Ich bespreche hier einen in Deutschland indizierten Film, den ich in einer um ca. 5 Minuten gekürzten, freigegebenen Ü18-Version gesehen habe. Zur Sicherheit weise ich darauf hin, daß die reine Besprechung eines indizierten Films presserechtlich keine Werbung für diesen darstellt. Die Filme und auch meinen Text bitte ab 18 schauen bzw. lesen; es werden keine konkreten Beschreibungen von Gewalt aus den Filmen hier einfließen.
Martyrs ist einer der Filmtitel, die immer wieder in Listen ’schwer ertragbarer’ Filme genannt werden. Es gibt zwei Fassungen, wie so oft, wenn ein Nicht-US-Film einen gewissen Erfolg hat, “muß” es ein US-Remake geben.
Achtung: Ich spoilere die Filme.
Das Original aus dem Jahr 2008 ist ein Horrorfilm von Pascal Laugier, gedreht in Frankreich und Kanada. Man rechnet den Film der “New French Extremity” zu, Filme aus dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends mit krasser Gewaltdarstellung, oft in Form sexueller Gewalt.
Postuliert wird in Martyrs die Existenz einer Geheimgesellschaft, die Menschenversuche mit dem Ziel betreibt, Informationen über das nachtodliche Jenseits zu erhalten. Eine ältere Dame, die als Chefin fungiert, verwendet für die Testpersonen den Begriff Märtyrer. Dieser ist hier explizit nicht religiös gemeint, sondern vom griechischen μάρτυρας hergeleitet, das auch “Zeuge” bedeutet. Für die Menschenversuche werden Personen benötigt, die große Qualen erleiden können, um kurz vor dem Tod in einen Übergangszustand zu kommen, zu einer Art Transzendenzerlebnis, das über eine reine ‘Nahtoderfahrung’ hinaus geht. Hier soll ein Schauen in das Reich des Todes erfolgen können, das im Idealfall noch in Worten kommuniziert werden kann.
Die Menschen haben verlernt, zu leiden, so die alte Dame. Märtyrer seien besonders, weil sie das Leiden überstehen können, eine sehr eigenwillige Ausdeutung jenseits des typisch christlichen Märtyrer-Begriffs. Insbesondere junge Frauen habe man als perfekte Märtyrerinnen im Blick. Die Dame zeigt dem konkreten Opfer, Anna, Bilder von gefolterten bzw. sterbenden Menschen und weist jeweils darauf hin, in die Augen dieser gerade noch lebenden Menschen zu schauen. Da sehe man diese Transzendenzerfahrung. Es ist u.a. eine Lingchi-Darstellung zu sehen, eine grausame Folter, die bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts in China praktiziert wurde.
Somit hat der Film thematisch eine Dreiteilung: das Mädchen Lucie, das sich Anfang der 70er Jahre aus der Gefangenschaft dieser Gesellschaft befreien konnte und 15 Jahre später Rache nimmt. An Lucie sieht man nur die körperlichen, psychischen Folgen der Behandlung. Dazu kommt ihre Freundin Anna, die nach Lucies Tod als “Märtyrerin” gefoltert wird. Am Ende sehen wir noch einen hochsymbolischen Akt, den man ansatzweise diskutieren kann: nach dem Hören der “Botschaft aus dem Jenseits” (vermittelt über die prämortale Anna) erschießt sich die alte Dame nach der Aufforderung an einen Mitarbeiter: “Zweifeln Sie!”
Was sagte Anna? Das ist für die Zuschauer nicht hörbar. Von daher kann man eigentlich nicht viel besprechen: Wer angesichts einer solchen Botschaft den sofortigen Freitod wählt, der muß ja wohl etwas sehr positives gehört haben. Also doch so etwas wie Paradies? Oder ist der Tod eine Form von Reue? Nichts genaues weiß man nicht – dieses Ende ist das i‑Tüpfelchen auf einem eher krakeligen i.
Es kommt noch ein ganz OK gefilmtes Horrorelement hinzu: Lucie hat Halluzinationen von einer entstellten nackten Frau, von der sie verletzt wird, obwohl es sich um Selbstverletzungen handelt. Da gibt es ein paar gut umgesetzte jump scares.
Letzten Endes muß ich sagen, daß der Film extrem einfach vom Aufbau her ist. Wie Lucie das Ehepaar findet, das sie gefangen hielt, ist im Grunde Zufall und dient nur der Überleitung zum einzigen Handlungsort für zwei Drittel des Films. Mit Annas Telefonat mit ihrer Mutter wird ein falscher Hoffnungsfaden gelegt. Geheimgesellschaften fungieren immer als Projektionsziele, so auch die in Bring Her Back als Videomaterial gezeigten Vorgänge, die nicht aufgeklärt werden.
Das ist genau das, was ich an solchen Filmen oder Romanen nicht mag: Konzentration auf die massive, “sinnlose” Gewaltdarstellung, nur um … ja, um was zu erreichen? Mehrfach habe ich gelesen: das soll die “Nicht-Konsumierbarkeit” von Gewalt darstellen. Joh, aber doch in Medien, die trotzdem/dennoch konsumiert werden. Diese ganzen Listen im Netz über “voll brutale Horrorfilme” fungieren ja wie To-Do-Listen, an denen man sich abarbeiten muß, um sagen zu können: boh, den hab ich gesehen, sowas von kraß!
Ich würde hier soweit gehen zu sagen: der Suizid der Frau am Ende entwertet den Film, weil eine Art von Tiefgang suggeriert werden soll, den der Film nicht hat. Er bleibt ein Splatter-Movie, selbstverliebt in die Gewalt, die er darstellt, und mit eher blasphemischer Umdeutung der Märtyrerbegriffs.
Was macht das 2015 gefilmte Remake anders? Mark L. Smith hat das Original-Drehbuch umgeschrieben, Regie führten die Brüder Goetz, nachdem Daniel Stamm abgesprungen war.
Ich wollte nach dem Schauen des Remakes erst gar nichts dazu schreiben, aber – sei es drum. Scheiße ist der Film, grottig, so typisch amerikanisches, kaputt-gefilmtes Remake. Polizei, Blaulicht, christlicher Bezug (der ja gerade nicht im Original wichtig war) – alles so wichtig für das Zielpublikum – und natürlich die deutlich entschärfte Gewalt, die ich hier gemäß der Einleitung nicht näher benenne. Die wichtige Änderung ist, daß drei Frauen, Lucy, Anna und eine Samantha das Ende mit den Vertretern der Geheimgesellschaft gemeinsam erleben. Das nimmt den Isolationseffekt, die Beklemmung des Originals komplett weg und macht den Film zu einer Fluchttragödie – wobei das Ende grotesk blöd und völlig überzogen ist. (Nebenbei: die Schauspielerin der Anna spielt hölzern.) Lassen wir’s – bitte NICHT schauen…