wie die Kontroverse um Von Thronstahl weitergehen würde. JK hatte Auftrittsverbot, überraschte dann das Publikum, indem die Band mit Flaggen und Spaten unbeweglich auf der Bühne stand, während die Musik von CD gespielt wurde.
Am Abend waren wir im Heidnischen Dorf und hörten dort schon Gerüchte, And One und Phillip Boa wären am Völkerschlachtdenkmal nicht aufgetreten, weil es keine Gage gab. (Das stimmte, m.W. war Wolfsheim der letzte Act dort.)
In der Nacht gewitterte es mächtig über unserer kleinen „Hundehütte“.

Sonntagmorgen fand die Pressekonferenz mit dem Anwalt der Veranstalter statt, der die Zahlungsunfähigkeit erklärte. Es wurde erklärt, daß man eine „Rumpfveranstaltung“ auf dem Agra-Gelände und in Halle 16 über das Wochenende aufrechterhalten wolle. Der verkündete Insolvenzantrag hingegen ist nicht gestellt worden, s. dazu das Interview mit M. W. Brunner, aaO.

Als wir unser Zelt verließen, spürten wir, daß etwas anders war: keine Einlaßkontrollen, keine Security, viele Gerüchte, ein Durcheinander, nicht beseitigter Müll, Abbau von Bühnen, Toiletten und Geräten. Wir ließen uns treiben, blieben aber auf dem Agra-Gelände. Es wurden Helferlisten erstellt – Besucher wurden zu Mitwirkenden. Mehrere Berichte sprechen speziell davon, daß Das ICH sowie Thomas von L’Âme Immortelle tragende Rollen bei der Durchführung dieser Notorganisation hatten.

Bald hing ein erstes Line-Up für den Sonntagabend aus – alles Bands, wie wir hörten, die ohne Gage spielen würden. Diesem Line-Up folgten abgeänderte, weil Bands sich entscheiden mußten, ob sie wirklich spielen oder nicht. Es sollen letztlich um die 15 Bands übriggeblieben sein, andere waren schnell wieder abgereist. In Halle 16 spielten Velvet Acid Christ, Dive, Welle:Erdball, S.P.O.C.K. Auf dem Agra-Gelände? Ich habe das selbst nicht mehr so genau in Erinnerung, vor allem weil manche Bands nur kurz spielten oder gleich mehrmals hintereinander. Ich weiß aber noch, daß die Bühne sehr spartanisch war – kaum Lightshow, Deko, Effekte. Auf powermetal.de kann man lesen:

„Groß anrechnen muss man es den Bands Projekt X, Velvet Acid Christ, Cyborg Attack, Heyaeb, Loom, Welle Erdball, S.P.O.C.K, Apoptygma Berzerk, Untoten, Spirit of Silence, Scream Silence, Tanzwut, Das Ich, L\’Àme Imortelle, Garden Of Delight, Die Schinder, Dreadful Shadows, Burden Of Grief, Flowing Tears, Disbelief, Night in Gales, Anathema, Pierrepoint, London hat mehr Bass, Newvember, Institut, Solitary Experiments, Templegarden`s, MS Gentur, Morgenstern, Deutsch Nepal, die für ihre Fans trotz aller Aufregung und der organisatorischen Pleite des Wochenendes trotzdem noch am Sonntag aufgetreten sind.“

Bands wie Tenhi und Scivias, die auf der Parkbühne auftreten sollten, taten das im Heidnischen Dorf. Auch am Sonntagnachmittag wieder Gewitter – das paßte irgendwie zu der ganzen Stimmung vor Ort.

R. und ich sind am Montagmorgen abgereist. In der Moritzbastei soll es am Abend noch eine Abschiedsveranstaltung gegeben haben. Andere Berichte sprechen aber davon, daß das Festival am Montag vorbei war, und speziell in der Moritzbastei nichts mehr stattfand. Das konnte ich für diesen Artikel nicht klären.

Der schwarze Kanal hat ein dreißigminütiges Video zum WGT 2000. Bericht von 2000 auch bei Spontis.

Dem diesjährigen 30. WGT wünsche ich auf jeden Fall einen großen Erfolg.

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