Delany – Hogg (Kurzrezension)

Samuel R. Delany: Hogg

Spoilers!

Spätestens seit der Verfilmung von Roches „Feuchtgebiete“ waren Film und Romanvorlage in aller Munde. Man diskutierte mehr oder weniger angeekelt über die beschriebenen Praktiken. Ein Mann aus meinem Bekanntenkreis las den Roman in Etappen, weil er die Bilder immer wieder sacken lassen mußte. 😂
Er fand alles so eklig, daß er auch die Grundsatzfrage stellte: Warum „um alles in der Welt“ muß man solche Dinge zu Papier bringen?

Dagegen ist Bukowskis „Ich ging rüber und walkte ihr die Titten durch“, ein Zitat aus einem seiner Gedichte, ziemlich harmlos.

Die Wozu-Frage kann man sich bei Hogg auch stellen, das heißt: noch viel mehr, viel intensiver. Gegen Hogg sind die Feuchtgebiete ein sanftes Vorspiel.

Geschildert werden die Erlebnisse eines 11-jährigen Jungen, der objektiv, aus der Distanz gesehen, sexuell mißbraucht wird, andererseits aber im Kontakt mit dem unerträglich schmierigen, schmutzigen Hogg jede Praktik mitmacht und in der Schilderung des Autors daran „Spaß“ hat. Sex wird „matter-of-factly“ geschildert, mit allen Details inkl. Geruch / Geschmack von Kot, Eiter oder monatelang nicht gewaschenen Füßen. Gut 90% der sexuellen Handlungen (meine Schätzung) findet unter Männern statt; der Autor ist homosexuell.
Nebenbei sollte man vielleicht auch vor der Lektüre wissen, daß die Männer sich mit Slang-Namen ansprechen: Schwarze sind „nigger“, Einwanderer aus Italien „wops“, aus Spanien/Portugal „dagos“ (von Diego), solche aus Mittel- oder Südamerika sind „spics“. Aber „nigger“ taucht gefühlt auf jeder Seite fünfmal auf.

Trotz der homoerotischen Ausrichtung sind Hoggs Geschäftsmodell „Auftragsvergewaltigungen“ von Frauen. Der Autor schreibt im Vorwort, in dem er sich mit Pornographie und u.a. dem Marquis de Sade befaßt, sein Text sei keine Pornographie für Frauen
Die beschriebenen Vergewaltigungsszenen sind drastisch – mehr will ich dazu gar nicht sagen. Der ‚BookTuber‘ Criminolly fragt (rhetorisch, aber durchaus berechtigt), wer es schaffe, den Roman zu Ende zu lesen. Fragen muß man auch: Ist das Geschriebene für Männer / überhaupt Pornographie? W.H. Auden hat dazu ausgeführt:

There's only one good test of pornography. Get twelve normal men to read the book, and then ask them, ''Did you get an erection?'' If the answer is ''Yes'' from a majority of the twelve, then the book is pornographic.

Für mich gesprochen: nö, ist keine Pornographie, sondern Gewalt-Fiktion. Triggert mich nicht – oder minimal bei einigen Details. K. Leslie Steiner, dessen langer Essay das Buch abschließt, spricht von Anti-Pornographie. Doch es sei ein Buch, das man erfahren muß; man sollte es nicht interpretieren.

Die Protatonisten kommen aus – einfach formuliert – kaputten, übergriffigen Familienverhältnissen mit den Stichworten Gewalt, Mißbrauch, Inzest. Hogg beschreibt seine Eltern so:

Daddy had a real sense of humor - and he beat us, too. But he'd hit us twice, then he'd get to laughin' so hard he'd have to go and sit down. He'd take a drink, then he'd come back and start beatin' all over again. I guess Momma was too drunk to care.

Sex hat vor allem mit Druckabbau zu tun. Was passiert, wenn das nicht (mehr) möglich ist, sieht man am Charakter „Denny“ im Roman. Gerade zu dessen breit ausgetretener Mord-Episode wird ein Blowjob schon fast zu einem Therapeutikum.

Und natürlich ist Sex Machtmittel, s. den „Job“ von Hoggs Truppe.

Für mich unklar: Mr. Jonas, Auftraggeber für die Vergewaltigungen, verbrennt elend in seinem Auto nach einem Unfall. Soll damit eine Art „göttliche Gerechtigkeit“ angedeutet werden, die den straft, der ursächlich für das Leid ist, aber nicht die Ausführenden? Der Gegensatz ist kraß: der Auftraggeber stirbt, während der mehrfache Mörder mittels Fluchthilfe entkommt.

Nein, Hogg muß man nicht gelesen haben. Zumindest mag man Steiner zustimmen: „All the women in Hogg are martyrs, saints, or heroes.“

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