J.F. Gon­za­lez: Sur­vi­vor (Roman)

Der Inhalt wird z.T. gespoi­lert!

Ich woll­te hier längst schon Ketch­ums ‘The Girl next Door’ vor­ge­stellt haben, dabei kurz einen Schwen­ker zu John­sons ‘Let’s go play at the Adams” gemacht haben, aber irgend­wie liegt das (gele­se­ne) Buch von Ketchum wie Blei im Regal. Mein The­ma ist eigent­lich Hor­ror in sei­nen para­nor­ma­len Aus­prä­gun­gen, aber irgend­wie schaue ich doch immer wie­der über die Gren­ze zu Büchern, die Abgrün­de des ‘Mensch­seins’ zei­gen. Das ist ganz klar auch bei ‘Sur­vi­vor’ der Fall, einem Werk, in dem es um soge­nann­te Snuff-Fil­me geht. Das sind Film­auf­zeich­nun­gen von Grau­sam­kei­ten und Fol­ter bis hin zum (schein­ba­ren?) Tod des Opfers. Ich war mir bis­lang sicher, daß es tat­säch­lich Snuff-Fil­me gibt, aber die Wiki­pe­dia meint, das sei eine ‘moder­ne Sage’. Die­se Fra­ge ist auch The­ma der Ermitt­ler in der Ende der 1990er spie­len­den Geschich­te.  (Mein erster Kon­takt mit dem Begriff des Snuff-Films war in Bret Easton Ellis’ “Less than Zero” (1985).)

Auf der Täter­sei­te ler­nen wir in z.T. etwas höl­zern wir­ken­den Dia­lo­gen die Moti­ve ken­nen, aber doch scheint mir der Fokus mehr auf Schock­mo­men­ten und ‑details zu lie­gen,  als auf psy­cho­lo­gi­scher Hin­ter­fra­gung. Natür­lich wird das The­ma ‘Macht’ auf­ge­grif­fen. Was man dar­über hin­aus sehr gut vor Augen geführt bekom­men, ist die Tat­sa­che, daß ein Täter, was gera­de auch für den sexu­el­len Miß­brauch gilt, aus dem direk­ten Umfeld des Opfers kom­men kann. Der Roman bezieht sei­ne “Fas­zi­na­ti­on” aus dem Kon­trast: “nor­mal wir­ken­de Mit­glie­der einer Gesell­schaft” vs. deren mensch­li­che Abgrün­de (wie die Frau, die so ger­ne Aug­äp­fel ißt).

Die Opfer­sei­te macht den Roman span­nend, da das desi­gnier­te “Haupt-Opfer” sich tat­säch­lich zwei­mal befrei­en kann, aber ein Hap­py End gibt es doch nur zum Teil.

Sprach­lich ist der Roman auf einem eher ermitt­lungs­tech­nisch-juri­sti­schen Level – im eng­li­schen Ori­gi­nal gut zu lesen, aber manch­mal etwas drö­ge.  Fas­zi­niert hat mich der alko­hol­ab­hän­gi­ge Opfer­an­walt, der doch – und trotz Suff – die rich­ti­ge Nase für den (unwahr­schein­li­chen) Auf­trag­ge­ber der aktu­el­len Ent­füh­rung hat.

Sur­vi­vor ist ein soli­der, span­nen­der, unter­halt­sa­mer Roman über die Fra­ge, was unse­re nor­ma­len Mit­men­schen so an Lei­chen im Kel­ler haben – hier auch im wört­li­chen Sin­ne. Es ist auch ein Roman über eine star­ke, kämp­fe­ri­sche Frau und ihr gro­ßes mora­li­sches Dilem­ma, das letzt­lich die zwei vor­he­ri­gen Sie­ge nicht glän­zen las­sen kann.

Der Roman for­dert uns auf, die “Snuff-Film-Pro­du­zen­ten” und die ver­zwei­fel­te Ent­schei­dung des Haupt-Opfers gegen­über­zu­stel­len: wer begeht die böse­re Tat? Kann man Taten, die ande­re Men­schen umbrin­gen, mora­lisch gegen­ein­an­der auf­wie­gen? Wie ist das mit dem ‘col­la­te­ral dama­ge’? Am Ende steht die Fra­ge, wie­viel Ego­is­mus erlaubt ist. Der mir gera­de durch den Kopf gehen­de Wic­ca-Spruch “An it harm none, do what ye will” (aus der ‘Wic­can Rede’ von der von mir geschätz­ten Doreen Vali­en­te) ist in die­sem Roman natür­lich über­all über­schrit­ten, selbst in der schrä­gen Aus­prä­gung des kali­for­ni­schen Rechts, wonach ich jeman­den nur wegen etwas anschul­di­gen muß, wor­auf die­se Per­son erst ein­mal (hier für ein kom­plet­tes Wochen­en­de) in Haft genom­men wer­den kann. Am Ende fällt man Ent­schei­dun­gen und muß mit den Fol­gen leben.

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