Ich gehe auf meinen Halloween-Filmtip hier nochmal ein – diesmal spoilere ich den Inhalt, also vielleicht erstmal den Film schauen…
Wir schauen auf eine Familie im Ausnahmezustand: Tochter Alice, gerade 18, ist von einem den Eltern offenbar nicht genehmen Mann schwanger – und nimmt Drogen. Mutter Maddie hat als Notfallsanitäterin eine falsche Diagnose gestellt, woraufhin eine Frau (das ist wohl der Name ‚Nadine‘ vom Anfang des Films) gestorben ist. Sie hat ihren Job verloren, nimmt offenbar ein Anti-Depressivum ein.
Dann kommen zwei Dinge zusammen: die Halloween-Nacht und die Abwesenheit von Alice. Wenn ich im ersten Beitrag schrieb, daß der Regisseur die Horrorelemente (Halloween, der spukige Wald…) so halbherzig eingestreut hat, dann meinte ich: der Film würde komplett ohne dieses Halloween-Element funktionieren.
Das Auto des Vaters ist weg – Alice ebenso, d.h. ich glaube grundsätzlich, daß die Autofahrt inklusive Unfall stattgefunden hat. Springen wir ans Ende des Films: das Auto liegt im Graben, daneben liegt eine Frauenleiche, die die Eltern gegenüber der Polizei als ihre Tochter identifiziert haben. Sonderbar ist, daß Alice außerhalb des Autos liegt, aber theoretisch hätte sie beim Unfall herausgeschleudert worden sein können.
Somit ist im Prinzip klar, daß das lange Telefonat auf der Hinfahrt zum Unfallort nicht mit Alice realiter geführt wurde.
Ein Erklärungsansatz ist also die psychische Ausnahmesituation der Eltern, die natürlich zum Unfallort gefahren sind, und währenddessen quasi in eine gemeinsame Halluzination abtauchten. Aber so richtig vorstellbar ist das nicht.
Spannend ist: was hat es mit diesem scheinbaren Navi-Fehler auf sich? Frank hätte beim Fahren abbiegen müssen, um zum Unfallort zu kommen, fährt aber weiter und meint, er kenne sich aus, man sei richtig.
Ein weiterer Ansatz bzw. ein weiterer Hinweis ist, daß das Paar, das am Unfallort zuerst ankommt, von den Schauspielern der Eltern gesprochen wird. Nehmen wir an, die Eltern würden zweimal zum Unfallort kommen – vielleicht liegt da der Navi-Hinweis -, dann wäre die gecoachte Reanimation eine reelle Handlung der Mutter gewesen, die somit einen weitere Patienten, ihre Tochter, verloren hätte. (Und deswegen liegt Alice neben dem Auto, weil sie von den Eltern herausgezogen worden war.)
Eine darüber hinausgehende Erklärungsmöglichkeit ist: die Eltern sind zunächst auf der Suche nach Alice, wie das Navi es vorgab, links abgebogen und haben auf der unübersichtlichen Straße selbst ihre Tochter überfahren… Die Mutter wollte reanimieren, bis die Rippen brachen, der Vater zog die Leiche an den Straßenrand usw. Frank spricht auch an einer Stelle von seiner Schuld.
Für diese Variante spricht, daß Alice am Telefon – an dieser Navi-Stelle – sagt: ich sehe euch, sehe eure Scheinwerfer, obwohl die Eltern über eine halbe Stunde vom vermeintlichen Unfallort entfernt sind. Das ist für mich ein Kern-Moment im Film. Also Theorie: sie ist in den Graben gefahren, stand dann unter Drogeneinfluß mitten auf der Straße, als die Eltern kamen.
Hierzu paßt auch die zeitliche Einordnung: Alice spricht von 22 Uhr, aber die Eltern sind gegen 3 Uhr morgens unterwegs.
Vor letzterer Erklärung erscheinen die Halloween-Aspekte (verwunschener Wald…) als eine Art Schleier, der die Ereignisse verdeckt und noch unerklärbarer macht. Und: das mysteriöse Paar, das ja auch über Alices Handy zu hören ist, schafft eine weitere Abstraktionsebene. Mir fiel beim Schauen auf: die Frau klingt wie eine Art Über-Ich – also das Gewissen, das die Eltern heimsucht?
Dann ist da noch das Element des Rauchmelders, der wegen leerer Batterie einen Warnton abgibt. Maddie wechselt zu Beginn des Films zweimal die Batterie.
Letztlich kann man noch diskutieren, ob die Eltern ihre Tochter absichtlich getötet haben (wegen ihres von den familiären Erwartungen abweichenden Verhaltens). Das würde ich nicht vermuten.
Falls du den Film gesehen hast: wie erklärst du dir das Gesehene?