Dark Tou­rism oder: Die Fahr­leh­rer-Gesell­schaft

Ich hat­te mich auf den Neu­start des Schwarz­ge­sagt-Pod­casts Anfang 2026 gefreut und war dann zunächst posi­tiv über­rascht vom The­ma: ‘dunk­le’ Rei­se­zie­le. Wäh­rend ich noch mit­no­tier­te, was im nähe­ren Aus­land besu­chens­wert ist, stock­te ich beim The­ma Pri­pyat (Gei­ster­stadt nahe des explo­dier­ten Reak­tors in Tscher­no­byl) und dann bei einem mei­ner Schwer­punkt-The­men hier im Blog, dem Aoki­ga­ha­ra-Wald in Japan.

Wäh­rend zu Anfang kurz bereits der Begriff ‘Dark Tou­rism’ gefal­len war, was ich neu­tral auf­nahm, wur­de die­ser in der Fol­ge zu einer Nega­tiv-Chif­fre mit Betrof­fen­heits-Allü­ren umman­telt. Bei Pri­pyat ging es vor allem um das Leid der eva­ku­ier­ten Men­schen, was zu Spe­ku­la­tio­nen dar­über führ­te, ob man dort foto­gra­fie­ren dür­fe – mit beson­de­rer Beto­nung der ‘Sel­fies’. Dürf­te man dort denn ein Sel­fie machen? Die­se Aus­füh­run­gen sind so —- (hier stan­den ver­schie­de­ne For­mu­lie­run­gen, die mir alle zu offen­siv erschie­nen) – sagen wir, in Betrof­fen­heit schwel­gend. 

Viel schlim­mer ist natür­lich, daß im Rah­men der hier gege­be­nen Selbst­zen­sur der Mode­ra­to­ren der rie­si­ge Bereich der “Rück-Besie­de­lung” des Are­als außer acht gelas­sen wird. Da fällt die gesam­te Stal­ker-The­ma­tik weg, auf die ich hier kurz ein­ge­gan­gen bin – vom Roman ‘Pick­nick am Weges­rand’ hin zur Reak­tor­ka­ta­stro­phe, die im Grun­de eine Steil­vor­la­ge für die Stal­ker-Träu­mer, Ere­mi­ten und Aus­stei­ger war. Es gibt LEBEN in Pri­pyat, Men­schen, die dort län­ger­fri­stig zuhau­se sind, regel­mä­ßi­ge Besu­cher, ille­ga­le Stal­ker, ‘dark tou­rists’, aber nicht Schwarz­ge­sagt.

All das fällt beim Pod­cast inhalt­lich weg, weil schon das poten­ti­el­le Sel­fie vor Ort Stein des Ansto­ßes wäre.

Ganz kraß wird es beim Aoki­ga­ha­ra, dem im Grun­de jeder Bezug zum The­ma ‘Sui­zid’ abge­spro­chen wird: das sei auf­ge­bauscht wor­den, man kön­ne sich auch schön die Höh­len anschau­en, sinn­ge­mäß.
Zudem wir es hier ganz schräg, weil man sich zur Aus­sa­ge ver­steigt: da sei­en ja Schil­der ange­bracht, wo man nicht wei­ter­ge­hen dür­fe. Die “Obrig­keit” habe sich dabei ja was gedacht, daher geht man da nicht wei­ter! Mein anar­chi­sti­sches Herz kriegt gera­de beim etwas anti­quier­ten ‘Obrig­keit’ einen Schluck­auf – äh, leich­te Tachy­kar­die.

Regeln sind zum Ein­hal­ten da, so wer­den wir ganz selbst­ver­ständ­lich belehrt. Belehrt in einem Pod­cast einer (ehe­dem jugend­li­chen) Sub­kul­tur, die per se ein Gegen­ent­wurf zur Gesell­schaft der ‘Erwach­se­nen’ mit ihren Regu­la­ri­en ist / war.

Hier kommt mir eine Situa­ti­on mit einem Freund, die gera­de zwei Wochen zurück­liegt, in Erin­ne­rung: Vor uns auf der (frei­en) Land­stra­ße, früh­mor­gens, fuhr jemand mit 75–80km/h. Am Orts­schild stieg er auf die Brem­se, um dann mit uns „im Schlepp­tau“ mit 45 durch den Ort zu ‘crui­sen’.
Mein Freund zog die Augen­brau­en hoch, mein­te: “Das ist wie­der so ein ‘Fahr­leh­rer’ – alle mei­nen heu­te, sie sei­en Fahr­leh­rer…”

Wor­auf ich ein­stieg mit: “Stimmt, pas­siert mir oft ähn­lich in letz­ter Zeit, daß Leu­te auch ihre ganz eige­nen Ver­kehrs­re­geln machen: plötz­lich anhal­ten auf einer Vor­fahrt­stra­ße mit 3–4 Autos hin­ten­dran, um nett einen Links­ab­bie­ger durch­zu­win­ken. StVO war gestern, heu­te ist IVO, die indi­vi­du­el­le Ver­kehrs­ord­nung.”

Von da ist der Sprung nicht weit zu einem ganz grund­sätz­li­chen Ein­druck, der bei mir in den letz­ten gut 10 Jah­ren ent­stan­den ist: über­all Bes­ser­wis­ser und Ober­leh­rer.

In Ber­lin woll­te eine Per­son vor­letz­te Woche Streu­salz kau­fen, wur­de dann vom Bau­markt-Mit­ar­bei­ter dar­auf hin­ge­wie­sen: sie wis­se aber schon, daß sie das nicht benut­zen dür­fe?!
(Ver­ste­hen wir uns rich­tig: der Mit­ar­bei­ter ist für den Ver­kauf da. Er gibt ein Pro­dukt ab und kas­siert das Geld. Er hat kei­nen wei­ter­ge­hen­den Auf­trag, außer – Fres­se hal­ten.)

Woher kommt das? War­um habe ich den Ein­druck, in einer Dau­er-Beleh­rungs-Gesell­schaft zu leben, in der mir Men­schen auf fast jeder Ebe­ne (und teils gera­de da, wo es mich schmerzt,) ober­leh­rer­haft kom­men und mir mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger sagen wol­len, was ich zu tun oder zu den­ken habe?

Ich habe beim Nach­den­ken dar­über ver­sucht, dies aus der The­ma­tik “Ego-Gesell­schaft” abzu­lei­ten. Wenn ich für mich die wich­tig­ste Per­son bin, dann will ich a) kei­ne Inter­ven­tio­nen / Über­grif­fe ande­rer erdul­den, aber b) mög­li­cher­wei­se mei­ne Weis­hei­ten im Samen­er­guß-Prin­zip in die Gesell­schaft eja­ku­lie­ren. Es ist ja dem Selbst­wert durch­aus dien­lich, wenn ich die ‘dum­men Ande­ren’ mal beleh­re.
Ja, könn­te sein, ein Anteil viel­leicht, aber es trifft nicht wirk­lich. Wie ist es mit dem Dun­ning-Kru­ger-Effekt? Sicher ein Aspekt, aber auch nicht so domi­nie­rend, weil ein bestimm­ter Men­schen­schlag vor­han­den sein muß.

Dann ist mir auf­ge­fal­len, daß ich viel­leicht zum Ursprung zurück­blicken muß: dem Schwarz­ge­sagt-Pod­cast. Die­ser ist von der The­men­aus­wahl wie auch der Selbst­be­schrei­bung (zumin­dest) des Mode­ra­tors ‘links’ ver­or­tet.

Schaue ich auf lin­ke Poli­tik, dann begeg­net mir die­ses Bes­ser­wis­sen, das Vor­ge­ben von Regeln. Lin­ke und grü­ne Poli­ti­ker z.T. ohne Aus­bil­dung oder Stu­di­um, die sich zu mora­li­schen Instan­zen auf­schwin­gen – ja, da hat man doch genau die­sen Beleh­rungs­ef­fekt. Aber es wäre wie­der­um zu ein­fach zu sagen, die Leu­te haben sich das da eben abge­schaut.

Noch ein ande­rer Effekt mag mit­schwin­gen: wir leben in einer Art Absi­che­rungs­ge­sell­schaft; da hat sich etwas über die letz­ten ca. 30 Jah­re ver­än­dert. Die Wet­ter- und Warn-Apps machen es vor: stän­dig wird gewarnt, weil es im Win­ter tat­säch­lich mal schnei­en und glatt sein könn­te. Die Schu­len fal­len aus, weil die Kin­der bei 2cm Neu­schnee nicht kom­men kön­nen. Das ist so ein “cushio­ning”, eine Art ‘betreu­tes Leben’ – und das färbt mög­li­cher­wei­se ab: Men­schen, die stän­dig belehrt wer­den, gehen in die­sen Modus über – und beleh­ren ande­re.

Wie ich es dre­he und wen­de: ich mei­ne, die eine Erklä­rung gibt es nicht. Ich stel­le mir das eher wie eine Petri­scha­le mit Nähr­lö­sung vor: ich gebe ver­schie­de­ne Din­ge rein, da bil­det sich ein Kon­glo­me­rat, das auf­blüht. Aber: der Links­ruck in der Gesell­schaft (Auf­kom­men der Grü­nen und einer Par­tei links der SPD, Mer­kel als eher lin­ke Kanz­le­rin, die Scholz-Regie­rung, die Ver­teu­fe­lung kon­ser­va­ti­ver Posi­tio­nen als rechts­extrem…) spielt m.E. stark hin­ein, weil die­ses Beleh­ren eben ein klas­si­sches Ele­ment lin­ker Posi­tio­nen ist. Rechts (oder auch jen­seits die­ser Dicho­to­mie) setzt man auf Eigen­ver­ant­wor­tung, links schreibt man vor.

Noch­mal zurück zur Pod­cast-Fol­ge: War­um nimmt man über­haupt das The­ma Aoki­ga­ha­ra auf, wenn man alles in Abre­de stel­len will? Auch das erschließt sich vor den obi­gen Aus­füh­run­gen: es ist natür­lich ein Re-Framing, eine beson­de­re Form des Beleh­rens. Es soll Wirk­lich­keit umge­deu­tet wer­den. Das, nichts ande­res, ist das Ziel, sonst hät­te man den Wald kom­plett weg­las­sen kön­nen, wenn man damit nichts anfan­gen kann.

Und wenn man nicht auf­paßt, über­sieht man den eigent­li­chen Skan­dal: mit der Dis­kus­si­on pro/contra Sel­fie und zu sanf­tem statt dunk­lem Tou­ris­mus wer­den die eige­nen Befind­lich­kei­ten genährt, wäh­rend tau­sen­de Tote über das letz­te hal­be Jahr­hun­dert im Aoki­ga­ha­ra kom­plett tot­ge­schwie­gen, und damit fast schon ein zwei­tes Mal (medi­al) getö­tet wer­den. Aber, bit­te, kei­ne Fotos!

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