Man kann sagen: Vampire altern nicht, aber sie verändern ihr Gesicht – zumindest auf der Kino-Leinwand. Seit Murnaus Nosferatu ist die Gestalt des (Film-) Vampirs zu einem Abbild menschlicher Ängste und vielleicht auch Sehnsüchte geworden. Mal war er die personifizierte Pest, mal der elegante Verführer, mal der eher melancholische Outsider.
In meiner Liste, einer Minimal-Auswahl aus den über 500 Filmen, in denen Dracula laut Guinness-Buch der Rekorde (2015) vorkommt, will ich die Werke hervorheben, die mir als die Meilensteine erscheinen. Der Vampir im Film – vom expressionistischen Schatten zur modernen Düsternis heute.
1922 – Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens
von Friedrich Wilhelm Murnau mit Max Schreck als Graf Orlok / Nosferatu. Murnau setzte mit seinem expressionistischen Werk den Standard, an dem andere sich abarbeiteten. Ebenso zeigt der Stummfilm die heute zum Mythos dazugehörenden Elemente wie Pfählung der Vampire und deren Tod im Sonnenlicht. Sollte man nicht nur aus historischen Gründen gesehen haben. Ich bin bei der Besprechung des 2024er Films auch auf die Vorlage eingegangen.
1931 – Dracula
Der Film mit Bela Lugosi in der Hauptrolle vom Regisseur mit dem programmatischen Namen ‘Tod Browning’ setzte den visuellen Dracula-Standard mit Cape, zurückgekämmtem Haar – hier entstand der Vampir der Popkultur. Der Film gilt als erste mit offizieller Zustimmung der Stoker-Erben gedrehte Verfilmung, in der vor allem die Lichtstimmung und das ausdrucksstarke Gesicht Lugosis dominieren.
1958 – Dracula
von Terence Fisher mit Christopher Lee als Dracula – ein klassischer Hammer-Film. Ich bin mit den etlichen Iterationen des Hammer-Draculas in den 1970ern, frühen 80ern aufgewachsen (“Dracula und seine Bräute” *hust*, “Dracula jagt Minimädchen” *argl*) Doch dieser erste Film ist für mich der eigentliche persönliche Klassiker – und ja, ich war ein großer Fan von Lee. Ich mag die bieder, aber doch liebevoll ausgestalteten Sets, und das steife 50er-Jahre-Flair. Tip: Die Blutspendeaktion vom Ende eher nicht nachmachen… Und: vielleicht ist Cushing hier meine Lieblingsversion von ‘van Helsing’.
1979 – Nosferatu: Phantom der Nacht
von Klaus Herzog mit Klaus Kinski als Nosferatu – 57 Jahre nach Murnau, 45 Jahre vor Eggers, aber kein reines Interims-Werk. Herzog klebt an der Vorlage – auch hier ist die Londoner Geschichte nach “Wismar” verlegt, aber auch in Farbe zu sehen. Es ist ein erdiger Film, vor allem im ersten Drittel, aber auch ein dekadenter, schwermütiger, mit Passagen aus Wagners Rheingold unterlegt. Ich habe Kinski immer geliebt, seit ich als 14-Jähriger aus seiner (ersten) Autobiographie “Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund” gelernt hatte, wie die Erwachsenenwelt jenseits meines Elternhauses aussehen könnte.
Kinski ist die Brücke von Murnau zu Eggers – nicht der stärkste Film dieser Liste, aber doch Bindeglied. Und er beinhaltet die schwächste van-Helsing-Darstellung…
1992 – Bram Stoker’s Dracula
von Francis Ford-Coppola mit Gary Oldman als Graf Dracula. Coppola hat aus dem Stoff ein opulentes Epos geschaffen, das mit visuellen Effekten nicht geizt und den Geschmack der frühen 90er sehr getroffen hat. Er ist der bunteste, effekt-überzogenste Film dieser Liste, zudem der, bei dem der Carmilla-Einfluß (Sheridan Le Fanu) auf Stokers Werk am deutlichsten in den erotischen Anspielungen zwischen den Figuren Lucy und Mina zu sehen ist. Andererseits stammt die Idee eines romantischen Draculas, der einer verlorenen Liebe nachjagt, von einer intensiven, unterschätzten Interpretation des Themas: dem 1974er Dracula mit Jack Palance.
1994 – Interview mit einem Vampir
von Neil Jordan in der klassischen Besetzung aus Brad Pitt und Tom Cruise (von der Autorin Rice als Schauspieler kritisiert) – zwei Vampire, die einen Konflikt auch zu moralischen Aspekten des Vampir-Seins über das Mädchen Claudia austragen, das sie als Vampirin begleitet, was auch der Übergang zum folgenden Listeneintrag ist. Vieles ist an diesem Film anders: der Fokus auf Louisiana (‘Southern Gothic’), oder auch daß Vampire ein Spiegelbild haben und von Kreuzen nicht beeindruckt werden. Als moderner Klassiker mußte er in die Liste, auch wenn er für mich vermutlich der Film in ihr ist, den ich am wenigsten mag. (Ja, das hat auch damit zu tun, daß ich im Grunde Cruise-Filme boykottiere.)
2008 – Let the right one in (Original, nicht US-Remake)
von Tomas Alfredson als Verfilmung des Romans “Låt den rätte komma in” von J.A. Linqvist. Ich liebe den düster-melancholischen Roman und diese schwedische Filmumsetzung. Beide – wie auch das schlechtere US-Remake – habe ich intensiv auf dieser Seite vorgestellt: ein Junge in einer Trabantenstadt freundet sich mit einem Vampirkind an…
2024 – Nosferatu – Der Untote
mit dieser Neuinszenierung von Robert Eggers (mit Bill Skarsgård als Nosferatu) schließen sich gut 100 Jahre “Vampir im Film”. Ich habe den Film hier ausführlich besprochen.
P.S.
Ich hoffe, niemand hat “Twilight” in der Liste erwartet, daran habe ich mich hier schon abgearbeitet.
1987 – zwei Filme könnten genannt werden, aber ich habe sie doch weggelassen: beides moderne Darstellungen von Vampiren: Joel Schumachers The Lost Boys und Kathryn Bigelows Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis. Habe mich gegen diese 80er Vibes entschieden und schlage vor: lies Poppy Z. Brites “Lost Souls”.
Nebenbei, das oben nur als Deko abgebildete Buch befaßt sich in französischer Sprache sehr intensiv mit dem Phänomen ‘Vampire’.