Ich beginne den Konzertbericht etwas früher, nämlich mit der „Listening Party“ von Mesh am 22.3.26 auf Bandcamp, bei der das neue Album komplett gespielt wurde. Gemeinsam mit Menschen aus aller Welt hörte ich das neue Album – erstmalig neues Material nach dem Studioalbum “Looking Skyward” von 2016, das immerhin für Mesh einen Platz 12 in den deutschen Charts brachte.
“The Truth doesn’t matter” ist ein starkes Album, ein rundes Werk, denn das ist ja auch immer wichtig, daß eine Band “ihren Sound” trifft, den Fans mögen und wiedererkennen – und schon bei diesem ersten Hören kommentierten einige, das klinge gut nach ‘Mesh Retro’.
Klar ist aber auch: die Vorab-Auskopplungen “Exile”, “Hey Stranger” und “This World” sind die stärksten Songs, direkt gefolgt vom Titelsong oder auch “A Storm is coming”. Gefüllt wird das Album etwas durch drei kurze Instrumentalstücke, die möglicherweise für ‘Eingeweihte’ mehr Hintergrund haben.
Nach den Auftaktkonzerten in Deutschland und dem Prag-Abstecher stand vorab fest, welche ungefähre Setlist man zu erwarten hat – und ja, das sind fast alle Songs vom neuen Album, mit ein paar Klassikern aufgewertet bzw. abgerundet.
Mesh touren mit Mari Kattman, Frau vom Assemblage-23-Sänger Tom Shear, und Blackbook. Zu Kattman habe ich schon hier etwas geschrieben, Konzert vom letzten Herbst. Wir waren überrascht, als wir kurz vor offiziellem Beginn um 20 Uhr ins Carlswerk Victoria kamen – und Kattman schon am Ende ihres Auftritts war.
Kurz darauf folgten schon Blackbook, schweizer Band mit Sänger mit niederländischem Akzent. 😉
Ich kannte die Band von der einen oder anderen Veröffentlichung, auch wenn ich mich nie intensiver mit ihr beschäftigt hatte, weil Synth Pop für mich gerade nicht mehr so wichtig ist. Oft geht es mir mit diesen Bands so, daß ein Song haften bleibt, der sich dann auch in meinen Playlists findet, wie “Take the Pain” von Iris, “King of Pain” von Frozen Plasma oder auch “Suffer in Silence” von Blackbook. Das Duo hat gerade vor zwei Wochen ein neues Album veröffentlicht, das der Medienkonverter hier bespricht. Zitat: “Das ist alles sehr effizient – so effizient, dass man sich kurz fragt, ob hier irgendwo noch Platz für Zufall vorgesehen war. (…) Sie machen nichts falsch. Aber sie wagen eben auch nicht besonders viel. Und das merkt man.”
Letztlich: kann man sich gut anhören, sympathischer Auftritt, aber für mich im Synth-Pop-Rahmen ‘more of the same’.
Mesh dann schon gegen 21 Uhr auf der Bühne, also recht früh. Die Setlist war aus den vorherigen Auftritten bekannt und enthielt umfangreiches Material vom aktuellen Album “The Truth doesn’t matter”. Das mag man kritisieren, mag sich Best-of-Konzerte wünschen, aber die haben Mesh ja schon die ganzen Jahre gespielt. Klar ist, daß mit frischem Material nach so vielen Jahren ein Fokus bei den Konzerten zu erwarten ist.
Los ging es mit dem schon starken Titelsong, gefolgt vom für mich noch stärkeren “A Storm is Coming”, gefolgt von “My Protector”, das mir live wesentlich besser gefiel als ‘aus der Konserve’.
Nette, leider kurze Einlage mit “It Scares Me” a capella, dann gleich weiter mit der Single-Auskopplung “Hey Stranger”, ein mich emotional triggernder Song: “Hey Stranger, I cried for you for much too long, Everything I said was wrong, Everything we were is gone”
Dann mein aktuelles Lieblingslied von Mesh: “Lone Wolf” – mit dieser Mega-Videopräsentation im Hintergrund.
“He’s a lone wolf
No one that you’ve heard of
Just a nice guy
Sitting with the lights off
And no one cares what
he has to say
He’s a lone wolf
Just another psycho
Always friendly
Cooking in his silo
And no one sees why
it ends this way”
Direkt mit “Crash” der nächste Kracher und das erste Lied, bei dem das Publikum mal in Bewegung kam.
Weiter über “I bleed through you”, “Kill your Darlings”, “Not everyone is lonely” und “Everything as it should be”, das ich als schwächstes Lied der Show empfand, hin zu den beiden Duetten mit Mari Kattman, “Bury me again” (ganz stark!) und “Tilt”. Dieser Part eine klare Aufwertung der Show.
Danach begann die Schlußphase des Hauptteils: “State of Mind” (OK), “This World” (gut), “Hold and Restrain” (OK), doch dann wurde mit “Kill us with Silence” ordentlich aufgedreht. “Taken for Granted” hat mich live total als richtig krachiger Titel – auch emotional – überrascht – gerne mal reinhören!
“I just can’t take for granted
All the things I did before
I just can’t live this life
With all these dreams and nothing more
I’m starting to drink too much
It sharpens the memory but softens the touch
I’m starting to believe there’s no way back …”
Den Abschluß bildete “Be Kind”, ein Song, bei dem ich mir auch nach dem x‑ten Hören nicht klar bin, ob ich ihn mag oder nicht. Ja, er ist platt, ja, in einer Welt voller Kriege sollte man so eine Botschaft auch mal öfter aussprechen. Aber: klar ein guter Abschluß.
Kurze Pause, der Kerl hinter mir schrie sich die Lunge aus dem Leib: “MMOOOORE”.
Erste Zugabe das druckvolle “The Last One Standing”. Vor vielen Jahren habe ich den Song das erste Mal beim Mitternachtsreigen gehört, was zu einer erneuten Beschäftigung mit Mesh jenseits meiner all-time-favorites wie “You didn’t want me” oder “It scares me” führte.
Ich hätte mir “You didn’t want me” als Zugabe gewünscht, leider kam das für mich schwache “Born to Lie”. Vielleicht war es als Kontrapunkt zu “Be Kind” gedacht.
Und nach weiterer Mini-Pause “Exile”. Hier wird live deutlich, warum das eine Single-Auskopplung, also einer der stärksten Songs des neuen Albums ist: perfektes, energetisches Abschluß-Lied für ein tolles Konzert.
Das “Paket” aus Listening Party und Konzert zwei Wochen später war ideal.
Allgemeine Eindrücke: Zunehmend meine ich zu sehen, daß das Publikum bei Konzerten (allgemein) nicht mehr so mitgeht und aufdreht, wie es ‘früher’ war. Frenetisches Klatschen, Rufen, Mitsingen… ja, ab und an, aber ich meine, es hat sich etwas verändert. Liegt es an der medialen Übersättigung? Hat ein Konzert noch den Stellenwert, den es mal hatte? Sind die durchgetakteten, fest geplanten Auftritte vielleicht auch blutleerer geworden? Fehlt auf der Bühne Spontaneität? Konsumiert und filmt das Publikum, statt emotional mitzugehen?
Dann noch so eine Dissonanz: während z.B. im Podcast ‘Schwarzgesagt’ einmal alle 5 Minuten (gefühlt) der Begriff ‘Baby Bats’ fällt (oder häufig in diesen Interviews), fehlten diese Mini-Fledermäuse beim Mesh-Konzert – wie so oft bei Events der Schwarzen Szene der letzten Jahre. Eine Freundin meiner Frau meinte: “Puh, nicht die Ältesten hier…” Dann merkte sie, 10 Jahre jünger als wir, daß das komisch klingt und fügte hinzu: “Ja, selbst IHR nicht…” Stimmt, ich würde grob schätzen, der Altersdurchschnitt müßte so zwischen 35 und 40 gelegen haben, Corri May sagt, “eher 40–50”, aber “Gesichter des Todes” (AKA Ü60) waren doch auch selten; aber keine Angst, nächstes Jahr stoße ich dann hinzu. 😉
Das Carlswerk Victoria ist nicht meine Lieblings-Location, weil es schmal rechteckig ist, sich das Publikum vor der Bühne drängt, wodurch wenig Bewegung möglich ist. Das wird z.B. vom Matrix in Bochum noch übertroffen. Aber wenn man hinten steht, hat man einen guten Überblick, kann zwischendurch mal raus gehen: der Vorbereich mit Essen/Trinken, Garderoben und Toiletten ist wirklich nett. Schöner Abend, all in all.
