M’era Luna 2025 – Sonn­tag & Fazit

Nach einer erneut ruhi­gen Nacht hat­ten wir am Mor­gen ein schö­nes Gespräch mit einem Paar aus der nord­deut­schen Sze­ne, durch die wir eini­ge Ein­blicke in “Sze­ne-Tratsch” beka­men, so was Mono Inc. angeht oder Tep­pich­ver­käu­fer und Innen­aus­stat­ter. Die bei­den ver­teil­ten Fly­er für eine fin­ni­sche Band, zu der ich hier bald einen eige­nen Arti­kel schrei­ben wer­de. Sehr schö­nes Gespräch, dan­ke M. und G.

Cop­pe­li­us woll­te ich unbe­ding­te zum zwei­ten Mal sehen. Ver­gleicht man ihre Beherr­schung der klas­si­schen Instru­men­te in Ver­bin­dung mit eige­ner Musik und tol­ler Show, dann muß man schon sagen, daß Apo­ca­lyp­ti­ca eher nach hin­ten run­ter­fal­len. C. waren toll – das ist eben auch ein Teil “schwar­zer Musik”. Ich moch­te spe­zi­ell das Lied “Ope­ra­ti­on”, wo der im Grun­de töd­lich ver­wun­de­te Duel­list zum “halb­stu­dier­ten Arzt” kommt…

Schnell rüber zur Club Stage für einen eben­so guten Auf­tritt von Torul. Die Slo­we­nen spie­len eine sehr inter­es­san­te Mischung aus Wave und Syn­th­pop. Sehr gut der Song “We don’t care”, des­sen lyrics ich mir ein­mal genau anschau­en muß.

Zwi­schen­stop Mit­tel­al­ter­markt, denn da gibt es gutes Essen; wir schau­fel­ten uns Spätz­le in pral­ler Son­ne rein. Kurz an den Stän­den vor­bei­fla­niert, aber was ich such­te, fand ich nicht. Dann zurück zu Cor­vus Corax, die ich frü­her sehr inten­siv gehört habe. Auch so eine Band, die jetzt im Trend der Zeit lie­gend ganz viel nor­di­sche The­men in den Songs und auch bei Klei­dung und Büh­nen­bild umsetzt – Vikings sei dank. Mit einer der “dämo­ni­schen Gestal­ten” auf der Büh­ne hat­te Cor­ri-May am Vor­abend schon Bekannt­schaft gemacht…

Cor­ri-May woll­te im Anschluß unbe­dingt die “Bläck Fööss öp schwatz” sehen (Ver­sen­gold). Ich schrei­be dazu nichts.

Lacu­na Coil haben wir sit­zend so irgend­wie im Zen­trum des Infields erlebt. Bei die­ser ita­lie­ni­schen Band mei­ne ich immer, sie haben (noch) kei­nen eige­nen Stil gefun­den: oft höre ich sowas wie Within Temp­t­ati­on raus, dann wie­der här­te­ren Metal. (Was im Grun­de Unfug ist, da die Band seit gut 30 Jah­ren besteht und dies eben ihre eige­ner Stil ist.)
Aber: ich sehe und höre sie immer wie­der gern, auch wenn keins ihrer Lie­der in eine Play­list bei mir rutscht.

Für Blut­engel gin­gen wir ganz nach vor­ne. Ich mag Chris Pohl in sei­ner Art und wie er das Pro­jekt auf­zieht. Gera­de die Tän­ze­rin­nen bzw. Teu­fe­lin-/Non­nen-Per­for­me­rin­nen tra­gen zum Gesamt­kon­zept bei. Ok, biß­chen ner­vig die­ses zum Key­boar­der hin stän­dig wie­der­hol­te “Wir haben nur wenig Zeit, laß uns wei­ter­ma­chen.” Blut­engel ste­hen für mich für das Gen­re Dark Pop, das ich doch ab und an ger­ne höre, ins­be­son­de­re bestimm­te, hym­ni­sche Songs (wie das lei­der nicht gespiel­te “The War bet­ween us”).

R. und L. kamen dazu, wir gin­gen noch etwas  vor, um Sub­way to Sal­ly zu erle­ben. Mit mehr­fa­chem Bezug zu der Win­ter-Tour “Eis­hei­li­ge Näch­te” (mit ver­schie­de­nen ande­ren Künst­lern), spiel­te man das 20 Jah­re alte Album “Nord Nord Ost” kom­plett, dar­auf so schö­ne Titel wie “Sie­ben” oder “Eis­blu­men”.
Es gab eine Zeit, da war ich kom­plett in StS ver­narrt, aber heu­te ist das vor­bei. Man ent­wickelt sich wei­ter, der Musik­ge­schmack wan­delt sich. Doch eben­so: Wenn ich heu­te auf die alten Alben wie “Bann­kreis” oder “Foppt den Dämon” zurück­schaue, ist das ande­re Musik als die moder­ne.

Weder an And One noch an DE/Vision inter­es­siert, gin­gen wir für ein kal­tes Bier und ein paar Chips zum Wagen zurück.

Wen habe ich ver­paßt? Faun, die hät­te ich mir ger­ne noch ein­mal ange­se­hen, dann auch Rot­er­sand, Fader­head, In Strict Con­fi­dence. Wie war das mit den zwei Hoch­zei­ten?


Fazit: War­um macht der Ver­an­stal­ter groß auf “25. Jubi­lä­um” bzw. stellt immer die 25 raus, wenn es mei­ner Zäh­lung nach das 24. Festi­val war? [2000 bis 2019 20 Festi­vals, 20 und 21 aus­ge­fal­len, 22–25 +4]
Das hat mit viel­leicht mit Kom­merz zu tun, – und das ML ist kom­plett kom­mer­zi­ell durch­struk­tu­riert – jetzt auch mit “VIPCave”-Container. Natür­lich spie­len da immer die (fast) glei­chen Bands – oder, sagen wir, Bands aus einem bestimm­ten Pool. Auf Insta frag­te jemand, war­um nicht mehr que­e­re oder non-binä­re Künst­ler enga­giert wer­den. Na ja, weil die weni­ge Leu­te ken­nen, und das Geld am Ende stim­men muß. Des­halb macht man aus dem 24. ML das 25. Jubi­lä­ums­jahr, was kalen­da­risch stimmt. Doch ich will nicht mosern: Ich war bei den ersten 5 oder 6 ML dabei, für mich ist das schon eine home­co­ming expe­ri­ence, wenn ich das Flug­feld sehe. Ich bin ger­ne dort, aber die Stim­mung hat sich ver­än­dert.

Der Kom­men­ta­tor auf Insta­gram, der mein­te, die Camps (WoMo-Bereich) wür­den “immer rie­si­ger und drei­ster”, hat da einen Punkt. Ich dach­te, in der Sze­ne ist das Bade­tuch-auf-Lie­ge-Syn­drom als spie­ßig ver­pönt, aber nein, man reser­viert Plät­ze für Leu­te, die spät am Frei­tag ankom­men, wäh­rend ande­re mit lan­gem Gespann Run­den dre­hen und als Bitt­stel­ler auf­tre­ten müs­sen: “Ist da noch was frei?” “Nein, da kom­men noch Freun­de von uns.” Und die­se Freun­de kom­men dann gern auch mit Zelt auf den WoMo-Bereich. Aber: wo gelang­weil­te Ord­ner kei­nen Bock oder kei­ne Anwei­sung haben, etwas zu unter­bin­den, da läuft es dann so. (Und es gab auf Insta auch wie­der Kla­gen, daß Ord­ner sich über das Aus­se­hen von Besu­chern lustig mach­ten.)

Bzgl. der Dixie-Klos gab es mas­si­ve Beschwer­den schon Frei­tag – es fehl­ten “gefühlt” zu vie­le. ML-Orga sag­te: nö, glei­che Anzahl wie letz­tes Jahr, aber wir bes­sern nach. Mein Ein­druck war auch: weni­ger als 2023. Und Cor­ri-May sagt, die Dixies im Infield waren gegen Abend siffig und voll – und wur­den ggf. nicht abgesaugt/gesäubert.

Was die Atmo­sphä­re angeht, auch die Fra­ge, ob das ML ein Festi­val der “Schwar­zen Sze­ne” ist, bin ich ambi­va­lent. Ich fan­ge mal mit einer Fra­ge an uns aus einem Gespräch beim Stel­la-Nomi­ne-Festi­val am dar­auf­fol­gen­den Wochen­en­de an: “Was, ihr fahrt noch zum M’era Luna?!” Kurz erklärt, wie­so. Ant­wort: “Da ist uns zuviel Bunt­volk.” Spä­ter wur­de noch der Begriff der “Gothic-Tou­ri­sten” erwähnt, also Leu­te, die sich für Festi­vals ver­klei­den. S. erzähl­te wei­ter, er sei auf dem Zelt­ge­län­de des ML im letz­ten Jahr auf eine Grup­pe zuge­gan­gen, die non­stop Schla­ger spiel­te – von Grie­chi­scher Wein bis San­ta Maria. Er frag­te, ob man denn auch auf “Bal­ler­mann-Feten” gin­ge, was bejaht wur­de. Fast hät­te er sich für sei­ne Kri­tik Schlä­ge ein­ge­fan­gen, die Stim­mung wur­de gereizt. S.s Fazit: “So ein Festi­val mit so Leu­ten brauch ich nicht.”

Schaut man in die Insta-Kom­men­ta­re, da fin­det man so Aus­sa­gen wie “immer mehr Fasching” oder das Festi­val sei etwas für “Main­stream LAR­Per”. Mir ist auf­ge­fal­len, daß Hör­ner aktu­ell immens “in” sind, also so “Teu­fels­hör­ner” zum Aufstecken/Ankleben.

Ande­res Bei­spiel: Beim ML sieht man unglaub­lich vie­le Regen­bo­gen in jeder Ver­wen­dungs­art: auf­ge­malt, als Patch oder Pin, als Fah­ne oder Klei­dungs­stück – bis hin zu den Regen­bo­gen­pe­rücken der Tän­zer beim Sub­way-to-Sal­ly-Auf­tritt. Beim Stel­la Nomi­ne, eine Woche spä­ter, habe ich bewußt kei­nen ein­zi­gen Regen­bo­gen wahr­ge­nom­men. Heißt das, die SN-Besu­cher sind into­le­ran­te, anti-woke Schwarz­lin­ge? Nein, mit Sicher­heit – wir haben direkt neben einer Anti­fa-Abord­nung gecampt – sind die SN-Besu­cher genau­so offen, tole­rant, inklu­siv wie vie­le ML-Besu­cher, aber man muß es dort offen­bar nicht mit beson­de­rer Beto­nung nach außen trans­por­tie­ren, weil… Ja, war­um eigent­lich? Ver­mut­lich weil die Schwar­ze Sze­ne schon immer tole­rant war, jeder sein Wesen oder sei­nen kink aus­le­ben konn­te: frü­her z.B. zu Homo-/Bi­se­xua­li­täts‑, Fetisch- und BDSM-The­men, heu­te eben zum The­ma LGBT­QIA+. Anders: man zeig­te sich, so wie man war, aber man muß­te nicht noch ein Eti­kett (Regen­bo­gen) tra­gen, um zu zei­gen, daß man TAT­SÄCH­LICH  so war, wie man denn war. Von die­ser Auf­fas­sung ist viel­leicht mehr bei den SN-Besu­chern übrig­ge­blie­ben.

Ist nun das ML als sol­ches ein Festi­val “aus der schwar­zen Sze­ne – für die schwar­ze Sze­ne”, wie J. Roh­de von FKP Skor­pio meint?

Ich kom­me eher zum Schluß: das ML ist so etwas wie ein “Alter­na­ti­ve Cul­tu­re Fest” mit Antei­len von Fan­ta­sy- bzw. Sci­Fi-Con. In die­sem Sin­ne emp­fin­de ich die Schwar­ze Sze­ne als eine (gro­ße) Teil­men­ge der Festi­val-Besu­cher, sagen wir 60%. Dann wür­de ich 10–15% Mit­tel­al­ter und VIKINGS! hin­zu­zäh­len. Der Rest, immer­hin 25–30%, sind dann alle ande­ren in ihren Fre­men- oder Ava­tar-Kostü­men, den rosa Jackets, Neon-Dre­ad­locks oder ander­wei­tig bun­ten Kla­mot­ten. Nicht falsch ver­ste­hen! Ich habe nichts gegen die­se Leu­te an sich oder auf dem ML, aber ich benen­ne, wel­chen Ein­druck ich vom gesam­ten Event habe. Denn ich muß ent­schei­den, ob ich näch­stes Jahr wie­der­kom­me.

Über­haupt, der mas­si­ve Ein­fluß nor­di­scher Mythen, Reli­gi­on und (v.a.) Wikin­ger-Kul­tur ist m.E. so hoch wie nie. Wie oft höre ich in Song­tex­ten Rag­na­r­ök, Odin, Val­hal­la, Geri & Fre­ki usw.! Inter­es­sant dabei ist, dass es offen­bar nicht um geleb­te heid­ni­sche Reli­gi­on geht, denn die bei­den deut­schen Ver­ei­ne für ger­ma­ni­sches Hei­den­tum düm­peln vor sich hin. Auch beim Stil sind vie­le Leu­te eklek­tisch: zum Kör­per vol­ler Nor­se-the­med Tat­toos gehen auch die schon erwähn­ten, ange­kleb­ten Teu­fels­hör­ner. Alles sehr span­nend.

Wenn ich sage, daß ich mich doch wohl­ge­fühlt habe, dann bin ich schon etwas zwie­ge­spal­ten. Ich lie­be die Loca­ti­on, mag die Stim­mung nachts auf der Start-Lan­de­bahn. Aber manch­mal den­ke ich, daß mir das ML eben tat­säch­lich zu bunt wird. Und ich mer­ke, daß ich die­sen Begriff vom “Main­stream LAR­Per” immer im Kopf habe, manch­mal inner­lich schmun­zelnd, öfter genervt.

2026 – zum 25. ML (JUBI­LÄ­UM!) – wer­den wir doch wie­der dabei sein. Es wird nie mehr so wie 2000, 2001 oder 2002 sein, aber auch ich bin nicht mehr 25 Jah­re jün­ger. Viel­leicht nörg­le ich mehr, wo ande­re abfei­ern. Aber wenn ich sehe, wie sich Men­schen mit Rol­li oder Rol­la­tor lang­sam Rich­tung Infield bewe­gen, dann ist das für mich auch ein Gefühl von Hei­mat. Hier wer­de ich in gar nicht so vie­len Jah­ren viel­leicht auch mal mit Rol­la­tor auf­tau­chen. Der Spruch auf dem Festi­val-Bänd­chen, “Auf die näch­sten 25 Jah­re M’era Luna”, macht mich aber auch etwas trau­rig, denn die Ent­wick­lung über die­se lan­ge Zeit wer­de ich nicht mehr vor Ort mit­er­le­ben kön­nen.

Berich­tet hat der Rush – hier mit Cor­ri-May vor dem “See­len­bre­cher” von Pla­ge Noi­re. Rush out.

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