No peace of mind for me

Düsseldorf am Wochenende. Ich sitze im Zug mit meiner Frau und einer Gruppe von Freunden, um zu einer bunten Schlagerveranstaltung auf einem Rheinschiff zu fahren. *hust*
Ja, manchmal muß man in einer Ehe Kompromisse eingehen, zumal dieser Freundeskreis meiner Frau „unsere Musik“ nicht teilt – sagen wir, „den Graf“ kennen alle.

Von 1995 bis 2000 habe ich in Düsseldorf gewohnt, in Oberbilk hinterm Bahnhof neben den Rotlicht-Etablissements. Ich werde in meiner geplanten Artikelreihe „Persönliche Musikgeschichte“ auf die Zeit kurz eingehen, weil sie für mich eine Intensivierung in Sachen „schwarz“ brachte.

Wer kennt noch das Usenet? Damals gab es die Gruppe de.soc.subkultur.gothic, in der ich als „rush–>“ schrieb. Aus dem Kopf heraus waren da Menschen wie NickKnight, Uwe, eSpunkt, Danny, Elli, Marcel, Başar, Jörg und die schöne „Hexe“ – und natürlich viele andere. Die FAQ zur Gruppe sind noch online. Sie wurde später wohl als Google Group neu gegründet, aber da finden sich fast nur noch Postings wie „Sklave sucht totale Versklavung“ 🙄.

Am 19.6.99 hatten wir ein Treffen in Düsseldorf, ein Pärchen aus Schwaben pennte bei mir. Am Abend dann Lagern am Rhein mit Rotwein, Grillen und guter Musik. Leider habe ich davon keine Fotos mehr.

Ich stehe auf dem Schiff, Gehörschutz drin, typischer deutscher Schlager läuft. Die Menschen zum Teil in so einer Art 70er-Jahre Verkleidung, ich schwarz. Schaue rüber zum Ufer, wo wir damals saßen. Schon auf dem Hinweg hatte uns damals eine größere Gruppe junger Migranten dumm angemacht. Nachts um 1 waren sie zurück und überfielen uns am Ufer. Ich wurde zusammengeschlagen, verlor meine Brille knapp neben einem scharfkantigem Grenzstein. Ich glaube, für diese Menschen waren wir die „typischen Satanisten“ oder so. Es ist nichts größeres passiert, ich habe den Vorfall nicht vergessen, aber er dominiert meine Erinnerung nicht, ist nicht zu einem Trauma geworden. Dennoch: hier in Düsseldorf zu sein macht mich sentimental. Eine Beziehung ist damals in die Brüche gegangen, machte aber den Weg frei für meine jetzige Frau. Von Düsseldorf aus bin ich ins Zwischenfall gefahren.

Ich schaue mich um, die Menschen feiern ausgelassen. „Layla“ habe „Hausverbot“, hat der DJ gleich zu Anfang gesagt. Aber „Joana“, die „geile Sau“, darf mitgegröhlt werden. Ebenso die Suizid-Hymne der Toten Hosen. Und „alles, was auf dem Schiff passiert, bleibt auf dem Schiff“, meint der DJ süffisant.
Immer wieder versuchen kleine Gruppen, „Layla“ a cappella zu avancieren, aber die Mehrheit traut sich nicht, einzustimmen. Am Ufer kleine Lagerfeuer; wie gerne würde ich da jetzt sitzen und auf den Fluß schauen. Rheingolds „Fluß“ kommt mir in den Sinn: „Töne fließen wie ein Strom den Fluß hinauf, Ströme steuern diesen neuen Tonverlauf.“

Eine Frau kommt zu mir und macht mir ein Kompliment zu meinem „Stil“ (ich glaube, sie meinte den langen Bart in Verbindung mit der Docker Cap und der Farbe schwarz); zu einem Gespräch kommt es nicht.

Am Vorwochenende das Amphi, jetzt eine Schlagerparty. Sind das hier so ganz andere Menschen? Messe ich Menschen an den Lyrics der Lieder, die sie hören? Es fällt auf: bei den Schlagern treffen sich Mitsing-Melodien und oft sentimentale Texte, alles eher anspruchslos. Es sind meist deutschsprachige Lieder, die die Feiernden laut mitgröhlen. Am ehesten würde ich wieder sagen: es ist dieser besondere (schwarze) Blick auf die Welt, den „unsere“ Musik transportiert. „There’s no peace of mind for me“, singen Aesthetic Perfection, ja, davon handeln so viele Lieder aus dem Bereich Gothic. Ich muß lachen: Soll ich dem DJ mal schnell „Beischlaf mit 60kg Hackfleisch“ von Cancer Barrack als die neue Größe am Schlagerhimmel unterjubeln? 🤣
„Wir“ gehen anders durch die Welt, nachdenklicher, facettenreicher, auch das Dunkle sehend, auskostend. Das spiegelt „unsere“ Musik. Die Party People auf diesem Schiff sind völlig andere Menschen als ich – mit ganz anderem mind set.

Und dennoch freue ich mich für die Masse der Feiernden, daß sie einen für sich gelungenen Abend ohne Masken und Abstand genießen dürfen. Jedem Tierchen sein Plaisirchen, wie meine Oma immer sagte.

2 Gedanken zu „No peace of mind for me“

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