Für Elise (Kurzfilm, 2026)

[Der folgende Text beinhaltet auch das Thema Suizid. Sollte dies für Dich gerade kein „gutes“ Thema sein, laß den Text bitte aus bzw. hole dir Hilfe z.B. über die Telefonseelsorge.]

Dieser Beitrag hat eine längere Vorgeschichte: ich hatte bereits beim Bericht über das diesjährige Stella-Nomine-Festival erwähnt, daß der Kurzfilm „Für Elise“ gezeigt wurde. Angekündigt wurde er in sehr sympathischer Weise von René Tröltzsch, der für den Text verantwortlich zeichnet. Ich habe den Film leider nicht komplett geschaut, worüber ich im Nachhinein in Kontakt mit Rene kam.
So war es mir möglich, den Film noch einmal zu schauen und diesen Beitrag zu schreiben, in dem die Handlung doch eher „gespoilert“ wird, also Warnung in diesem Sinne.
Der Film ist aktuell nur zu speziellen Anlässen bzw. auf Film-Festivals zu sehen.

Insgesamt ist „Für Elise“, bei dem Oliver Schwarz Regie führte, eine Kooperation etlicher Personen, s. den IMDb-Eintrag. Als Tröltzsch auf der Bühne erklärte, alles, was zu sehen ist, wurde ohne KI erstellt, erhielt er viel Applaus. Was das aber wirklich bedeutete, wurde mir erst im Nachhinein und im Kontakt mit ihm deutlich: Oliver Schwarz ist Bühnentechniker, erstellt aber in seiner Freizeit Filmpuppen und -modelle für u.a. Horrorfilme. Das ging soweit, daß er durch einen Alien-Kurzfilm – mit von ihm erstelltem Alien-Modell – ein Job-Angebot aus Hollywood bekam. Diese Fertigkeit Schwarz‘ ist massiv in den Film eingeflossen.

Tröltzsch, der für den Text verantwortlich ist, erzählte mir, er sei seit 20 Jahren in der Schwarzen Szene unterwegs; es sei sein Herzenswunsch gewesen, den Film auf dem Stella Nomine einem „schwarzen Publikum“ präsentieren zu können.

Zum Film und vorab: ich bin kein Filmkritiker; mir fällt es schwerer, über Filme als über Romane, Konzerte zu schreiben, weil ich auch nicht mit der Technik vertraut bin.

Der Film erzählt eine Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts; man kann später im Film auf den Grabsteinen Jahresangaben (z.B. 1863) lesen. Dabei sei die Jahresangabe im Prinzip unwichtig, so Tröltzsch, man nehme auf jegliche Kriege Bezug. Die Namen der Protagonisten sind aus dem Englischen genommen. Anjo Czernich ist der Erzähler im Hintergrund.

Als stilistisches Mittel wird zwischen gespielten Szenen, solchen mit Puppen und Schattenspielen gewechselt. So beginnt die Erzählung mit dem Hochzeitsantrag eines Mannes an seine Verlobte, die er dann schwanger zurücklassen muß, weil er als Soldat im Krieg kämpfen muß. Hier scheint der Amerikanische Bürgerkrieg gemeint zu sein. Man sieht die Figuren zunächst als Silhouetten; Kriegshandlungen werden als Abfolge von rot eingefärbten Einzelbildern gezeigt.

Zur Bestattung des gefallenen Mannes wechselt der Film in eine Spielszene mit echten Schauspielern, Hauptdarstellerin ist Friederike Serr als Witwe, die am Grab ihres Mannes kniet. Ich höre aus der Art und Weise, wie der Pfarrer (Christian Zebe) gezeigt wird, eine Kritik am Christentum heraus, wobei andererseits Sprachbilder (Engelchen, gesegnet) daraus genommen werden – eine gewollte Ambivalenz? Aus dem Dialog mit Tröltzsch: eher sei auf das grundsätzlich christliche Fundament der Frau in ihrer Zeit angespielt worden.

Die nachfolgende Geburtsszene, bei der die Witwe ganz allein ist, also ohne Hebamme, ist für mich eine der zwei intensivsten Szenen des Films: die Tochter Elise wird tot geboren, weil sich die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt hatte. Hier ist für das Baby eine selbstgebaute Puppe zu sehen.

Intensiv wird die Trauer der Witwe in einer Kirche gezeigt, auch ihr Hadern mit Gott, ausgedrückt in Reimform – „Wie kann das sein, wo ist der Sinn? Was ich liebe, geht dahin.“
In diese Phase fällt die zweite intensive Szene: der Traum vom „lebenden“ Baby, das als blutiges Skelett zu sehen ist. Es ist, als rufe das Kind die Mutter…

So reift in der Frau der Gedanke an Suizid. Da diese Tat eine Sünde im christlichen Sinne ist, wird auch ihr Grab nicht gezeigt, so vermute ich. Für die Frau war einerseits unbegreiflich, warum Gott solch ein Schicksal ‚zulassen‘ konnte, andererseits wußte sie, daß ihre Religion den Suizid als größte Sünde ansieht.

Nach dieser Tat kann man sagen: die Frau hat alles „im Leben“ verloren: ihren Mann, ihr Kind – und auch das Leben selbst. Auffällig ist auch, daß keine andere Person da ist, die ihr zur Seite steht (vom kurzen Pfarrer-Auftritt abgesehen).
Sie verbleibt als Geist im Haus, hält Wacht im Kinderzimmer, hofft auf Erlösung durch die Zeit, so mag man vermuten.

Zum Schluß folgt ein kurzer Sprung in die Gegenwart: eine junge Familie mit Tochter (Aurelia Hönig) um die 8-10 Jahre, würde ich schätzen, kauft offenbar das Haus; die Mutter sieht aus wie die Geisterfrau (gespielt auch von Friedrike Serr, Vater: Christoph Skottki). Dabei bleibt die Schlußszene, bei der das Kind diesen Geist sieht und ihm winkt, für mich sehr ambivalent und mit Reibung verstanden: Solch eine Szene ist bei etlichen Filmen der Anfang einer Horrorerzählung, hier aber ist sie das Ende.

Und damit bleibt eine Spannung offen und beim Zuschauer zurück: wie wird der Geist auf das Kind reagieren? Ist das schlagende Herz am Ende eine Erlösung für den Geist? Welche Rolle spielt Gott? Oder wird die vermeintliche Erlösung zu neuer Qual, wenn der Geist auf eine „heile Familie“ schaut, sie „erleben“ muß?

Tröltzsch meinte: der Zuschauer soll sich den Film selbst zu Ende erzählen; er selbst schaue eher positiv auf das Ende.
Erwähnt seien noch Mario Kremp-Parschau und Matthias Karstädt, die als Double der Geisterfrau fungierten.

Ich bedanke mich ausdrücklich dafür, daß mir eine Review-Möglichkeit zur Verfügung gestellt wurde; – und für den konstruktiven Austausch mit dir, Rene!

Es sind zudem weitere Projekte in Planung, so der nächste Kurzfilm „Das Schlaflied“ von Oliver Schwarz mit Rene Tröltzsch als Co-Writer.
Letzterer arbeitet zudem an einem Buch, voraussichtlicher Titel „Katjuscha“, das von Daniel Bechthold (Instagram) illustriert wird. Bechthold ist bekannt durch die Illustrationen für die Death-Metal-Band Kanonenfieber.

Zuletzt: ein Foto der Mitwirkenden an „Für Elise“ – leider mit Ausnahme von Aurelia Hönig.

Mitwirkende am Kurzfilm "Für Elise", 2025

(Stephan Puppe, Christoph Skottki, Matthias Karstädt, Christian Zebe, Rene Tröltzsch, Mario Kremp-Parschau, Friederike Serr, Oliver Schwarz – für die Namen aller Beteiligten siehe den oben verlinkten IMDB-Beitrag)

Ein Kommentar zu „Für Elise (Kurzfilm, 2026)“

  1. Dieser Film ist so wunderbar perfekt und zeigt ware Kunst , Handwerk und eine Seele.
    Ich bin jetzt schon gespannt auf das Buch Katjuscha und Das Schlaflied.
    Freue mich auf mehr..

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