Stim­men aus der Schwar­zen Sze­ne (Buch)

Ama­lia Zeich­ne­rin hat Inter­views mit Per­so­nen geführt, die sich der Schwar­zen Sze­ne zuge­hö­rig füh­len. Die ent­stan­de­nen Tex­te hat sie kosten­frei als EPUB und PDF ver­öf­fent­licht, hier her­un­ter­lad­bar.

Mein Ein­druck von den Inter­view­part­nern: Zwar decken sie mit der Dau­er ihrer Sze­ne­zu­ge­hö­rig­keit ein gro­ßes Spek­trum ab – ein Monat (!) bis 80er-Jah­re-Kon­text, aber sie emp­fin­den und urtei­len doch auf­fal­lend ähn­lich. Wie­so?

Bei­spiel: der Begriff des Gate­kee­ping. Der kommt gefühlt in jedem zwei­ten Inter­view vor, also in dem Sin­ne, daß Per­so­nen, die Zuge­hö­rig­keits­be­din­gun­gen defi­nie­ren und über­wa­chen, Gate­kee­per, als nega­tiv ange­se­hen wer­den. Ich emp­fin­de „Gate­kee­per“ nicht als einen übli­chen, weit ver­brei­te­ten und stän­dig gebrauch­ten Begriff. Von daher hat­te ich unwill­kür­lich den Ein­druck, daß die Befrag­ten aus einer recht homo­ge­nen Grup­pe stam­men, die gemein­sam zuvor einen Vor­trag gehört oder eine Dis­kus­si­on geführt hat, in dem/der es um Gate­kee­ping und ande­re „Pro­ble­me“ der Sze­ne ging. Oder man könn­te eine ört­li­che Bal­lung ver­mu­ten: auf­fäl­lig vie­le Per­so­nen kom­men aus dem nord­deut­schen Raum bzw. erwäh­nen den Nyc­to­p­hi­lia-Shop in Ham­burg; die her­aus­ge­ben­de Per­son kommt auch aus Ham­burg und bewirbt Nyc­to­p­hi­lia (den ‘Gruf­ti-Treff’) in einem Bei­trag auf ihrer Sei­te.
Ähn­lich ist es mit dem Begriff „Baby Bats“ für den in Mas­sen aus­blei­ben­den Nach­wuchs der Sze­ne. Der ist nicht so spe­zi­ell wie Gate­kee­per, aber auch kei­ne Voka­bel, die stän­dig gebraucht wird – außer von jeder zwei­ten Per­son im Buch.

Wenn man nun bedenkt, daß die Inter­view­part­ner selb­stän­dig agie­ren, d.h. die Fra­gen laden, beant­wor­ten, ein­sen­den konn­ten, dann könn­te man davon aus­ge­hen, daß ein Per­so­nen-Spek­trum erreicht wur­de, das a) die Wer­bung für das Pro­jekt an einem kon­kre­ten Ort wahr­ge­nom­men hat, und b) ger­ne über sich spricht. Soll auch hei­ßen: Per­so­nen aus, wie die her­aus­ge­ben­de Per­son schreibt, „mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen“, die sich mit ihrer Iden­ti­tät inten­si­ver als man­che ande­ren Leu­te befas­sen, könn­ten eher moti­viert sein, Aus­kunft zu sich zu geben. Nicht falsch ver­ste­hen: ich will das Pro­jekt nicht pau­schal kri­ti­sie­ren, ver­su­che aber doch her­aus­zu­fin­den, woher die­se auf­fäl­li­ge Gleich­heit in den Aus­sa­gen, mit­hin eine Uni­for­mi­tät der Befrag­ten kommt – da gehen bei mir unbe­wußt Warn­lich­ter an.

Posi­tiv fand ich die vie­len ver­schie­de­nen Kon­zep­te von Sze­ne, span­nend die Wege hin­ein, die Reak­tio­nen des Umfel­des, auch die Musik, die man so hört. Ins­ge­samt ein kurz­wei­li­ges Lese­ver­gnü­gen für gut 2 Stun­den.

Etwas über­re­prä­sen­tiert schei­nen auch que­e­re Per­so­nen zu sein, die sich zum Teil beschwe­ren, daß es doch noch nicht so weit mit der Tole­ranz in der Sze­ne sei. Ande­re füh­len sich in ihrem So-Sein völ­lig auf­ge­ho­ben in der Sze­ne – ver­mut­lich hängt es vom Umfeld ab, in das man hin­ein­fin­det. Schmun­zeln muß­te ich bei der Per­son, die mein­te: sie sei in der Sze­ne „in Ruhe gelas­sen wor­den“, das habe ihr am besten gefal­len. Ja, da füh­le ich ähn­lich: nichts bewei­sen müs­sen, sein dür­fen, wie ich bin. Oder auch das State­ment: Goth sei “das Aus­lo­ten der Dun­kel­heit” – sehr schön.
Span­nend fin­de ich, wenn eine Per­son ihre Pro­no­men als „they/sie“ defi­niert, das Inter­view aber kom­plett in der Ich-Form führt.

Poli­tisch ist die Mehr­heit der Befrag­ten links ver­or­tet bzw. sieht ein gro­ßes Pro­blem bei einer „rech­ten Unter­wan­de­rung“ der Sze­ne. Eine Per­son ver­steigt sich zu der Aus­sa­ge, wer unpo­li­tisch sein möch­te, sei tat­säch­lich rechts – das ist schon eine Art Kampf-Re-Framing. Ich sehe nir­gend­wo eine auch nur begin­nen­de, bewuß­te, rech­te Unter­wan­de­rung der Sze­ne, was ich im Sin­ne von Umdeu­tung von Wer­ten hin zur Neu­aus­rich­tung der gan­zen Sze­ne ver­ste­he, habe ich schon öfter geschrie­ben, ins­be­son­de­re wo Neo­folk so gut wie aus­ge­stor­ben oder mit Rome salon­fä­hig gewor­den ist.

[Neben­be­mer­kung: Die Gesell­schaft ist gespal­ten. Auf der einen Sei­te domi­niert mas­siv, auch im media­len Echo, ein lin­ker Zeit­geist, auf der ande­ren Sei­te lie­gen die Umfra­ge­wer­te der AfD bei 25%, 1% hin­ter der CDU und damit weit vor allen klas­sisch lin­ken Par­tei­en. Da ent­steht Unver­ständ­nis im lin­ken Spek­trum: so lan­ge war man sich sicher, links ist das “new nor­mal”, aber nun domi­nie­ren Men­schen die Sta­ti­stik, die sich eine ande­re Poli­tik wün­schen. Ich ver­mu­te, daß eini­ge der Inter­view-Part­ner die­se gesell­schaft­li­che Spal­tung gene­ra­li­siert auf die Sze­ne pro­ji­zie­ren und Gei­ster sehen, wo es kei­ne gibt.]

Trotz­dem: ich habe das Büch­lein gern gele­sen, habe mich in man­chen Aus­sa­gen wie­der­erkannt, mich dann auch selbst gefragt: was waren denn dei­ne schön­sten Momen­te in der Sze­ne?

Ok, die beschrei­be ich hier noch:

  1. WGT 1999, Agra-Zelt­ge­län­de. Unse­re Nach­barn hat­ten ein gro­ßes Pen­ta­gramm aus Tee­lich­tern auf eine der Asphalt­stra­ßen gebaut; wir tanz­ten quer durch das Pen­ta­gramm hin­durch. Dann ging der fast vol­le Mond tief-oran­ge­rot zwi­schen den Bäu­men auf, wo zudem noch eine Nach­ti­gall sang. Das war schon ein ziem­li­cher OP-Moment. Mein Gefühl: Ange­kom­men­sein im Leben, der Lebens­en­er­gie-Schie­ber mal auf 98%, statt nur auf 43.
  2. Zil­lo Festi­val 1999, Hil­des­heim. Mit einem ande­ren Mann aus der DSSG-News­group tanz­te ich hin­ten im Han­gar „bewaff­net“ mit geöff­ne­ten Regen­schir­men zu Mesh. Eine aus­ge­las­se­ne Stim­mung, ein Ein­tau­chen und Ankom­men – und viel Spaß und selt­sa­me Blicke der Umste­hen­den.

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