Auf das Album “Der Wahn als Methode” von Anfang 2025 folgte nun ’no music for the masses’, im März 26 veröffentlicht. Auf photophor bin ich aufmerksam geworden, weil das Duo aus Kate und Asch mir letztes Jahr auf Instagram folgte. Kurz haben wir uns beim Stella Nomine getroffen und ein paar Worte gewechselt.
Transparenz: das Album ist kein kostenloses Rezensionsexemplar, es wurde von mir gekauft.
Das Album mit einer Laufzeit von ungefähr einer Dreiviertelstunde beinhaltet 11 Lieder. Der dynamische Einstieg mit “Der Jugend beraubt” erscheint wie eine Erinnerung an das erste Album mit Sprechgesang und Aschs dominanter Stimme. Unklar bleibt, wer seiner Jugend beraubt wurde, da die benutzten Verben (verkauft, gequält, mißbraucht…) vieldeutig sind und sich nicht ausschließlich auf ‘Jugend’ beziehen. Vielleicht ist es aber ‘die Jugend’ allgemein, die gemeint ist – die Jugend als Lebensabschnitt, dominiert von einer kalten Welt der Erwachsenen, von Erwachsenen auch als Tätern.
“Timetravel” ist ein spaciger und melodiöser Song über – nun ja – Zeitreisen. Hier glaubte ich, hinter der Anspielung des Album-Titels auf das Depeche-Mode-Album ‘Music for the Masses’ von 1987 eine musikalische Hommage an die Heroen des Synth Pops zu erspüren. Ein eingängiger Song, der zum Text den Geist schweifen läßt. Gerade hier empfinde ich Aschs Stimme als sehr stark – insgesamt ein das Album dominierender Titel.
Erster Höhepunkt für mich auf dem Album ist “Lonely in a crowd” (of people), das ist eine Hymne für die Menschen in dieser Szene, nichts weniger. Beschrieben wird eine Frau mit dem auch mir so bekannten “Sich-anders-Fühlen”, unter Oberflächlichkeit und Leere leidend und auf der Suche nach dem Platz, wo sie hingehört. Das ist die Einsamkeit inmitten anderer Menschen, aber doch scheint es auch ein Finden zu geben, eine Gemeinschaft mit ‘kindred spirits’. Untermalt wird der Text von dezenter, getragener Musik. Wundervolles Dark-Wave-Stück.
Mit “Paradox” wird ein Song in der Tradition von “Danke für nichts” geboten: schnell, pulsierend, und mit Lyrics, die an das Kinderlied “Dunkel war’s, der Mond schien helle” erinnern – oder an ein musikalisches Gegenstück wie “Exakt neutral” von Stereo Total.
Wieder geht es langsamer weiter mit “Nothing”, meinem Lieblingslied auf dem Album und der zweite Höhepunkt. Ein Song über das Verlassenwerden, die Leere, die man spürt – eine Art Klagelied. Die Musik ist melancholisch bis trance-ig. Asch zieht hier die letzten Worte einer Textzeile sehr in die Länge, was manchmal gut, manchmal etwas ‘wackelig’ klingt. Man kann das schön aber als Symbol für dieses Empfinden sehen, daß nach dem Ende einer Beziehung die Welt umgekrempelt ist, daß man sich zitternd in einem Scherbenhaufen neu sortieren und finden muß.
Auch das nachfolgende “The Call” lebt von der stimmlichen Ausgestaltung. Charakteristisch für Asch ist, daß er Wörter gerne tonlich nach oben oder unten zieht, also auf dem Endakkord einer Textzeile nicht nur einen Ton hält, sondern diesen moduliert. Das erinnert mich mit einem Grinsen an die wenigen Lieder, die ich mal vor 40 Jahren geschrieben habe: da klang meine Stimme ähnlich, weil ich glaubte, damit möglichst ‘artistisch’ umgehen zu müssen. Sagen wir so: auch heute, wenn ich das höre, ist es ein Eingewöhnungsprozeß, der ein mehrmaliges Hören des Titels erfordert. Die Textzeile “Can I find peace underneath?” faßt die dysphorischen Lyrics dieses ätherisch wirkenden Songs zusammen. Der Baß erinnert an eine Art Wachrütteln…
… das im nächsten Song in ein ‘Self-Empowerment’ übergeht, auch wenn der Song eher dahinperlend klingt: “Zerrissen”. “Halt mal ein, halte dich fest, krieg dich ein, mache dich frei…” Das kulminiert in der Frage: “Willst du so sein, wie man dich will?” bzw. “Machst du es Meinungsführern recht?” Hier wird das selbstreflektive, authentische Ich besungen. Ein Song, der schön an “Lonely in a crowd” anknüpft, aber ‘poppiger’ ist.
“Die Wesenheit” würde ich am ehesten als Lied über psychische Ausnahmesituationen beschreiben, bei denen man sich fremdbeeinflußt fühlt, bedrängt von einer ‘Wesenheit’, die Angst hervorruft und Dunkelheit verbreitet. Dringt die Wesenheit in die Persönlichkeit eines Menschen ein, wird die Qual noch intensiver: “Verzweiflung, Furcht und Einsamkeit”. Musikalisch weist auf die Bedrohung durch die ‘Wesenheit’ hin, wie Asch beim Background-Text auf ‘-heit’ so einen Halbton unter der erwarteten Tonhöhe bleibt, was Reibung erzeugt. Mich erinnerte diese Beschreibung der Wesenheit – gerade wenn es heißt, daß sie sich von “deinen Qualen” ernährt, an die Aussage in The Exorcism of Emma Evans, daß sich der Teufel von den Schmerzen der Menschen ernähre. Vielleicht muß man soweit nicht gehen und einfach eine Person mit einer Psychose fragen, ob sie sich im Lied wiederfindet.
Mit “Zeitenlauf” wird das Ende des Albums eingeläutet. Das Lied erinnert an ‘Timetravel’ und beschreibt Veränderungen im Fortschreiten der Zeit; Asch hier z.T. an Witt erinnernd. Themen: Nacht, Farben werden von der Dunkelheit verschlungen, nichts bleibt wie es vorher war. Manchmal finde ich die Bilder ein wenig “mit dem Hammer” gereimt, schwer verständlich, weil sich nicht direkt erschließend. Ein sanfter Klangteppich mit vielen Nuancen untermalt den Text.
Mit dem treibenden “Überheblichkeit” verband sich bei mir ein Schmunzeln: das ist die Dunning-Kruger-Hymne. Menschen, die glauben, sie seien der Nabel der Welt, der ‘heißeste Scheiß’, die aber in Wirklichkeit ihre Position, ihre Wichtigkeit verkennen. Sehr schöner Titel, der an “Zerrissen” anknüpft und im Grunde eine menschlichere Welt propagiert, in der der erste Schritt ist, sich selbst nicht für etwas Besseres zu halten. Hier gefällt mir der Drum-Lauf gut.
Das abschließende “Intention” ist für mich der schwächste Song des Albums; schade, so meine ich, daß er am Ende steht und möglicherweise das Album-Hörerlebnis in der Erinnerung der Hörenden mindert. Gleichwohl schließt er an den Opener an mit (eher) Sprechgesang, der mir zu sehr tonlich durch das Hoch- und Runterziehen der Stimme moduliert ist – dieser Gesangsstil definiert schon irgendwie den Gesamtstil der Band. Beim Text werden viele Adjektive aneinandergereiht, die auf ein Substantiv hinführen wie Intention, Reaktion, Konfusion. Diesen Text müßte ich in Ruhe lesen, um für mich eine Bedeutung herauslesen zu können. Ist Konfusion die Intention?
Insgesamt ein nachdenkliches, nachdenklich-machendes Album zwischen (weniger) Synth-Pop und (mehr – gut!) Dark Wave. Wenn ich hier so oft Asch als Sänger erwähnt habe, soll das Kates Anteil am Album nicht auslassen: es ist einfach so, daß ich Text und Gesang im Fokus hatte.
Wir haben mit der Cold-Wave-Welle der letzten Jahre m.E. eine Gegenbewegung zum Gleichklang der typischen Festival-Headliner mit ihrem Gothic-Rock-Metal-NDH-Crossover erlebt. Gerne darf nun auch ein Dark-Wave-Revival folgen. Ich habe in den letzten zwei Wochen einige meiner Dark-Wave-Favoriten aus den 90ern gehört – und ich merke, daß ich mich nach diesem Klang sehne.
Mit ihrem Album ’no music for the masses’ von photophor habe ich in diesem Sinne sehr schönes ‘Hörfutter’ gefunden.