Mit seinem Roman Stolen Tongues hat mich Felix Blackwell begeistert. “The Cold People” habe ich dreimal begonnen, aber abgebrochen; gleiches (einmal) gilt auch für “The Church beneath the Roots”. Nun bin ich über den neuen Roman “The Sorrowstones” gestolpert und hatte gleich wieder den Lesefluß wie beim ersten Titel – zumindest bis kurz vor dem Ende…
Aber: Sorrowstones ist für mich keine Gänsehaut-Lektüre; das Bedrohungsgefühl entsteht eher langsam, also bis Leser und der Protagonist Cole merken, daß die Lage ziemlich aussichtslos ist. Ich muß minimal spoilern…
Die ‘Sorrowstones’ hätten auch Glückssteine heißen können, denn sie haben positive und negative Auswirkungen, aber die negativen sind die dominanteren, die, die ins Auge fallen.
Wir begleiten Cole, zu Beginn 11 Jahre alt, über mehrere Jahre durch seine Schulzeit. Bei einer Trick-or-Treat-Runde zu Halloween erhält er von einem Unbekannten in seine Tüte den ersten Sorrowstone. Cole erlebt, wie ein gesundheitliches Problem beim ihm verschwindet, während ein guter Freund eines entwickelt – ein wesentlich krasseres.
Es folgen weitere Steine, kleine Tierfiguren aus Stein, Knochen, Holz, meist an Halloween – und Cole erlebt, wie Menschen um ihn herum in die Psychiatrie eingewiesen werden, sterben, entstellt werden. Sein Nachname “Graves” wirkt wie programmatisch. Hier kommt der Horror leise in die Geschichte, als (für eine Seite) ‘Erleichterung’ verkleidet, aber er wird immer mächtiger – und die Auswirkungen der Steine, die Cole bei ca. 50% des Buches durchschaut hat, werden teils sehr drastisch geschildert. Aber: ich lese das und fühle mich seltsam distanziert. Ich vermute, es liegt an der Wirkungsweise dieser Figuren, die, was Horror angeht, nicht “my kink” sind.
Ein anderes Thema, das ich zunächst als nebensächlich angesehen hatte, sind die Jungs in der Schule, die andere mobben und tyrannisieren, im Buch ‘bullying’. Ich dachte, das ist ‘Füllmaterial’ für die Länge des Romans, aber dem ist nicht so, weil dieses Thema am Ende wichtig wird.
Nach gut Dreiviertel des Buchs war ich mir sicher: das ist als Parabel auf unsere westliche Welt zu sehen, in der es immer mehr Mega-Reiche gibt, während zunehmend mehr Menschen ihre alltäglichen Dinge nicht mehr zahlen können.
Soll heißen: Reichtum und Wohlergehen werden auf Kosten anderer erreicht, was auch die ganz konkrete materielle Auswirkung eines Sorrowstones von Cole ist.
Somit dachte ich: aha, die moralische Lehre des Romans soll sein: werde dir bewußt, daß du Wohlstand auf Kosten anderer erlebst. Gebe von deinem Besitz weg, beende das eigennützige Denken und verteile etwas von deinem Reichtum. Das trifft es nicht 100%…
Nebenbei: weiterer Handlungsstrang ist die zunächst nicht erfolgreiche Suche nach der Person, die Cole die Figuren gibt. Hier wird eine Zufallsbekanntschaft zu einer Schlüsselfigur.
Die “Magie” dieser Figuren wird sehr drastisch, sehr mächtig geschildert, wie gesagt. Es bleibt unklar, ob sie als ‘Fluch’ oder dämonisches Wirken zu verstehen sind. Sie erzeugen auch geisterhafte Erscheinungen und Alpträume.
Auf das Ansammeln der Sorrowstones muß das Fortgeben folgen, das bemerkt auch Cole. Bei all dem Leid, das er im Umfeld erlebt, ist irgendwann nur noch Schadensbegrenzung angesagt. Damit verbunden entsteht im Protagonisten eine immense Schuld, ein Gefühl, persönlich für das Unglück anderer verantwortlich zu sein.
Doch wie konnte sich der ‘Geber’ von den Figuren trennen? Man muß ja auch den eigenen Profit aufgeben…
Hier beginnt das turbulente Ende des Romans. Es ist schnell geschrieben, wirkt auf mich ein wenig improvisiert, auch weil die Erklärung dafür, warum gerade Cole der Empfänger der Steine war, eher trivial ist. (Ok, wenn ich das so lese, muß ich einschränken: für mich ist es trivial als Element dieses Horrorromans, aber i.S. des Beschriebenen ist es eine immense Leiderfahrung für die Beteiligten.)
Es wird, soviel kann ich sagen, keine klare, komplett nachvollziehbare Erklärung für die Sorrowstones geboten, sondern das Thema wird v.a. auf einer psychologischen Ebene wirkmächtig: das Leid(en) ist, ähnlich wie im Buddhismus, der Aufhänger. Der aktuelle Besitzer der Steine ist eine Art Ankerpunkt, aus dem heraus die Kräfte der Figuren wirken. Es ist ein ‘kalter’, nicht steuerbarer Mechanismus; steuerbar ist nur, wer die Figuren besitzt.
Was bleibt von der Parabel, die ich zunächst als Deutung favorisierte? Hätte jeder, der auf Kosten anderer lebt, Coles Verständnis dafür, daß die eigenen Boni sich als Mali für andere auswirken, könnte die Welt etwas besser werden. Aber ich bin mir fast sicher, daß Blackwell keine gesellschaftliche Dimension vor Augen hatte – oder, wenn doch, dann eher auf der konkreten Ebene dieses Themas Mobbing, das sich durch das Buch eben auch als roter Faden zieht.
Das Buch kann mich bis ca. 90% begeistern: zuerst erlebt man als Leser mit, wie Cole die Figuren immer besser versteht. Man leidet mit ihm, wenn wieder Unheil geschieht. Übergang und Mitfiebern: wie wird er die Teile wieder los? Geht das überhaupt? Trotzdem: weil diese Steine so unglaublich mächtig sind, also auf ganz verschiedenen Ebenen, ist das für mich ein wenig inhaltlicher ‘overkill’. Vielleicht ist das der Grund, wieso ich sehr schnell gelesen habe und v.a. am Ende, an der Auflösung interessiert war.
Dann kommt dieser sehr an eine dämonische Vision erinnernde Schlußabschnitt – und man ist doch eher ‘lost’. Ich würde fast vermuten, der Autor wollte das so, damit man als Leser eben kein einfaches ‘Happy End’ erleben darf. Man muß fragen: selbst wenn Cole die Steine weggibt, was bleibt von ihrer Wirkung in ihm?
Und: eine komplette Kindheit wurde zerstört; es wird nie gute Erinnerungen für ihn geben: auch das dürfte Menschen, die Traumata in der Kindheit erlebt haben, bekannt vorkommen.
Der Roman ist nicht auf dem Level von Stolen Tongues, aber durchaus lesenswert, weil er dazu anregt, sich mit Ungleichheit und Mobbing / Gewalt zu befassen. Auf der psychologischen oder philosophischen Ebene mag er dazu anregen, über das Thema Leid nachzudenken. Die Sorrowstones transportieren es wie eine Grundmechanik unseres Universums, sie sind der Aufhänger, über den wir zu einem Verständnis kommen können, wie Gewalt und Leid in unserer Welt entstehen und weitergegeben werden.
Neulich habe ich das hier als Abschluß gesetzte Zitat gefunden:
»Unsere Gesellschaft ist so organisiert, dass der Zugang zu Macht mit dem Zugang zu Gewalt verbunden ist. Menschen, die für andere sorgen, dürfen kaum wichtige Entscheidungen treffen. Es sind die Armeechefs, die Bosse von großen Konzernen und so weiter, die bestimmen, wie wir alle unser Leben leben. (…) Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die nach den Idealen dieser Leute organisiert ist?«
[David Graeber, zit. in ND – Journalismus von Links]