Das Grab der Mut­ter im Gar­ten

Ich habe zur Novel­lie­rung des Bestat­tungs­rechts in Rhein­land-Pfalz letz­tes Jahr einen Arti­kel geschrie­ben. Der SWR geht in einem aktu­el­len Bei­trag dar­auf ein, was sich ver­än­dert hat – und das ist erst­mal nicht viel. So habe es “erst 42 geneh­mig­te Fluss­be­stat­tun­gen in Rhein, Mosel, Saar oder Lahn gege­ben. Das ent­spre­che nur einem Tau­send­stel der Ster­be­fäl­le.”
(Hier spielt mög­li­cher­wei­se aber auch rein, daß Fluß­be­stat­tun­gen wegen des Nied­rig­was­sers im Som­mer aus­ge­setzt wor­den waren.)

Ande­rer­seits scheint es eine höhe­re Nach­fra­ge nach Auf­be­wah­rung oder Bei­set­zung der Asche “zuhau­se” zu geben – das mache 2% der Ster­be­fäl­le aus; Auf­ma­cher des Arti­kels ist eine Frau, die ihre Mut­ter im Gar­ten beer­digt hat.

Ich bin mir nach wie vor unsi­cher, was ich davon hal­ten soll. Ich begrü­ße Frei­heit und Eigen­ver­ant­wort­lich­keit, glau­be aber auch, daß es letzt­lich immer von den Ange­hö­ri­gen abhängt, was mit der Asche pas­siert: das beschrie­be­ne Gar­ten-Grab ist ein sehr posi­ti­ves Bei­spiel; das Gegen­teil wäre eine im Schrank ver­stau­ben­de Urne, die per Woh­nungs­räu­mung spä­ter ein­fach im Müll lan­det. Letzt­lich hängt die Ein­schät­zung dar­an, ob man mit dem Tod, mit einer toten Per­son ethi­sche und reli­giö­se Ansich­ten ver­kop­pelt.

Span­nend wäre eine Dis­kus­si­on die­ser moder­ni­sier­ten Bestat­tungs­pra­xis im Ver­gleich mit § 168 StGB – Stö­rung der Toten­ru­he. Dar­in geht es ja um das “Weg­neh­men” der Asche oder “beschimp­fen­den Unfug” damit – ja, das StGB hat manch­mal alter­tüm­li­che For­mu­lie­run­gen. Gemeint ist: die Toten­ru­he ist ein hohes Gut, das über fast 2000 Jah­re christ­li­cher Kul­tur in Form von Kör­per­be­stat­tun­gen sicher­ge­stellt wer­den soll­te. Dann kam auch in west­li­chen Gesell­schaf­ten die (vor­christ­li­che) Urnen­be­stat­tung wie­der in Mode – ver­mut­lich auch bedingt durch den immensen Preis­un­ter­schied der Bestat­tungs­for­men. Vom Urnen­grab über Kolum­ba­ri­en war der Weg vor­ge­zeich­net: die Urne zuhau­se, die freie Ver­fü­gung über die Urne.

Das bedeu­tet in letz­ter Kon­se­quenz, daß die Ver­ant­wor­tung für den die Toten­ru­he wah­ren­den Umgang mit der Asche aus den Hän­den staat­li­cher Regu­la­ri­en an die Hin­ter­blie­be­nen über­ge­ben wird. “Fried­hofs­schän­dun­gen” kön­nen öffent­lich ermit­telt und ver­folgt wer­den, bei der Urne im Pri­vat­ge­mach geht das nicht. (Und nur dar­über spre­chen wir, denn z.B. bei Fluß­be­stat­tun­gen ist die Asche ja sowie­so “weg”.)

Und wäh­rend Tote frü­her an einem gemein­sa­men, sicht­ba­ren, öffent­lich zugäng­li­chen Ort bestat­tet wur­den, kann der Mensch nun vor­ab ent­schei­den, daß er im Gar­ten bei­gesetzt wer­den möch­te, mit allem, was dann an Unwäg­bar­kei­ten bleibt: Ver­kauf des Grund­stückes, neue Besit­zer, “Ent­sor­gung” des unge­wünsch­ten Gra­bes, Neu­ge­stal­tung des Gar­tens…

Ich bin nicht grund­sätz­lich mis­an­throp, habe jedoch wenig Ver­trau­en in die Moral mei­ner Mit­men­schen. Daher kom­me ich mehr und mehr zum Schluß, daß die­se Locke­rung des Bestat­tungs­rechts not­wen­di­ge Regu­la­ri­en aus­höhlt und Belie­big­keit her­stellt – und damit mög­li­cher­wei­se “Stö­run­gen der Toten­ru­he” fahr­läs­sig erlaubt.

Kom­men­tie­re ger­ne, was DU dazu denkst. Rush out.

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