Dog­tooth (Film)

Der grie­chi­sche Spiel­film Dog­tooth von 2009 fin­det sich immer wie­der in Listen mit “ver­stö­ren­den Fil­men”. Ich wuß­te vor dem Schau­en, daß es um Eltern geht, die ihre Kin­der abge­schot­tet erzie­hen. Kurz der Hin­weis auf die Bedeu­tung des Hun­de­zahns: So wer­den umgangs­sprach­lich und ver­mut­lich auch in Grie­chen­land die Eck­zäh­ne des Men­schen genannt. Im Regel­sy­stem der Fami­lie darf man das Anwe­sen erst ver­las­sen, wenn einer der Eck­zäh­ne aus­ge­fal­len ist. Man darf eben­so erst dar­an den­ken, einen Füh­rer­schein fürs Auto zu machen, wenn der zuvor aus­ge­fal­le­ne Eck­zahn nach­wach­se. Da wir vom Gebiß erwach­se­ner Per­so­nen spre­chen, tref­fen die­se Rege­lun­gen im Grun­de nicht zu und die­nen dazu, das Ein­ge­sperrt­sein zu zemen­tie­ren. Im wei­te­ren Spoi­ler zum Film…

Ein Ehe­paar lebt mit einem Sohn und zwei Töch­tern auf einem abge­schot­te­ten, gro­ßen Anwe­sen mit Pool in Grie­chen­land. Der Vater hat als ein­zi­ge Per­son Kon­takt zur Außen­welt, d.h. er fährt mit dem Auto zur Arbeit. Mut­ter und Kin­der ver­las­sen das Grund­stück nicht.

Recht früh sind mir zwei Fra­gen durch den Sinn gegan­gen: wie alt sind die Kin­der und war­um spielt die Frau in dem Sze­na­rio mit, wel­che Rol­le hat sie?

Bei den Kin­dern bin ich mir unsi­cher, sie dürf­ten Mit­te 20 sein – oder doch älter? Auf jeden Fall hat es eine Wei­le gedau­ert, bis ich ver­stan­den hat­te, daß sie wie klei­ne Kin­der spre­chen und sich auch so ver­hal­ten. Als wären sie nie erwach­sen gewor­den. Auch die mecha­ni­sche Sicht­wei­se auf Sex wirkt ’stran­ge’, so als habe die Puber­tät nie statt­ge­fun­den. Das ist ein Kri­tik­punkt am Film, der für mich die Atmo­sphä­re etwas in Fra­ge stellt.

Bei der Frau bin ich mir unsi­cher: sie ist pas­siv, spielt aber die vor­ge­gau­kel­te Rea­li­tät mit. Doch war­um? Denn auch sie ist ja ein­ge­sperrt – mit dem Bonus, den Mann tags­über per altem Tele­fon errei­chen zu kön­nen. Ich hat­te kurz über­legt, ob sie even­tu­ell als Toch­ter in einem ähn­li­chen Set­ting auf­ge­wach­sen ist, aber das wird nir­gend­wo ange­deu­tet. Sie ist die blas­se­ste Figur als “Mit­tä­te­rin ohne Motiv”.

Die Kin­der ken­nen die Außen­welt nicht, wis­sen nur, daß sie gefähr­lich ist, weil angeb­lich ein Bru­der von ihnen jen­seits des Zauns ums Gelän­de getö­tet wor­den sein soll. Doch die Eltern arbei­ten aktiv an der Kon­struk­ti­on einer alter­na­ti­ven Rea­li­tät, indem sie nor­ma­le Begrif­fe in der Wei­se falsch beset­zen, daß Wör­ter, die aus einem Bereich jen­seits des Anwe­sens kom­men, auf bekann­te Wor­te redu­ziert wer­den: als der Sohn fragt, was ein Zom­bie sei, erklärt die Mut­ter: eine klei­ne gel­be Blu­me. “Meer” ist ein Leder­ses­sel. Spä­ter steht der Sohn im Gar­ten und ruft: “Mama! Ich habe zwei Zom­bies gefun­den. Soll ich sie dir brin­gen?” Das Lachen bleibt einem aber im Hals stecken.

Der Umgang der Kin­der unter­ein­an­der ist von Emo­ti­ons­lo­sig­keit und einer kal­ten Mecha­nik domi­niert. Man übt z.B. Ret­tung aus dem Was­ser und Wie­der­be­le­bung mit­ein­an­der, was mich kurz an ein abge­schot­te­tes Prep­per-Set­ting den­ken ließ. Dazu pas­sen auch die kör­per­li­chen Ertüch­ti­gun­gen und der Wett­kampf­cha­rak­ter vie­ler Spie­le.

Sexua­li­tät ist auf ver­schie­de­nen Ebe­nen The­ma. Der Sex zwi­schen den Eltern wirkt rou­ti­niert, emo­ti­ons­los, wobei der Mann einen Kopf­hö­rer trägt und Musik dazu hört. Offen­bar schaut man aber auch gemein­sam Por­nos. Ande­rer­seits wird Sexua­li­tät nur beim Sohn als Bedürf­nis aner­kannt, daher bringt der Vater eine Mit­ar­bei­te­rin der Fir­ma als Gele­gen­heits-Pro­sti­tu­ier­te für den Sohn mit in die Vil­la. Auch die­ser Sex ist ein mecha­ni­sches Sich-Abar­bei­ten, führt aber über die Kon­tak­te zu den Töch­tern zu einem inter­es­san­ten Neben­strang.

Gene­rell schwankt der Film – für mich – zwi­schen gro­tes­ken und bru­ta­len Sze­nen. Gro­tesk ist es, wenn der Vater Frau und Kin­der als Hun­de im Gar­ten antre­ten läßt. Bru­tal die Mes­ser- bzw. Ham­mer­ver­let­zun­gen unter den Kin­dern bzw. das Töten einer Kat­ze (als “Ein­dring­ling”) mit­tels Hecken­sche­re.

Immer wie­der glaub­te ich, Anspie­lun­gen auf das Leben in Sek­ten her­aus­zu­le­sen. Der Vater ist ja die “Füh­rer­fi­gur”, er gibt das Set­ting vor und hat als ein­zi­ger weit­rei­chen­de Frei­hei­ten bis hin zur Deu­tungs­ho­heit bzgl. der Spra­che.

Der Schluß des Films ist unklar: ich deu­te die Sze­ne so, daß die Toch­ter zwar dem Vil­len-Gelän­de ent­flie­hen kann, nun aber erneut – und kras­ser – in einer Gefan­gen­schaft fest­steckt. Somit ist in mei­ner Les­art eine Flucht unmög­lich. Das heißt auch: kann ein Mensch, der so erzo­gen wur­de, in der “nor­ma­len” Welt über­haupt über­le­ben?
Es fin­den sich im Netz auch poli­ti­sche Deu­tun­gen zur Situa­ti­on Grie­chen­lands in der Wirt­schafts­kri­se 2009. Viel­leicht arbei­tet sich der Regis­seur am Pla­ton­schen Höh­len­gleich­nis ab, jedoch mit dem Unter­schied, daß die Per­son, die die “Höh­le” ver­läßt, in noch tie­fe­re Dun­kel­heit gerät – und die Son­ne gera­de nicht sieht.

Das könn­te man als eine sehr nihi­li­sti­sche Aus­sa­ge des Films deu­ten: die Außen­welt bricht zum Teil in die ‘hei­le’ Welt der Fami­lie ein, aber ein Ent­kom­men aus der ‘hei­len’ Welt ist nicht mög­lich. Ins­ge­samt: ja, ein ver­stö­ren­der Film, aber nicht so extrem, wie ich ihn erwar­tet hät­te.

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